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Fast die Hälfte aller Fohlen stirbt auf der Schlachtbank

Am Wochenende lockt der Marché Concours einmal mehr die Pferdeliebhaber in den Jura. Was viele nicht wissen: Über 40 Prozent der Freibergerfohlen enden in der Metzgerei.

Stolz präsentieren am Wochenende am traditionellen Pferdefest der Freiberge in Saignelégier die Freibergerzüchter ihre schönsten Tiere. Bei den traditionellen Bauern-Pferderennen und den spektakulären Wagenrennen am Sonntag jubeln Tausende von Pferdeliebhabern den Vierbeinern der einzig echten Schweizer Pferderasse zu. Was den Baslern ihre Fasnacht und den Zürchern ihr Sechseläuten, ist den Jurassiern der Marché Concours.

Aber nicht nur im Jura, auch in der übrigen Schweiz ist das Freibergerpferd ein ausgesprochener Sympathieträger. Und es steht nicht nur in der Gunst der Öffentlichkeit, sondern auch in der des Staats. Erhielten die Züchter des leichten Freiberger Kaltblutpferdes früher im Rahmen der Agrarpolitik und speziell auch als Lieferanten der Schweizer Armee grosszügige Prämien für ihre Stuten, so profitieren sie heute von Bundesbeiträgen, welche speziell dem Erhalt «des lebenden Kulturguts» dienen sollen, wie es im entsprechenden Papier des Bundesamts für Landwirtschaft heisst.

Gefährlich kleiner Genpool

Das Freibergerpferd ist mit einem geschätzten Bestand von rund 20'000 Tieren zwar nicht eine vom Aussterben bedrohte Rasse; mit nur noch rund 3500 gedeckten Stuten im letzten Jahr ist die Population genetisch aber auf ein kritisches Niveau geschrumpft. Als Art, die man «beobachten» müsse, gelten die Freiberger gemäss den Kriterien der FAO und der Europäischen Vereinigung für Tierproduktion, auf die sich das Bundesamt abstützt. Die Schweiz hat die aus der Umweltkonferenz von Rio 1992 resultierende Konvention über die biologische Vielfalt ratifiziert und sich damit verpflichtet, im Rahmen der Möglichkeiten die Erhaltung ihrer genetischen Ressourcen zu unterstützen. Davon profitieren heute auch die Freibergerzüchter.

Für eine sogenannt herdebuchberechtigte Stute, die ein Fohlen bekommt, erhält ihr Besitzer jährlich 400 Franken Rasseerhaltungsprämie. Diese ergänzt die allgemeinen Direktzahlungen an sogenannte Raufutterverwerter, die der Bund unabhängig von der Rasse an alle landwirtschaftlichen Pferdehalter auszahlt. Darüber hinaus erhält zusätzliches Geld, wer sich vertraglich verpflichtet, seine Stute mit bestimmten Hengsten aus heute seltenen, alten Hengstlinien zu decken, um so ein sogenannt original Freibergerfohlen mit weniger als 2 Prozent eingekreuztem Fremdblut zu erhalten.

Ohne all diese finanzielle Unterstützung der Züchter und die zusätz- lichen Fördermassnah-men, die das schweizerische Nationalgestüt in Avenches für die Freibergerzucht leistet, gäbe es heute noch viel weniger von den gutmütigen, pflegeleichten Schweizer Pferden. Was die Freibergerzüchter und -förderer allerdings gerne verschweigen: Noch immer geht fast die Hälfte des Pferdenachwuchses im Herbst des ersten Lebensjahres in den Schlachthof. Vor allem die männlichen Fohlen landen meist nicht zur weiteren Aufzucht auf einer schönen Juraweide, sondern als Fohlensteak beim Metzger. Von den im letzten Jahr registrierten rund 2700 Freibergerfohlen erlitten laut Ruedi von Niederhäusern, im Nationalgestüt verantwortlich für 40 Freibergerhengste, rund 44 Prozent dieses Schicksal.

