Forscher fordern, Fundorte seltener Arten geheim zu halten

Wilderer und Händler sollen nicht losziehen und die Tiere fangen können. Aber kann das Versteckspiel gelingen?

Kaum hatten Zoologen Daten zum Fundort des Borneo-Taubwarans publiziert, tauchten die ersten Echsen im Handel auf. Foto: Wikipedia

Kaum hatten Zoologen Daten zum Fundort des Borneo-Taubwarans publiziert, tauchten die ersten Echsen im Handel auf. Foto: Wikipedia

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München ist ihre Heimat, nirgendwo sonst. Die wenige Millimeter grosse Zwergdeckelschnecke Sadleriana bavarica gibt es ausschliesslich in der bayerischen Landeshauptstadt; ihre nächsten Verwandte leben in Slowenien. Wo aber genau im Stadtgebiet versteckt sich die winzige Wasserschnecke?

Bei dieser Frage wird Gerhard Haszprunar, Direktor der Zoologischen Staatssammlung München und Mit-Entdecker der Art, ausweichend: «In einem Nebenfluss der Isar im Norden Münchens. Genauer sag' ich es nicht.» Andere Wissenschaftler erhielten aber auf Nachfrage selbstverständlich die exakte Ortsangabe, versichert der Zoologe.

Haszprunars Umgang mit dem Lebensort der Schnecke würde bei David Lindenmayer und Ben Scheele vermutlich auf viel Wohlwollen stossen. In einem Meinungsbeitrag im Fachmagazin Science fordern die beiden Biologen von der Australia National University in Canberra, nicht länger die exakten Fundorte seltener Arten zu veröffentlichen. Andernfalls trügen Wissenschaftler womöglich ungewollt zum Artensterben bei, indem sie Händlern und Sammlern mehr oder weniger die Wegbeschreibung zu den begehrten Exemplaren lieferten.

Leichtes Spiel für illegale Händler

Daher führe kein Weg daran vorbei: «Biologen müssen Teile ihrer Jahrhunderte alten Publikationskultur überdenken.» Den Science-Autoren zufolge wird das Problem immer drängender, weil Fachmagazine ihre Artikel zunehmend im Rahmen des sogenannten Open Access auch für Nicht-Wissenschaftler frei zugänglich machen. So hätten unter anderem illegale Händler ein leichtes Spiel.

Der Lebensraum einer Population von Schmuckflossenfüssen wurde niedergetrampelt Doch so einleuchtend der Vorschlag der partiellen Geheimhaltung klingt, so sehr widerspricht er dem Grundprinzip der Forschung, Wissen zu teilen. «Es stehen sich zwei ehrenvolle Intentionen gegenüber, die sich manchmal schwer vereinen lassen», sagt Haszprunar. «Einerseits sollte Wissenschaft nachvollziehbar sein – das ist an sich eine ganz klare Geschichte.» Auch Lindenmayer und Scheele räumen ein, dass das Zurückhalten der Fundorte Nachteile mit sich bringe, da es den Austausch unter Forschern ebenso behindern könnte wie das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit.

«Andererseits gibt es eben nicht nur gute Menschen», sagt Haszprunar, «sondern auch solche, die einen Fundort in kommerzieller Absicht abräumen.» Vor diesem Schicksal will der Zoologe die Münchner Zwergdeckelschnecke bewahren – auch wenn es von ihr noch so viele Individuen gibt, dass ein paar weniger die Art kaum gefährden würden. Doch auch ihr Lebensraum soll von zu viel menschlichem Besuch verschont bleiben.

Vertrauensverhältnis zu Landbesitzer zerstört

Wie negativ sich der auswirken kann, beschreiben Lindenmayer und Scheele in Science anhand eigener Erfahrungen. In einer frei zugänglichen Datenbank hatten die Biologen angegeben, wo genau in Australien sie den Schmuckflossenfuss, ein Schlangen-ähnliches Reptil, entdeckt hatten. Es handelte sich um Privatland, das kurz darauf zahlreiche Menschen auf der Suche nach dem seltenen Reptil ungefragt besuchten. Dass dabei auch ein Teil der Ernte des Landbesitzers vernichtet wurde, zerstörte das «jahrelang aufgebaute Vertrauensverhältnis zwischen Forschern und Landbesitzern», schreiben die Biologen.

Um das Dilemma zwischen Geheimhaltung und öffentlich zugänglichen Forschungsergebnissen zu lösen, schlagen sie den gleichen Weg vor, den auch Haszprunar praktiziert: Die exakten Ortsangaben sollten nicht in der wissenschaftlichen Publikation genannt, aber anderen Forschern und relevanten Institutionen auf Nachfrage mitgeteilt werden.

Bei Mark Aulyia vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig rennen die Science-Autoren mit dieser Forderung offene Türen ein. Als Aulyia zusammen mit Kollegen vor fünf Jahren im Journal of Threatened Taxa einen auf Borneo heimischen Taubwaran beschrieb, enthielt der wissenschaftliche Artikel statt der genauen Funddaten diese Erklärung: «Weil die Art selten ist und man nicht ausschliessen kann, dass Händler und Sammler die genauen Informationen missbrauchen könnten, werden die GIS-Daten zurückgehalten.»

Ruf nach verbindlichen Richtlinien

Nicht jede Tiergruppe leidet gleichermassen, wenn einige Individuen gefangen werden Allerdings stellt das Beispiel des Taubwarans auch infrage, wie viel das Geheimhalten der Fundorte tatsächlich bewirken kann. Schon kurz nach der Veröffentlichung tauchten die ersten Borneo-Taubwarane in einem Zoo in Japan auf. «Heute gibt es viele Exemplare in Privathaushalten in Deutschland, Tschechien, den USA und Russland», sagt Auliya. «Und wir wissen nichts darüber, wie es der Population auf Borneo geht.» Zumindest scheinen zunehmend mehr Wissenschaftler für das Thema sensibilisiert zu sein, sagt Aulyia. Noch aber liegt es im Ermessen jedes einzelnen Forschers, wie er den Schutz einer Art im Verhältnis zur wissenschaftlichen Offenheit gewichtet.

Der Leipziger Biologe wünscht sich dagegen verbindliche Richtlinien. Diese müssten auch berücksichtigen, dass nicht jede Tiergruppe gleichermassen leidet, wenn einige Individuen aus der Population genommen werden. «Bei Insekten zum Beispiel mit ihrer hohen Vermehrungs-Kapazität wäre die Entnahme eines einzelnen Tiers irrelevant», sagt der Zoologe Gerhard Haszprunar. Insekten sind vor allem auf ein intaktes Ökosystem angewiesen – das allerdings ebenfalls unter zu grossem menschlichen Andrang leiden kann.

Ähnlich liegt der Fall der Münchner Zwergdeckelschnecke. Auch sie benötigt einen geschützten Lebensraum. Bisher habe sie keine Probleme, sagt Haszprunar. «Meine Mitarbeiter schauen ab und zu nach ihr. Es geht ihr gut.» (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 13.07.2017, 15:14 Uhr

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