Das verheerende Klimaphänomen El Niño kehrt zurück

Fluten, Stürme, Dürre: So erklären Klimaforscher die Häufung – und was die Auswirkungen in der Schweiz sind.

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Auf der Südhalbkugel der Erde beginnt der Frühling mit schlechten Aussichten. Gemäss dem amerikanischen Climate Prediction Center, das auch von Meteo Schweiz zitiert wird, liegen die Chancen für eine Rückkehr des Klimaphänomens El Niño bei rund 55 Prozent. Für den Sommer, auf der Südhalbkugel ab Dezember, steigt die Wahrscheinlichkeit gar auf 65 bis 70 Prozent.

Erst vor drei Jahren gab es zuletzt einen El Niño, es war der drittstärkste der letzten 65 Jahre, wie Meteo Schweiz damals schrieb. Für die betroffenen Regionen waren die Auswirkungen massiv: An der Pazifikküste Südamerikas, vor allem in Chile, bedeutet das Sintfluten statt trockener Witterung. Verheerende Trockenheit statt tropische Feuchte herrschte dagegen in der Region Südostasien und Australien. «Das Klima in diesen Regionen kippt sozusagen von seinem normalen Zustand ins extreme klimatische Gegenteil», beschreibt Meteo Schweiz die Folgen des Wetterphänomens.


Video: Buschbrände in Australien

In der Dürre von El Niño breiteten sich im November 2015 Feuer in Südaustralien aus. (Reuters)


Die World Meteorological Organisation (WMO) erwartet für dieses Jahr keinen so starken El Niño wie 2015/16, wie Generalsekretär Petteri Taalas gegenüber der britischen BBC sagt. Das Jahr habe mit einem schwachen La-Niña-Effekt begonnen, welcher die Wassertemperatur im Pazifik leicht gesenkt habe. Aber nicht genug.

2018 werde, global gesehen, eines der wärmsten Jahre überhaupt, sagt Taalas. An der Spitze dieser Liste steht das Jahr 2016, als Folge des letzten, besonders starken El Niño.

Häufung ist zufällig

Dass dieser nun bereits wieder zuschlägt, ist für ETH-Klimaforscher Reto Knutti aber nichts Aussergewöhnliches. «El Niño hat eine typische Periode von drei bis sieben Jahren, aber ist eben nicht periodisch», erklärt der Professor für Klimaphysik. Das bedeute, dass «auch mal zwei Ereignisse kurz aufeinanderfolgen können oder fünf bis zehn Jahre lang keines».

El Niño zwischen 1900 und 2016. (Grafik: Wikipedia mit Daten des Climate Prediction Center)

Knutti weiss von Studien, die zum Schluss kommen, dass El Nino häufiger vorkomme. Aus seiner Sicht sei das im Moment aber eher spekulativ. (https://www.carbonbrief.org/extreme-el-ninos-double-frequency-under-one-point-five-celsius-warming-study). Das wurde 2013 auch vom Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), dem Weltklimarat, so festgehalten: Eine Änderung der Häufigkeit sei im 21. Jahrhundert nicht mit genügend grosser Sicherheitswahrscheinlichkeit festzustellen.

Auch ein Zusammenhang zwischen der Klimaerwärmung und einer Häufung von El-Niño-Ereignissen lässt sich deshalb momentan nicht herstellen.

In Europa kaum zu spüren

El Niño bedroht die Südhalbkugel nun wieder mit Überschwemmungen auf der einen und extremen Dürren auf der anderen Seite. Dazwischen sorgt er im Meer durch die Erwärmung des Wassers für ein Massensterben von Tieren und Korallen. Der reduzierte Fischbestand ist nicht nur für die Menschen der Region ein wirtschaftliches Problem, er führt zudem zu weiterem Sterben in der Tierwelt, weil Vögel und Robben keine Nahrung mehr finden.

In der Schweiz und in Europa ist von El Niño direkt kaum etwas zu spüren. «El Nino hat Auswirkungen auf das Wetter in vielen Teilen der Welt, aber kaum in Europa, weder im Winter noch im Sommer», sagt Klimaforscher Knutti. Und auch Meteo Schweiz schreibt im letzten Bericht zum Wetterphänomen, dass ein direkter Einfluss von El Niño auf den Witterungsverlauf in Europa oder der Schweiz nicht zu bestehen scheint. Nur wenn Nordatlantische Oszillation, welche normalerweise das Niederschlagsverhalten in Europa steuere, in einem neutralen Zustand sei, könne sich El Niño durch verstärkten Niederschlag entlang der französischen Alpen, des Juras und bis Südwestdeutschland spürbar machen.

Wirtschaftliche Folgen

ETH-Professor Knutti weist allerdings darauf hin, dass die Schweiz in einem globalisierten Handel und Wirtschaftssystem natürlich nicht isoliert sei. «Die Auswirkungen auf Versicherungsschäden oder Nahrungsmittelpreise sind daher durchaus spürbar.»

Wobei die University of Cambridge ebenfalls herausgefunden hat, dass El Niño auch wirtschaftliche Gewinner hervorbringt. Während direktbetroffene Länder wie Australien, Chile, Indonesien, Indien oder Neuseeland leiden, könnten gewisse Länder auch profitieren. Beispielsweise Argentinien, Kanada, Mexiko und die USA. Gemäss der University of Cambridge kann das durch direkte Auswirkungen sein, weil es in einem El-Niño-Winter in Nordamerika wärmer ist und weniger geheizt werden muss, oder indirekt etwa durch vermehrten Handel mit den von Dürre oder Überschwemmungen betroffenen Ländern.

Auch Europa ordnet die Studie insgesamt eher der Gewinnerseite zu, wobei unter «Europa» zwölf westeuropäische Staaten – darunter die Schweiz – sowie die Türkei zusammengefasst wurden.


Video: Australien will Great Barrier Reef retten

Das Ökosystem des Riffs leidet unter dem Klimawandel und den Wetterereignissen wie El Niño. (Tamedia, mit Material von AFP) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.09.2018, 09:05 Uhr

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