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Das grosse Hummelsterben

Neue Studien belegen einen flächendeckenden Schwund zahlreicher Hummelarten in Europa und Nordamerika. Was den Tieren zu schaffen macht.

Auf Bestäubungstour: Eine Ackerhummel im Anflug auf die Blüten des Mittagsgolds. Foto: Andre Skonieczny (Getty Images)
Auf Bestäubungstour: Eine Ackerhummel im Anflug auf die Blüten des Mittagsgolds. Foto: Andre Skonieczny (Getty Images)

Sie sind weltweit mit die wichtigsten Helfer in der Landwirtschaft, und ohne sie würden ganze Landstriche niemals erblühen. Hummeln gelten als ebenso wichtige Bestäuber wie Honigbienen, für manche Pflanzen­arten sogar als noch wichtiger. Wegen ihres pelzigen Fells und ihres friedfertigen Verhaltens gehören die gelb-schwarzen Flieger zu den beliebtesten Insekten. Aber in der Klimakrise geht ihnen die Puste aus, fürchten Wissenschaftler.

In einer Langzeitstudie be­legen kanadische und britische Forscher um Peter Soroye von der Universität Ottawa einen flächendeckenden und massiven Rückgang zahlreicher Hummelarten in Europa und Nordamerika. Dieser sei noch grösser als bislang bereits angenommen, schreiben sie im Fachjournal «Science». Schuld seien häufigere und länger andauernde ex­treme Wärmeperioden.

Das Ausmass des Hummelschwundes könne als Vorbote einer Aussterbewelle gedeutet werden, warnen die Biologen. «Wenn der Rückgang in diesem Tempo weitergeht, könnten viele dieser Arten innerhalb weniger Jahr­zehnte für immer verschwinden», sagt Erstautor Soroye.

Hummeln räumen immer grössere Teile ihres einstigen Lebensraums.

Um die Veränderung der Verbreitung und der Artenvielfalt unter Hummeln zu ermitteln, entwarfen die Wissenschaftler eine auf 100 Quadratkilometer genaue Verbreitungskarte für 66 Hummelarten in ganz Europa und Nordamerika. Dazu nutzten sie rund eine halbe Million Datensätze von Beobachtungen aus einem Zeitraum von 1901 bis 2014.

Der Abgleich zwischen Verbreitungsgebieten und Klimadaten wie Temperatur und Niederschlag erbrachte ein selbst für die Wissenschaftler überraschend deutliches Ergebnis: Mit voranschreitender Erwärmung und der Zunahme von Hitze­wellen und Dürreperioden räumen die Hummeln immer grössere Teile ihres einstigen Lebensraums.

Nahe an der Toleranzgrenze

«Die Grenze dessen, was die Tiere an zunehmender Hitze tolerieren können, wird immer häufiger überschritten», analysieren die Autoren. «Im Laufe von nur einer Menschengeneration sank die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ort auf beiden Kontinenten von Hummeln besiedelt ist, um durchschnittlich über 30 Prozent.» In Nordamerika sei die Besiedlungswahrscheinlichkeit heute sogar um fast 50 Prozent niedriger als früher, in Europa seien es 17 Prozent.

Doch auch in Europa sei der Hummelschwund drastischer als bislang angenommen. Denn bisherige Bestandsschätzungen beruhten auf Stichproben aus kühleren nördlichen Regionen, die noch verhältnismässig wenig von Hitzeereignissen betroffen seien. In Regionen, die bislang nicht für die Schätzungen berück­sichtigt wurden, verlaufe der Klimawandel aber viel schneller, sagt Soroye. «In der Gesamtschau mit den neuen Erkenntnissen kommen wir zu dem Schluss, dass die Rückgänge leider noch sehr viel stärker sind als bislang angenommen», sagt er mit Blick auf Europa.

Am stärksten schrumpften die Verbreitungsgebiete in den von extremen Hitzewellen besonders betroffenen südlichen Regionen wie Spanien oder Mexiko. «Wie ein Teppich, der ausgerollt wird, hat sich die Verbreitung mit zunehmender Klimaveränderung im Zeitverlauf vom südlichen Ende nach Norden verschoben», sagt Studien-Co-Autor Jeremy Kerr. Vor allem die Häufung und die zunehmende Intensität von Hitzewellen und Dürren sehen die Forscher als treibende Kraft hinter dem Hummelschwund. Diese Faktoren seien bedeut­samer als etwa der Anstieg der Durchschnittstemperatur.

«Solche Massenverluste werden sich für immer mehr Organismen zeigen.»

