Die Schweiz soll wuchern

Die Wildkatze erinnert als Tier des Jahres 2020 daran, wie wichtig wilde Flächen in der aufgeräumten Schweiz sind.

Die Wildkatze wurde als «Botschafterin für wilde Wälder, deckungsreiche Kulturlandschaften und wirkungsvollen Naturschutz» zum Tier des Jahres 2020 erklärt. Foto: Keystone

Die Wildkatze wurde als «Botschafterin für wilde Wälder, deckungsreiche Kulturlandschaften und wirkungsvollen Naturschutz» zum Tier des Jahres 2020 erklärt. Foto: Keystone

Hans Brandt@tagesanzeiger

Bei Baldrian wird die Wildkatze schwach. Sie mag noch so scheu sein, den Menschen meiden und sich tief im Wald verbergen – einem mit Baldrian behandelten Holzstab kann sie nicht widerstehen. Sie reibt sich genüsslich daran, verteilt den Duft in ihrem Fell. Und hinterlässt dabei einige ihrer Haare.

Auf diese Weise werden Wildkatzen erforscht: In den letzten Jahren haben Wissenschaftler in Schweizer Wäldern Fotofallen mit Lockstecken eingerichtet, um festzustellen, wie viele Wildkatzen inzwischen wieder bei uns leben. Das Ergebnis war überraschend und erfreulich: Die Wildkatze ist in die Schweiz zurückgekehrt, nachdem die kleinen Raubtiere im 18. und 19. Jahrhundert fast ausgerottet worden waren. Mehrere Hundert Wildkatzen sind vor allem im Schweizer Jura heimisch und breiten sich weiter aus.

Die Naturschutzorganisation Pro Natura hat die Wildkatze zum Tier des Jahres 2020 erklärt, als «Botschafterin für wilde Wälder, deckungsreiche Kulturlandschaften und wirkungsvollen Naturschutz». In der aufgeräumten Schweiz sollten mehr Wildnisgebiete entstehen, schreibt die Organisation. Das muss nicht bedeuten, dass Felder aufgegeben werden. Es reicht schon, wenn entlang von Bachläufen, Hecken oder Feldrändern frei wachsendes Gestrüpp gedeiht. Das bietet Wildkatzen und anderen Tieren Schutz, um sich neue Lebensräume erschliessen zu können.

Die grösste Gefahr: Hauskatzen

Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) zählt mehr als 300 Wildtierkorridore von überregionaler Bedeutung, also Strecken, entlang deren sich wilde Tiere ausbreiten können. Nur ein Drittel dieser Strecken ist jedoch intakt; meist ist Tierwanderung unmöglich. Es fehlen etwa Tunnel oder Brücken, um Strassen und Bahnstrecken zu überwinden. Schon 2001 wurden 51 Korridore identifiziert, die tiergerecht saniert werden sollen. Nur elf dieser Projekte sind bis heute umgesetzt worden.

In der Schweiz sind Wildkatzen schon seit 1963 geschützt, was dazu beigetragen hat, dass sich der Bestand erholen konnte. Früher war der Mensch der Auffassung, dass Wildkatzen Schädlinge seien. Deshalb wurden sie, ähnlich wie Wölfe oder Luchse, gnadenlos verfolgt.

In der Schweiz leben Millionen von freilaufenden Hauskatzen, viele auch ganz verwildert.

Die grösste Gefahr für Wildkatzen heute geht nicht mehr von Menschen, sondern von Hauskatzen aus. Wildkatze und Hauskatze mögen sich sehr ähnlich sehen, aber es sind zwei unterschiedliche Arten. Die Hauskatze (Felis catus) stammt von der Afrikanischen Wildkatze (Felis lybica) ab, die schon vor Tausenden von Jahren gezähmt wurde. Die Wildkatze (Felis silvestris) hingegen ist unzähmbar. Allerdings können sich Hauskatze und Wildkatze kreuzen und fruchtbare Junge hervorbringen. Das geschieht immer wieder. In der Schweiz leben Millionen von freilaufenden Hauskatzen, viele auch ganz verwildert.

Kreuzungen bedrohen die genetische Reinheit der Wildkatze. Die Untersuchung der Haare, die Wildkatzen bei Fotofallen hinterlassen haben, zeigt, dass bis zu 20 Prozent der Wildkatzen Erbgut von Hauskatzen übernommen haben. Deshalb wünschen sich Naturschützer, dass freilaufende Hauskatzen kastriert werden, was inzwischen tatsächlich oft geschieht.

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