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Der tröstliche Gruss der Eismumien

Die Gletscher schmelzen und geben Tote frei – wie eben im Wallis. Ihr Anblick wühlt auf.

Bei dem Paar soll es sich um einen Walliser Schuhmacher und eine Lehrerin handeln. Foto: Glacier 3000
Bei dem Paar soll es sich um einen Walliser Schuhmacher und eine Lehrerin handeln. Foto: Glacier 3000

Das Foto zeigt Trümmer, ein Knäuel aus nassen Kleidern, gebogenen Gliedern, alles verkeilt. Diese Toten sind nicht sanft aus dem Eis geschlüpft, eher herausgewürgt worden. Ein Paar sollen sie sein, Mann und Frau; ein schmaler Stiefel ist zu erkennen, mit eindrücklichem Profil. Eine der Leichen soll schwarzhaarig sein. Dies berichtete der Pistenbullyfahrer, der die Toten letzte Woche auf dem Tsanfleuron-Gletscher fand.

Die Walliser Kantonspolizei hat die Toten am Wochenende per Helikopter abtransportiert. Gemäss «Le Matin» sollen sie bereits identifiziert sein: Angeblich handelt es sich um Walliser Eheleute, einen Schuhmacher und eine Lehrerin, die im August 1942 auf dem Weg zur Alp abgestürzt und nie gefunden worden seien. 75 Jahre hätten die zwei demnach im Eis gelegen.

Zwei verschiedene Schuhe

Manchmal ist das Identifizieren einer Eisleiche tatsächlich leicht. Etwa im Fall des britischen Ex-Soldaten Jonathan Conville. Ein Helikopter­pilot der Air Zermatt war im Sommer 2013 an der Nordwand des Matterhorns auf einen Toten gestossen, herausgeapert durch die Gletscherschmelze. In sein Hemd gestickt trug der Mann einen Namen: Conville. Die Gerichtsmedizinerin googelte – und fand eine Gedenkwebseite der Familie. Ihr Sohn Jonathan war 1979 am Matterhorn in den Tod gestürzt und nie gefunden worden. 34 Jahre später identifizierten ihn seine angereisten Schwestern. Sie waren froh, sagten sie, noch Abschied nehmen zu können.

Öfter bleiben die Toten im Eis namenlos. Die Frauenleiche, die der Porchabella-Gletscher in Graubünden 1992 freigab, ist nun mehrfach untersucht worden, ihre Knochen und die noch vorhandenen Weichteile sind mit neuster Technik analysiert worden. Lange ging der Verdacht um, es gäbe zwei Leichen, weil offenbar zwei verschiedene Schuhe gefunden worden waren. Heute geht die Kantonsarchäologie Graubünden von nur einer jungen Frau aus. Sie lebte Ende des 17. Jahrhunderts. Letztes Jahr wurden ihre Überreste im Rätischen Museum ausgestellt. Wer sie genau war, wissen wir nicht.

Ötzi ist eine Figur der Populärkultur geworden, ein gütiges Runzelgesicht zwischen Yoda und dem Dalai Lama.

Gletscherleichen faszinieren, und die bekannteste von ihnen ist natürlich Ötzi. Wanderer haben ihn vor 25 Jahren gefunden, heute liegt er in Bozen in einer Kühlkammer bei minus 6 bis 7 Grad. Fast alles hat man über ihn herausgefunden: Dass er vor mehr als 5000 Jahren lebte und dass ihm jemand mit einem Pfeil das Leben nahm. Dass er Arthrose in den Knien hatte und Würmer im Magen. Dass sein Mantel edel gefertigt, aber grob geflickt war. Dass er einen Bart trug und die Haare schulterlang. Die kunstvolle Rekonstruktion seines Gesichts ist uns vertraut; Ötzi ist eine Figur der Populärkultur geworden, ein gütiges Runzelgesicht zwischen Yoda und dem Dalai Lama.

Die Faszination hat einerseits zu tun mit Grusel. An Gletschertoten zeigt sich die Gewalt der Berge. Man kann sie in der besten Ausrüstung seiner Zeit besteigen, in Thermounterwäsche oder Biberfellen, aber wenn der Berg will, tut er sich auf und verschluckt einen. Behält einen.

Andererseits haben Gletschermumien auch etwas Tröstliches. Einmal verschlungen, wird man selbst zum Reisenden durch das ewige Eis, zu geologischem Material, zum Findling, der hinabtransportiert wird in glazialer Peristaltik. Im Falle des Ötzi durch die Jahrtausende. Das ist kein ewiges Leben, gewiss nicht, aber vielleicht aufregender als die Kompostwerdung der Erdverscharrten.

40 andere warten noch

Mit der Klimaerwärmung geben die Gletscher vermehrt Tote frei; in Norditalien tauchten gerade gefallene Soldaten des Ersten Weltkriegs unverhofft wieder auf. Für uns Lebenden, die wir die kalten Mumien einsammeln, weiterkühlen oder bestatten, sind das Begegnungen mit der Vergangenheit. Besser als jedes kostümierte Reenactment künden Mumien von vergangener Zeit.

Nicht alle Toten werden herausgegeben. Allein im Eis des Morteratschgletschers werden noch 40 verunglückte Alpinisten vermutet. Viele Bergregionen führen Vermisstenlisten, die sie über Jahrzehnte weitergeben. Zu den Verschollenen gehört auch Sir Francis Douglas, einer der Erstbesteiger des Matterhorns. Er ist im Eis, seit 1865. Wahrscheinlich wird er wiederkommen.

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