«China wird in eine Vorreiterrolle geschoben»

Ausgerechnet China, das Land des Smogs, ist vermeintlich der neue Held des Klimaschutzes. Was es damit auf sich hat, erklärt DerBund.ch/Newsnet-Experte Martin Läubli.

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China, bisher immer der «Bad Boy» des Weltklimas, soll, schenkt man einigen Kommentatoren Glauben, der neue Klima-Held werden. Warum?
China wird fast gezwungenermassen in eine Vorreiterrolle geschoben. Im Moment hat das sicher seine Berechtigung, weil sich China ein ehrgeiziges Ziel gesteckt hat: China will bis 2030 die massiven Emissionsanstiege plafonieren. Schon bereits in den letzten Jahren gab es keine Anstiege mehr und es gibt Indizien, dass das erfolgreich sein wird.

Umfrage

Was für Auswirkungen hat der Ausstieg der USA aus dem Klimaabkommen?





Was für Indizien?
Die Chinesen steigen im Moment massiv aus der Kohlenenergie aus und ersetzen sie durch erneuerbare Energien. In der Wind- und Sonnenkraft ist China mittlerweile bereits die Nummer 1 und es wird derzeit stark in Elektroautos investiert. Schon jetzt fahren Hunderttausende Elektro- und Hybridautos in China. Das sind noch nicht viele, aber es ist ein Anfang. Das wahrscheinlich wichtigste Argument ist aber: China muss etwas tun. Wir lesen ständig Meldungen von extremem Smog in Peking und anderen chinesischen Grossstädten. Die Regierung hat jetzt realisiert, dass man dagegen etwas unternehmen muss.

Ist die Hoffnung, die man nun in China steckt, also berechtigt?
Ich glaube ja. 2009, beim totalen Misserfolg beim Klimagipfel in Kopenhagen, war die internationale Klimapolitik am Boden. Bis zu diesem Zeitpunkt hat China immer eine Oppositionshaltung eingenommen. Mache die USA nicht mit – und zeige die USA keine Fortschritte in der Reduktion der Emissionen, werde man nicht mitziehen, lautete die Nachricht aus China.

Warum wollte China nicht alleine agieren?
Das hat mit der historischen Schuld zu tun. Die Chinesen, die Schwellen- und Entwicklungsländer argumentierten stets, der Westen habe die Klimamisere überhaupt erst zu verantworten. Jetzt liege es zuerst am Westen, etwas zu unternehmen. Die Amerikaner haben – auch jetzt noch – einen weit höheren Pro-Kopf-Ausstoss an CO2, demnach sollen sie auch am meisten tun, wenn es nach den Chinesen geht. Am Ende ist der Pro-Kopf-Ausstoss aber ein rein politisches Anliegen, das die Natur herzlich wenig kümmert. Die Chinesen sind diesbezüglich mittlerweile etwa auf demselben Level wie die Schweiz. Seit 2000 sind die Emissionen Chinas explosionsartig angestiegen, aber noch lange nicht auf das Niveau der USA.

Infografik – Gesamtenergieproduktion verschiedener Wirtschaftsräume

Jetzt spricht Donald Trump davon, der Klimaschutzvertrag sei unfair.
Unfair ist, dass die Amerikaner jetzt ausgestiegen sind: Beim Kyoto-Protokoll, dem Vertrag, der vor Paris kam, gab es eine ganz ähnliche Situation. Damals war noch George W. Bush im Amt. Schon da stiegen die USA aus, als es schliesslich um die Ratifizierung des Vertrages gegangen wäre. 2009 in Kopenhagen fand eine Art Reset statt. Im Gegensatz zum Kyoto-Protokoll wollte man danach nicht nur die Industrienationen miteinbeziehen, sondern auch Entwicklungs- und Schwellenländer. Diese konnten auf freiwilliger Basis entscheiden, wie viel Emissionsreduktion ihre Wirtschaft und Gesellschaft vertragen würde. An diesem Punkt begann China damit, die Vorreiterrolle zu übernehmen, indem es zum Teil begonnen hat, aus den fossilen Energien auszusteigen.

Bildstrecke – Trump und das Pariser Klimaabkommen

Und mit Paris konnte man die negativen Erfahrungen in Kopenhagen endlich beseitigen.
Man darf nicht vergessen: Beim Pariser Abkommen haben die USA unter Obama und China stark mitgeholfen, dass das überhaupt zustande kommen konnte. Schon vor der Konferenz haben die beiden Staaten eine Kooperation angekündigt, man wolle sich eigene Ziele setzen. Damit wurde der «Geist von Paris» überhaupt erst möglich und die Konferenz ging so positiv aus.

Und jetzt hat Donald Trump das sorgfältig gestapelte Geschirr wieder zerschlagen.
Vollkommen. Das hat man aber auch geahnt. Kurz nach der Wahl von Donald Trump fand die Klimakonferenz in Marrakesch statt. Interessanterweise sah man Donald Trump damals trotz Ausstiegsvermutungen gelassen entgegen. Wir sind im Klimaschutz mittlerweile einfach einen Schritt weiter als es noch der Fall war, als George W. Bush aus dem Kyoto-Protokoll ausgestiegen ist. Die OECD hat beispielsweise erst kürzlich eine Studie herausgegeben, die belegt, dass Klimaschutz mittlerweile zu einem Wirtschaftsfaktor geworden ist – und man damit Geld verdienen kann. Da kommen jetzt ganz neue Branchen auf. Es lohnt sich also, auch ohne die USA. Dennoch stehen wir am Anfang. Über 80 Prozent der Energie sind immer noch fossil.

Wie sieht der Plan Chinas aus, jetzt das Pariser Abkommen zu implementieren?
Wie alle anderen Nationen haben auch die Chinesen einen Plan abgegeben, der definiert, welche Ziele sie erreichen wollen. Bis 2030 will man das Maximum der CO2-Emissionen erreichen, danach sollen die Ausstösse rapide sinken. Wie sie das erreichen, ist unklar. Die Umsetzung der Ziele ist jedem Land selber überlassen. Es sieht aber so aus, als würde man Hunderte Milliarden in die erneuerbaren Energien investieren. Früher oder später wird die Abkehr von Kohle stattfinden. Dafür bauen die Chinesen massiv AKW. Das heisst, dass auch wir kompromissfähig sein müssen. Kaufen wir Fotovoltaikzellen aus China, kann es sein, dass diese mit Atomstrom produziert worden sind.

Gestern haben die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und der chinesische Premierminister Li Keqiang gezeigt, dass es nun einen chinesisch-europäischen Schulterschluss geben wird. Warum gerade diese Allianz?
Das ist ein logischer Schritt. Europa, China und die USA waren immer die wichtigsten Parteien im Klimaschutz. Die USA verlassen nun dieses Triumvirat. Für Europa wird Deutschland Wortführer sein. Deutschland und China hatten immer schon eine gute wirtschaftliche Zusammenarbeit – und die Chinesen konnten von der deutschen Fotovoltaik profitieren. Soll es jetzt eine starke Allianz zweier Blocks geben, die an die wirtschaftlichen Chancen des Klimaschutzes glauben – und zugestehen, dass jetzt etwas unternommen werden muss – dann kann das nur China-Europa sein. Es liegt an dieser Allianz, Schwellenländer wie Brasilien, Südafrika, Indien und auch Russland an Bord zu holen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.06.2017, 18:33 Uhr

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