Jonathan Bridle und Alexandra van Rensburg, Biologen

Die Bedeutung der Forschungsergebnisse reicht nach Einschätzung anderer Wissenschaftler über Hummeln oder ­andere Insekten hinaus. Tempo und Ausmass der Veränderungen überschritten zunehmend die Grenzen dessen, was auch andere Organismen und sogar ganze Ökosysteme noch mit der ihnen eigenen «ökologischen Widerstandsfähigkeit» auffangen könnten. «Die Studie fügt sich ein in die wachsende Zahl von Belegen für weit verbreitete und alarmierend hohe Verluste der biologischen Vielfalt», schreiben die Biologen Jonathan Bridle und Alexandra van Rensburg von der Universität Bristol ebenfalls in «Science».

«Mit den zunehmenden Folgen des Klimawandels werden sich Massenverluste, die wir jetzt bei Hummeln beobachten, für immer mehr Organismen an immer mehr Orten zeigen.» Studienautor Soroye formuliert es noch drastischer. «Wir befinden uns mitten im sechsten Massenaussterben der Erde, der grössten und schnellsten globalen Krise der biologischen Vielfalt, seit ein Meteor das Zeitalter der Dinosaurier beendete.»

Viele Tierarten versuchen, sich mit einer Verschiebung ihrer Verbreitungsgebiete nach Norden vor dem Vorrücken der Heisszeit zu schützen oder sogar davon zu profitieren. Bei den Vögeln gilt etwa der farben-frohe Bienenfresser als Klimagewinner. Die früher nur in Südeuropa verbreitete Art brütet heute selbst an der Nord- und Ostseeküste.

«Der Trend der Nordaus­breitung ist in allen Arten­gruppen vorhanden, aber sehr verschieden ausgeprägt», sagt Josef Settele. Der Insektenex­perte hat als Co-Vorsitzender des Weltbiodiversitätsrats Ipbes die Arbeit an dessen Bericht zum globalen Zustand der Ökosysteme und der Artenvielfalt geleitet. «Dort, wo wir bislang gute Daten haben, hinken die Tiere in ihrer Ausbreitung nach Norden der Geschwindigkeit des Klimawandels aber hinterher.» Gemeinsam mit Kollegen hat Settele dies in Zahlen gefasst. Gegenüber der Temperaturerhöhung hinken danach Schmetterlinge 135 und ­Vögel sogar 212 Kilometer mit der Verschiebung ihrer Lebensräume nordwärts hinterher.

Langsame Flucht

Bei Hummeln expandieren hingegen nur wenige Arten aus dem Süden nach Norden. «Weil wir aber auch in nördlichen Regionen Hummelarten haben, die zügig verschwinden, ergibt sich keine Erhöhung der Artenvielfalt, anders als bei anderen Tiergruppen wie Tagfaltern», sagt Settele. Von den etwa 30 Hummelarten, die in Deutschland vorkommen, stehen mehr als die Hälfte auf der Roten Liste der bedrohten Arten.

Auch die kanadischen Forscher haben das Ausweichen der Hummel Richtung Norden in ihren Berechnungen berücksichtigt. Der Klimawandel eröffne den Hummeln zwar Möglich­keiten zur Kolonisierung für sie bislang unwirtlicher Regionen, schreiben sie. In der Summe übertreffe das Ausmass der Verluste durch Aussterben die Gewinne durch Neubesiedlungen aber bei weitem.

Als «Topbestäuber» ist die Hummel ähnlich wichtig wie die Honigbiene.

Die Ergebnisse der neuen Studie hält Settele für plausibel. «Sie passen in unser Bild», sagt der Forscher. Der Biodiversitätsrat Ipbes hatte schon 2016 ge­fordert, dass es angesichts des Klimawandels grössere Anstrengungen geben müsse, die Bestäubung zu erhalten. Das diene der Sicherung der weltweiten Ernährung.

Immerhin werden weltweit fast 90 Prozent aller Blüten­pflanzen und drei Viertel aller wichtigen Nutzpflanzen von Insekten bestäubt. Der wirtschaftliche Wert dieser «Ökosystemdienstleistung» wird auf 200 bis 600 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Hummeln sieht Settele als «Topbestäuber», die ähnlich wichtig seien wie Honigbienen. Zudem hätten sie auch in natürlichen Ökosystemen eine zen­trale Rolle bei der Bestäubung von Wildpflanzen.

Auch Soroye betont die Bedeutung seines ­Forschungsobjekts für Mensch und Umwelt. «Unsere Ergebnisse zeigen, dass wir einer Zukunft mit viel weniger Hummeln und viel weniger Vielfalt gegenüberstehen.»

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