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«Der Bär ist eigentlich ein gemütlicher Kollege»

Wilde einwandernde Bären befremden uns, in engen Pärken gefangen gehaltene Bären begeistern uns. Der unabhängige Bärenexperte Mario Theus über die Psychologie der Beziehung Mensch - Bär.

Bärenleben in Gefangenschaft: Björk (links), Ursina und Berna dösen im Berner Bärenpark entspannt in den Tag hinein.
Bärenleben in Gefangenschaft: Björk (links), Ursina und Berna dösen im Berner Bärenpark entspannt in den Tag hinein.
Urs Baumann

Herr Theus, seit einem Monat macht ein eingewanderter Bär Teile von Graubünden unsicher. Haben Sie ihn schon gesehen? Mario Theus: Nein. Vor ungefähr einem Monat hat ein Jäger ihn im Unterengadin bei Susch gesehen, allerdings aus grosser Distanz. Sonst hat ihn niemand zu Gesicht bekommen. Die Spuren an den ungefähr 20 Schafen, die er bis jetzt gerissen hat, weisen eindeutig auf einen Bären hin, vermutlich ein junges Männchen. Aber dass er Graubünden unsicher macht, wie Sie in Ihrer Frage suggerieren, davon kann keine Rede sein.

Wieso nicht – immerhin hat er Schafherden angegriffen? Aber die betroffenen Schafe waren unbehirtet, und abgesehen davon erhalten die Schafhalter die Verluste entschädigt. Der Bär, der jetzt bei uns unterwegs ist, bewegt sich sehr intelligent. Er meidet die Nähe zu Menschen, achtet aufmerksam darauf, sich unseren Blicken zu entziehen. Er integriert sich mustergültig in unseren Lebensraum, zu ihm müssen wir Sorge tragen.

Obschon er Schäden anrichtet, die das Zusammenleben Mensch-Bär schwierig machen? Das ist der spannende Punkt am dieses Jahr eingewanderten Bären. Auf seinem Weg in die Schweiz muss er auch das Münstertal durchquert haben, aber völlig unbemerkt. Bei uns gab es keinen Schafsriss, kein geplündertes Bienenhaus, keine durchwühlten Abfallkübel, nichts.

Glück gehabt. Nein, das ist kein Zufall. Im Münstertal werden mittlerweile zwei Drittel der Schafe von Herdenschutzhunden bewacht, und wir haben auf dieses Jahr ein Konzept für bärensicheres Abfallmanagement umgesetzt, unter anderem mit Abfalleimern, die Bären nicht öffnen können. Im Unterengadin wird diesbezüglich weniger gemacht – und prompt hat der Bär dort Schafe attackiert. Das zeigt: Wir können auch im schweizerischen Alpenraum mit dem Bären zusammenleben, wenn wir ein paar intelligente Massnahmen ergreifen.

Wobei es schon ein unangenehmes Gefühl ist, als Wanderer, Jogger oder Biker in einem Wald unterwegs zu sein, in dem vermutlich irgendwo ein Bär lebt. Ich habe mich in den letzten Jahren intensiv mit Alpenbären beschäftigt und bin dem einen oder anderen auch leibhaftig begegnet. Dabei ist mir eines klar geworden: Das Hauptproblem ist nicht der Bär, sondern die Angst von uns Menschen vor ihm. Wir sind uns oft nicht bewusst, wie stark unser Verhalten und unsere Meinungen von Ängsten geprägt sind. Wenn uns die Erfahrung fehlt, dass etwas gut gehen kann, haben wir Angst – und in dieser Angst richten wir uns manchmal so bequem ein, dass wir nicht mehr bereit sind, unsere Haltungen zu hinterfragen.

Sie haben keine Angst? Doch, natürlich. Vor einigen Jahren arbeitete ich als Grünschnabel in einem Bärenprojekt in Italien und musste Köder auslegen, um Bären anzulocken, damit sie an einem Stacheldraht Haarproben für wissenschaftliche Zwecke abstreiften. Ich ging in der Dämmerung mit einem Pack stinkenden Fischs in einen mir unbekannten Wald, von dem ich wusste, dass da Bären lebten.

Was empfanden Sie? Mir war ziemlich mulmig, und ich schaute, dass ich schnell wieder rauskam. Inzwischen habe ich mehrere wilde Bären beobachtet, ich bin etwa regelmässig in Slowenien, wo auf relativ kleinem Gebiet 400 bis 500 Bären leben. Ich habe erfahren, die tun mir fast sicher nichts. Meine persönliche Entwicklung zeigt mir, was wir in der Schweiz brauchen, um mit dem Bär leben zu lernen: gute Erfahrungen – aber die zu machen, braucht sehr viel Zeit.

