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Nur der Bauernverband ist glücklich

Die Schweizer Landwirtschaft verbraucht zu viele Pestizide. Der Bundesrat reagiert mit einem nationalen Aktionsplan. Die Grünliberalen drohen bereits.

Zu viel Chemie? Ein Walliser Rebberg wird per Helikopter mit Pflanzenschutzmitteln gegen Pilzbefall behandelt.
Zu viel Chemie? Ein Walliser Rebberg wird per Helikopter mit Pflanzenschutzmitteln gegen Pilzbefall behandelt.
Alessandro della Valle, Keystone

Rund 2200 Tonnen Pestizide bringen die Schweizer Bauern jährlich aufs Feld. Diese Pflanzenschutzmittel belasten die Oberflächengewässer, das Trinkwasser und die Artenvielfalt zum Beispiel der Insekten. Nun hat der Bundesrat den Nationalen Aktionsplan Pflanzenschutzmittel verabschiedet. Ziel ist, die Risiken der Pestizidanwendung zu halbieren und Alternativen zum chemischen Pflanzenschutz zu fördern. Der Verbrauch von Pflanzenschutzmittel mit besonderem Risikopotential, das sind vor allem schlecht abbaubare Produkte, soll bis in zehn Jahren um 30 Prozent gesenkt werden, die Emmissionen von Pestiziden um 25 Prozent.

Um diese Ziele zu erreichen, schlagen die federführenden Bundesämter, das Bundesamt für Landwirtschaft und das Bundesamt für Umwelt, ein ganzes Bündel von Massnahmen vor. Zum Beispiel sollen den Bauern über Direktzahlungen Beiträge für den Verzicht von Herbiziden verteilt werden. Weiter soll die Forschung und die Nachfrage nach pilzresistenten Sorten bei den Früchten, den Kartoffeln oder bei den Trauben gefördert werden, um den Einsatz von Fungiziden zu reduzieren. Mit weiteren Massnahmen wie Abstandsregelungen, Anbauvorschriften oder dem Einsatz von High-Tech soll der Eintrag in die Gewässer reduziert werden. Nach sechs Jahren sieht der Aktionsplan einen Bericht über die getätigten Massnahmen und ihre Erfolge vor.

Grünliberale drohen Unterstützung der Trinkwasserinitaitve an

Der Aktionsplan war lange erwartet worden. Über 200 Vernehmlassungsantworten mit zum Teil diametral entgegengesetzten Vorschlägen musste das Bundesamt für Landwirtschaft berücksichtigen - von Umweltsschutzorganisationen über die Agroindustrie bis zu den Bauernverbänden. Die Reaktionen auf den Bericht sind wie erwartet zwiespältig. Laut der Zürcher GLP-Nationalrätin Tiana Angelina Moser, die den Aktionsplan mit einem Postulat im Jahr 2012 ausgelöst hat, besteht die Gefahr, dass der Massnahmenplan zu einer Scheinlösung wird. Zudem sei unhaltbar, dass nun die Lenkungsabgabe ganz rausgefallen ist und nicht einmal mehr geprüft werden soll.«Die Ziele sind zu wenig ehrgeizig», erklärt Moser. «Die Fristen sind ungenügend und so bleibt offen, ob die Massnahmen wirklich umgesetzt werden.»

Auch die Frist für eine Reduktion der besonders risikoreichen Pflanzenschutzmittel bis 2027 um 30 Prozent ist ihr zu grosszügig ausgestaltet. «Wir fordern, dass die Massnahmen bereits in der aktuellen Agrarpolitik greifen und dass dafür auch die nötigen Ressourcen aus den Landwirtschaftstöpfen eingesetzt werden.» Um dieses Ziel zu erreichen, will Moser in wenigen Tagen eine neue Motion einreichen. «Wenn wir keine Resultate sehen, behalten wir uns vor, die Trinkwasser-Initiative zu unterstützten, auch wenn sie viel radikaler ist.» Die Intiative «Für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung», für die derzeit Unterschriften gesammelt werden, möchte Direktzahlungen nur noch an Landwirte verteilen, die ohne den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auskommen.

In einer gemeinsamen Medienmitteilung kritisieren zudem die Umweltverbände Pro Natura, WWF, BirdLife und Greenpeace den Massnahmenplan als ungenügend. Die Umweltverbände anerkennen den Aktionsplan zwar als ersten Schritt, doch er genüge bei weitem nicht, um das Pestizidproblem der Schweiz in den Griff zu kriegen. Der Plan nehme zudem gesetzliche Mindestvorgaben nicht ernst und beinhalte weder einen expliziten Trinkwasserschutz noch ein Verbot der giftigsten Pestizide, schreiben die Umweltverbände.

Unterstützung vom Bauernverband, Kritik von der Agroindustrie

Der Schweizerische Bauernverband (SBV) dagegen begrüsst den Aktionsplan grundsätzlich und will ihn auch unterstützen, sagt David Brugger, im SBV verantwortlich für den Bereich Pflanzenbau. «Wir sind uns bewusst, dass etwas getan werden muss und sind bereit dazu», sagt Brugger. Allerdings sieht Brugger bei den Reduktionszielen eine grosse Herausforderung. Zur Zeit sei es noch zu früh, um abzuschätzen, was dies für die einzelnen Betriebe bedeutet. In seiner Medienmitteilung fordert der SBV zudem eine verstärkte Forschung im Bereich der Alternativen und der Sortenzüchtung, ohne die die anspruchsvollen Ziele des Aktionsplan nur schwer zu erreichen seien.

Die Industriegruppe Agrar des Branchenverbandes sciencesindustries wiederum kritisiert, dass der gesamte Aktionsplan den Nutzen des Pflanzenschutzes nicht genügend berücksichtige. Das Ziel der Reduktion von Pflanzenschutzmitteln mit besonderem Risikopotenzial um 30 Prozent zum Beispiel sei zu wenig klar begründet, die «Hintergründe dieser Ziele sowie deren Effektivität bleiben allerdings noch unklar», schreibt die Lobby-Gruppe der Agrochemie in einer Medienmitteilung. Sie verlangt deshalb vor der Umsetzung des Massnahmenplans eine eingehende Untersuchung der Folgen für die landwirtschaftliche Produktion.

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