Fohlen, die auf den regionalen Fohlenschauen im Herbst nicht hoch bewertet werden und daher keine Käufer finden, haben kaum eine Chance, den Winter zu überleben. Denn die Aufzucht durchschnittlicher Jungpferde lohnt sich für die Züchter ökonomisch nicht. Für ein Fohlen hingegen erhalten sie am Ende der für sie fast kostenlosen Weidesaison je nach Gewicht immerhin zwischen 1000 und 1500 Franken.

Aufzucht ist teuer

Grund dafür ist die insgesamt schwache Nachfrage nach dem «lebenden Kulturgut» auf vier Hufen: Trotz aller Bemühungen des Freiberger-Zuchtverbandes und des eidgenössischen Gestüts ist mit den braven Hafermotoren von einst kaum Geld zu verdienen. Für ein vier- bis fünfjähriges Pferd, das an Sattel, Reiter, Wagen und Kutscher gewöhnt ist, bezahlt man kaum mehr als 5000 Franken. Nur ganz wenige Freiberger, am ehesten Nachwuchshengste, erzielen einen Preis von über 10'000 Franken.

«Die Zucht rentiert nicht», sagt Stefanie Meier, bis vor wenigen Jahren selber Freibergerzüchterin und Mitglied der Interessengemeinschaft für das Original Freiberger Pferd (IG OFM). «Bis ein Pferd so ausgebildet ist, dass man es mit gutem Gewissen auch einem Reitanfänger anvertrauen kann, kostet das mich 20'000 Franken», sagt Meier, die im Engadin im Pferdetourismus tätig ist. Wer heute Freiberger züchte, tue dies aus Liebhaberei. «Es gehen so viele Fohlen in die Metzgerei, weil die Aufzucht teuer ist», bestätigt Sibylle Menet von der Stiftung Pro Specie rara, die sich speziell für die gefährdeten original Freiberger einsetzt und Partnerin in der Interessengemeinschaft ist.

Am hohen Anteil der in der Szene so genannten Metzgfohlen hat auch Ruedi von Niederhäusern vom Nationalgestüt keine Freude. Er verweist aber auf die in den letzten Jahren erzielten Fortschritte. «Vor 20 Jahren landeten noch 80 Prozent der Fohlen in der Metzgerei, heute sind es nur noch zwischen 40 und 45 Prozent, Tendenz sinkend». Dank den gemeinsamen Bemühungen des Zuchtverbandes und des Nationalgestüts sei es in den letzten Jahren gelungen, den Markt für Freiberger als vielseitig einsetzbare Freizeitpferde zu vergrössern. Zwischen 250 und 300 Freiberger würden pro Jahr sogar ins Ausland exportiert. «Wer heute züchtet, züchtet für diesen Markt und nicht mehr fürs Fleisch», sagt von Niederhäusern.

Umstrittene Stutenprämien

Albert Peter, Präsident des Schweizer Haflingerverbandes, der wie die Schweizer Warmblut-Sportpferdezüchter und die immer zahlreicheren kleinen Rassenverbände mit Bundesgeld weniger verwöhnt ist, hat da seine Zweifel: «Vor allem im traditionellen Zuchtgebiet im Jura gibt es immer noch Ställe mit mehr als zehn Stuten, vor denen man weder Sattel und Zaumzeug noch ein Anspanngeschirr findet.» Peter kritisiert neben der einseitigen Förderung der Freiberger auch das Giesskannenprinzip. «Mit der Stutenprämie wird auch der Züchter unterstützt, der rein gar nichts dafür tut, bessere Tiere zu produzieren», sagt Peter.

Verschwunden sind heute immerhin die schlimmen Bilder von panisch wiehernden Fohlen, die direkt auf dem Fohlenmarkt erstmals von ihrer Mutter getrennt und als schlecht punktierte sogenannte Absetzer unter den Augen des Publikums gleich vor Ort in den Metzger-Lastwagen verladen wurden. Heute geschieht das Absetzen der Fohlen und der Abtransport in den Schlachthof in der Regel humaner und diskreter.

Von dieser weniger schönen Seite der Freibergerzucht ist am Wochenende in Saignelégier nichts zu sehen, wenn die fröhlichen Fohlen einmal mehr die Herzen der Besucherinnen und Besucher zum Schmelzen bringen.

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