Hartnäckige Bärengegner verschliessen sich doch guten Erfahrungen. Nein. In den Jahren 2007/2008 war ich beauftragt, den eingewanderten Bären JJ3, der später erschossen wurde, weil er die Nähe zu Siedlungen suchte, um an Abfall und Kompost zu kommen, in Graubünden zu beobachten. Eines Tages sah ich JJ3 gemütlich Heidelbeeren pflücken. Ich fuhr zu einem befreundeten Jäger, einem überzeugten Gegner des Bären, und nahm ihn mit zu meinem Beobachtungsstand. Der Mann war derart beeindruckt von diesem Anblick, dass er seine Meinung radikal änderte. Er sah nicht mehr das blutrünstige Monster seiner Fantasie, sondern einen friedlichen Braunbären in den Alpen.

Der Skepsis wild lebenden Bären gegenüber steht die hypeartige Begeisterung, wenn im Berner Bärenpark die junge Bärenfamilie herumtollt. Ein Gegensatz? Eher zwei Seiten derselben Medaille. Der Bär ist uns Menschen sehr nahe. Er kann aufrecht gehen, hat Tatzen, die Händen ähneln, er ist intelligent und liebt Süsses. Ein richtig gemütlicher Kollege, eigentlich. Aber er ist grösser, stärker, schneller, ausdauernder als wir, was uns Angst macht. Deshalb lieben wir ihn hinter einem Zaun und fürchten ihn in Freiheit.

Schmerzt Sie der Anblick in Gefangenschaft gehaltener Bären im Berner Bärenpark? Ich anerkenne, dass ein Zoo oder Tierpark didaktische Wirkung haben kann, weil Menschen Einblicke in die Natur vermittelt werden, die sie sonst nicht gewinnen können. Persönlich habe ich eher Mühe mit wilden Tieren, die in Gefangenschaft gehalten werden. Ich habe den Bärenpark besucht und war eher enttäuscht, weil von den vielen Millionen Franken, die er gekostet hat, für die Bären doch relativ wenig herausgeschaut hat. Abgesehen vom im Vergleich zur Natur sehr kleinen Revier fehlt beispielsweise ein Rückzugsort, wo sich die Bären vor Blicken schützen können, wenn sie draussen sind.

Mit der Rückkehr von Wolf oder Bär in den Alpenraum erhält die Schweiz ein Stück Wildnis zurück – was uns Städtern gefällt, den Berglern aber nicht. Die Konfliktlinie ist nicht so klar. Es gibt auch viele Bergler, die den Bären begrüssen. Das Ganze ist eher eine psychologische Sache. Bär oder Wolf sind Symbole für ein von vielen Bewohnern des Berggebiets empfundenes, diffuses Gefühl, dass ihnen vorgeschrieben wird, wie sie zu leben haben. Gegen dieses Gefühl würde sich wohl jeder wehren. Aber es wäre konstruktiver, aus dem Berggebiet würde nicht ständig der Abschuss einwandernder Grossraubtiere gefordert, sondern ein transparentes und ausreichendes Finanzierungssystem für ein Leben mit ihnen.

Wir leben in einem kleinen, dicht besiedelten Land. Ist der Wunsch nach Wildnis nicht realitätsfremde Romantik? Dass wir in der Schweiz über – kontrollierte – Wildnis in einigen Bergregionen reden, ist auch ein Resultat unseres Wohlstands. Wären wir auf den Ertrag jeder Berglandwirtschaftsfläche, jedes Schafs, jedes Bienenstocks angewiesen, wäre der Bär kein Thema. Wir würden Grossraubtiere aus existenziellen Gründen bekämpfen. Aber wir erbringen unsere Wirtschaftsleistung konzentriert im Unterland und importieren, was wir nicht selber haben. Etwas alpine Wildnis ist ein Luxus, den wir uns leisten können. Der uns auch etwas bringt? Ich finde, ja. Grossraubtiere sind Indikatoren eines intakten Ökosystems. Tiere in der Natur zu beobachten, ist etwas ganz anderes als im Zoo. Wilde Tiere sind wachsam, fit, herausgefordert, was schon ihre Körperspannung ausdrückt. Und wir Menschen sehen sie nur, wenn wir zuerst etwas leisten, früh aufstehen, weite Wege gehen, an der Kälte ausharren. Das schärft unser ökologisches Bewusstsein. Dass wir uns mit den Konflikten befassen, die Bär, Wolf und Luchs verursachen, ist ein Privileg, keine Strafe.I

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