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Die Meeresbewohner treten an zur grossen Volkszählung

Forscher aus aller Welt haben sich zu einem Mammutprojekt zusammengeschlossen: Sie zählen sämtliche Spezies der Meere.

Gruslig, aber klein: Der Drachenfisch ist so gross wie eine Banane.
Gruslig, aber klein: Der Drachenfisch ist so gross wie eine Banane.

Die Ozeane sind der mit Abstand grösste Lebensraum der Erde - und noch immer ein weitgehend unbekanntes Areal. In der bisher umfassendsten Bestandsaufnahme haben nun Hunderte Wissenschaftler die Arten in den Weltmeeren akribisch katalogisiert. Der Zensus - veröffentlicht im Online-Journal «PLoS One» - zeigt vor allem eines: Trotz jahrzehntelanger Forschung kennen Wissenschaftler nicht einmal ein Viertel der Meeresbewohner. Und: Viele unbekannte Spezies werden wohl aussterben, bevor sie entdeckt werden.

Das Mammutprojekt startete vor einem Jahrzehnt. Darin studierten 13 Forscherteams mit insgesamt über 360 Wissenschaftlern 25 repräsentative Meeresregionen aller Klimazonen. Resultat: Der Katalog listet bislang rund 185'000 Arten auf, jedes Meeresareal beheimatet im Durchschnitt rund 10'750 verschiedene Spezies.

Besonders reichlich sind die Krabbeltiere

Allerdings ist die Vielfalt der Lebensräume enorm: Am artenreichsten sind die australischen und japanischen Gewässer, in denen die Forscher jeweils fast 33'000 Spezies registrierten. Etwas weniger Vielfalt bergen die Küsten vor China, der Golf von Mexiko und das Mittelmeer. Deutlich artenärmer schneidet die kleine Ostsee ab, in der «nur» rund 4000 verschiedene Organismen leben.

Auffällig ist, dass die allseits bekannten Meeresbewohner wie Wale, Robben, Seevögel oder Schildkröten gerade einmal zwei Prozent der Spezies stellen. Besonders reichlich vertreten sind dagegen mit 19 Prozent die Krebstiere, zu denen Krabben, Krill, Garnelen oder Wasserflöhe zählen. Ähnlich stark repräsentiert sind mit 17 Prozent die Weichtiere wie Schnecken, Muscheln oder Kraken. Erst an dritter Stelle folgen die Fische mit zwölf Prozent der Spezies.

Zwei unterschiedliche Gruppen Kosmopoliten

Die Kosmopoliten der Meere mit nahezu weltweiter Verbreitung setzen sich aus zwei höchst unterschiedlichen Gruppen zusammen. Zum einen winzige Algen, kleine tierische Einzeller, sogenannte Protozoen, und die zum Plankton zählenden Ruderfusskrebse. Ebenfalls fast allgegenwärtig sind die Seevögel sowie die grossen Meeressäuger, die lebenslang die Ozeane durchpflügen. Herrscher der Tiefsee ist dagegen der bizarre, leuchtende Viperfisch, Chauliodus sloani - mit bis zu 35 Zentimetern Länge und den riesigen krummen Fangzähnen eine überaus auffällige Erscheinung. In über einem Viertel aller Meeresregionen lauert dieser Jäger in der ewigen Dunkelheit auf Beute.

Im Gegensatz zu den weit verbreiteten Arten leben die endemischen Spezies nur in einem bestimmten Gebiet. Besonders reich an solchen Organismen sind die Gewässer um Neuseeland und die Antarktis: Jede zweite dortige Lebensform findet sich nirgends sonst. In Australien und Südafrika ist immerhin noch jede vierte Art endemisch, die Ostsee enthält dagegen nur eine ureigene Spezies, den Seetang Fucus radicans. Mit dem zunehmenden Schiffsverkehr und neuen Wasserwegen dringen immer mehr Tiere und Pflanzen in fremde Lebensräume ein - insbesondere ins Mittelmeer. Dort leben mittlerweile 600 invasive Arten - vier Prozent der Spezies. Die meisten davon stammen aus dem Roten Meer und wanderten durch den Suezkanal ein.

«Nach zehn Jahren harter Arbeit nur Schnappschüsse»

Anfang Oktober, wenn die noch ausstehenden Berichte zu Indonesien, Madagaskar und dem Arabischen Meer vorgelegt werden, dürfte die Zahl der bekannten Arten auf über 230'000 steigen, darunter knapp 20'000 Fische. Trotz der beeindruckenden Zahlen schätzen die Forscher, dass höchstens ein Viertel aller Spezies bekannt ist. Besonders unerforscht sind die Gewässer in den Tropen, auf der Südhalbkugel sowie die Tiefsee.

«Die meisten Meeresorganismen bleiben noch namenlos und ihre Zahl unbekannt», sagt die Biologin Nancy Knowlton vom amerikanischen Smithsonian Institut. «Das ist kein Eingeständnis des Versagens. Der Ozean ist schlichtweg so riesig, dass wir selbst nach zehn Jahren harter Arbeit nur Schnappschüsse davon haben, was das Meer enthält.»

«Vieles droht verloren zu gehen, bevor wir es entdecken»

Die Bestandsaufnahme der atemberaubenden Artenvielfalt gleicht einem Wettlauf gegen die Zeit, denn die unbekannte Unterwasser-Welt ist bedroht. «Die Meeresarten haben durch menschliche Aktivitäten grosse Verluste erlitten - bei manchen Spezies 90 Prozent - und treiben möglicherweise auf die Ausrottung zu», sagt Mark Costello von der neuseeländischen Universität Auckland.

Besonders die Zerstörung der Lebensräume, Überfischung, Verschmutzung, Übersäuerung, steigende Temperaturen und sinkende Sauerstoffwerte setzen den Ökosystemen zu. Darunter leiden vor allem die Bewohner der stark nach aussen abgeschirmten Regionen wie Mittelmeer oder Ostsee. Was das bedeutet, erläutert Patricia Miloslavich von der venezolanischen Universität Simon Bolivar: «Wir müssen unser Wissen über die unbekannte Artenvielfalt schneller vermehren, denn vieles droht verloren zu gehen, bevor wir es entdecken.»

dapd/oku

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