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Das Menü der Neandertaler

Zähne verraten heute im Labor, was unsere Vorfahren vor Zehntausenden von Jahren in der Höhle gekaut haben.

Das Menü der Neandertaler war vielseitiger als bisher vermutet, es bestand durchaus nicht nur aus Fleisch. Der Paläobiologe Ottmar Kullmer vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum in Frankfurt am Main untersuchte Zähne und fand heraus, dass die Neandertaler im Mittelmeerraum Mischkost aus Fleisch mit vegetarischen Beilagen kauten.

Nur Fleisch auf der Speisekarte?

Da vor allem Knochen und Werkzeuge aus Stein die Jahrtausende heil überstanden haben, entstand aufgrund von Funden der Eindruck, Fleisch hätte die Speisekarte der Neandertaler dominiert. Zweifel an diesem Grosswildjäger-Image gab es, aber der Beweis für eine mediterrane Mischkost in den Höhlen der Neandertaler fiel schwer. Bis Ottmar Kullmer auf die Idee kam, die Zähne genauer zu untersuchen. Das Gebiss verändert sich im Laufe eines Lebens durch Abnutzung, dabei spielt die Art der Nahrung eine wichtige Rolle.Wenn ein bleibender Zahn erscheint, ist seine Kaufläche vorgeformt, passt aber keineswegs exakt zum Gegenüber. Zwar ist das Hydroxylapatit des Zahnschmelzes die härteste Substanz, die der menschliche Organismus wachsen lässt. Aber der Zahnschmelz des Gegenübers ist genauso hart. Beim Kauen reiben die beiden harten Oberflächen gegeneinander. Dabei splittern winzige Teile ab, und mit den Jahren passen sich die Oberflächen immer besser aneinander an.

Typisches Muster durch Kaubewegungen

Diese Anpassung und Abnutzung hängt stark von den Kaubewegungen ab, die sich wiederum mit der Nahrung verändern. Winzige Schleifspuren entstehen, die nur zwei bis fünf Tausendstelmillimeter breit sind. Ernährt sich ein Mensch nur von weicher Nahrung wie Bananen, entstehen ganz andere Schleifspuren als bei Menschen, die immer nur Karotten kauen. Bekommt man Fleisch zwischen die Zähne, wird der Biss noch kräftiger, wieder entstehen andere Schleifspuren auf der Kaufläche. Mit der Zeit entsteht so auf den Zähnen ein typisches Muster von Höckern, schrägen Kanten und Schleifspuren, individuell wie ein Fingerabdruck.

Ottmar Kullmer hat eine Analyse dieser Zahnmuster entwickelt, die er Occlusal-Fingerprint-Analysis-Methode (OFA) nennt. Sie entpuppt sich als vielseitiges Instrument: Oft finden Frühmenschenforscher mit deren Zähnen nur die härtesten Überreste der ehemaligen Bewohner. Häufig wissen sie dann nicht, ob zum Beispiel fünf gefundene Zähne in ebenso vielen Kiefern steckten oder ob ein einziger Mensch diese fünf Zähne besass. Mit OFA kann Ottmar Kullmer solche Fragen jetzt gut beantworten.

Naturvölker als Referenz

Wie aber sieht das Muster auf den Zähnen bei verschiedenen Ernährungsweisen aus? Ottmar Kullmer, sein ehemaliger Doktorand Luca Fiorenza, der inzwischen an der University of New England in Australien forscht, und weitere Kollegen analysierten die Zähne verschiedener Naturvölker. Dazu reisten sie zu Museen und Sammlungen und machten dort Kunststoffabdrücke von Backenzähnen. Aus diesen Negativen stellen die Forscher Positive her, die sie im Frankfurter Labor untersuchen können. Mit Scannern werden die Muster erfasst, aufwendige Rechenprogramme vergleichen dann die Datensätze verschiedener Zähne miteinander.

Die Zahnmuster bei Naturvölkern, die, wie die Inuit, fast nur Fleisch kauten, ähneln sich stark. Vor allem unterscheiden sich diese OFA-Muster deutlich von denen der Khoisan im Süden Afrikas und der Aborigines in Australien, die ebenfalls Jäger und Sammler waren, aber erheblich mehr vegetarische Beilagen assen.

Wenig essbare Früchte

Die Neandertaler-Zähne gleichen denen der Fleischspezialisten, aber nur, wenn sie aus nördlichen Gefilden stammen. «In den offenen Nadelwäldern und Tundren fanden die Menschen damals nur wenige essbare Früchte und lebten daher wohl überwiegend von der Jagd», erklärt Ottmar Kullmer. In den Ländern am Mittelmeer regnete es deutlich mehr, in den Laubwäldern fanden die Menschen viele Früchte. Und prompt ähneln die 130'000 Jahre alten Zahnmuster der kroatischen Neandertaler denen der Khoisan und der Aborigines, die Mischkost auf dem Speiseplan hatten.

Vor allem unterscheiden sich die OFA-Muster von Menschen des modernen Typs, die ebenfalls vor einigen Zehntausend Jahren im Mittelmeerraum lebten, kaum von denen der kroatischen Neandertaler. «Beide assen offensichtlich, was die Region ihnen bot», meint Kullmer. Damit ist die Überlegung, Neandertaler wären als spezialisierte Grosswildjäger den modernen Menschen unterlegen gewesen, die auch Grünzeug kauten, vom Tisch. An den Ernährungsgewohnheiten kann es kaum gelegen haben, dass die Neandertaler ausstarben.

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