Erst waren es die Gletscher – jetzt sind es die Feuer

Es wäre angebracht, über den Klimawandel zu sprechen. Paradox ist nur: Das generelle Interesse scheint geringer denn je.

Heftige Waldbrände haben in Griechenland Dutzende Tote gefordert. (24. Juli 2018) Video: Tamedia/AFP
Martin Läubli@tagesanzeiger

Erst waren es die Gletscher, die Ende der 1980er-Jahre ungewöhnlich zu schmelzen begannen. Die Vorstellung, an der Stelle des Morteratschgletschers früher oder später eine Steinwüste vorzufinden, war unerträglich. Später kamen das Elbhochwasser, die Sturmflut von New Orleans oder die Überschwemmung 2005 in der Schweiz. Sie galten als Indizien, dass sich das Klima auf unserem Planeten verändert. Es gab die Hitzewelle in Europa 2003, die ungeheure Trockenperiode in Kalifornien, die brutalen Dürre­katastrophen in Afrika, die starken Monsunfluten in Südostasien.

Diesen Sommer ist es wieder ungewöhnlich trocken und heiss in Europa. Es brennt nicht nur in typischen Regionen wie Griechenland, sondern selbst im hohen Norden wie noch nie in den letzten Jahren.

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Es brauchte, so zynisch es klingen mag, in den letzten Jahrzehnten diese Extreme. Sie halfen, in der internationalen und nationalen Klimapolitik überhaupt einen kleinen Fortschritt zu erzielen. Sie sind in der Öffentlichkeit ein emotionales Mittel, die Gesellschaft aufzurütteln. Auch wenn die Klimaforscher keines dieser Einzelereignisse mit letzter Sicherheit dem vom Menschen verursachten Klimawandel zuschreiben konnten. Aber die Katastrophen verwandelten den abstrakten Wert der durchschnittlichen globalen Erderwärmung in eine konkrete Vorstellung. Was kann alles passieren, wenn es noch wärmer auf der Erde wird? Stärkere Stürme, längere Dürren, grössere Hochwasser, massive Eisverluste in den Hochgebirgen und an den Polen, Erhöhung des Meeresspiegels, veränderte Ökosysteme. Heute gibt es unter den allermeisten Klimaforschern keine Zweifel mehr darüber.

Slider hin und her schieben: Blick auf Europa am 6. Mai und 26. Juli. (Bilder: Nasa)

Die Erde hat sich global im Vergleich zur vorindustriellen Zeit um 1 Grad erwärmt. In der Schweiz sind es bereits 2 Grad und in der Arktis sogar noch mehr. Das ist Fakt. Und unumkehrbar während Generationen, selbst wenn wir die Emissionen an Kohlendioxid (CO2) aus der Verbrennung fossiler Treib- und Brennstoffe morgen auf null senken.

«Über abschmelzende Schweizer Gletscher mag sich niemand mehr empören.»

Inzwischen können die Wissenschaftler auch extreme Wetterereignisse dem Klimawandel zuordnen. Mithilfe der globalen Summe der erfassten Hitzetage der letzten Jahrzehnte ist das statistisch machbar. Sommer wie 2003 oder auch der diesjährige kommen durch natürliche Umstände praktisch nie vor. Erwärmt sich die Welt um ein weiteres Grad, so ver­doppelt sich die Wahrscheinlichkeit für extrem heisse Tage.

Paradox ist nur: Obwohl die Wissenschaft heute viel mehr Fakten liefert, scheint das generelle Interesse am Klimawandel in der Öffentlichkeit geringer denn je. Über die abgeschmolzenen Schweizer Gletscher – allein im Jahr 2016 verloren sie einen Kubikkilometer Eisvolumen – mag sich niemand mehr empören. Überschwemmungen und Dürren sind medial zur Gewohnheit geworden. Und wer an diesen Tagen über 30 Grad Hitze vom Klimawandel redet, gilt bei Sonnenanbetern als Spielverderber. Was gibt es Schöneres als warme Tage in den Sommerferien?

Dabei wäre nun der richtige Zeitpunkt, das Thema wieder in den Fokus zu rücken – nach dieser ungewöhnlichen Hitzewelle, die einen grossen Teil Europas trifft. Seit Jahren gab es im hohen Norden, namentlich in Schweden, keine Waldbrände dieses Ausmasses. Die Feuer kommen ein Jahr nach der schlimmsten Waldbrandsaison, seit Feuer registriert werden. Nur waren im letzten Jahr Italien, Portugal und Spanien betroffen, alles Länder, in denen der Wald regelmässig brennt. In der Schweiz herrscht in vielen Regionen höchste Waldbrandgefahr. Meteorologen verzeichnen in diesem Sommer eine Rekordwärme von April bis Juli. Es war heisser als im Jahrhundertsommer 2003.

Schweiz will Emissionen um 50 Prozent senken

Die Klimaforscher warnen: Wenn die Erwärmung weiter steigt – mehr als 1 Grad Celsius –, wird das Risiko stark erhöht, dass die Erde einen Klimazustand erreicht, den wir nicht kennen. Diese Gefahr wurde bereits 1992 erkannt, in Rio de Janeiro, als in der UNO-Klimakonvention festgeschrieben wurde, im Sinne der Vorsorge alles zu unternehmen, um die Erde und ihre Lebewesen nicht in Gefahr zu bringen.

Der Klimawandel untersteht letztlich der gesellschaftlichen Frage, welches Klimaszenario der Wissenschaftler wir bereit sind zu ertragen und zu bezahlen. Gradmesser gibt es in diesem Jahr: Die Vertragsstaaten des Pariser Klimaabkommens müssen an der Klimakonferenz im Dezember die Grundlage legen, um die Vertragsbestimmungen ab 2020 umsetzen zu können. Immerhin haben sie sich im Pariser Abkommen erstmals für ein Klimaszenario entschieden: Die globale durchschnittliche Jahrestemperatur auf der Erde darf sich maximal nicht mehr als um 2 Grad erhöhen. Die Schweiz will ihren Beitrag dazu leisten und die Emissionen der Treibhausgase bis 2030 um 50 Prozent gegenüber 1990 senken – gestritten wird aber, wie viel davon im Inland.

Wer sich wohl an den heissen Sommer erinnern wird?

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