Albtraum eines Gletscherforschers

Bitter für kanadische Forscher: Das Tiefkühlsystem im Eisarchiv stieg aus, und Tausende Jahre arktischer Umweltgeschichte schmolzen einfach weg.

Vereister Fjord von Baffin Island, der grössten Insel Kanadas. In der Eisdecke der Insel sind Umweltinformationen der letzten 22’000 Jahre gespeichert.

Vereister Fjord von Baffin Island, der grössten Insel Kanadas. In der Eisdecke der Insel sind Umweltinformationen der letzten 22’000 Jahre gespeichert. Bild: EPA/Michael Studinger/Nasa

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Wenn Gletscherforscher über ihre Arbeit sprechen, geht es meistens um Abenteuer. Bohrkerne aus Gletschereis zu gewinnen, ist ein hartes Stück Arbeit bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Manchmal harren die Wissenschaftler Tage im Zelt auf dem Gletscher aus, weil das Wetter keine Bohrung zulässt. Umso schlimmer ist es, wenn unter Strapazen und Mühen gewonnenes Eis innerhalb weniger Stunden wegschmilzt. Diesen Albtraum erlebten kanadische Forscher der Universität Alberta in Edmonton vor wenigen Tagen, wie die «New York Times» schreibt.

So stieg im Eisarchiv das Tiefkühlgerät aus, und es wurde so heiss, dass der Feueralarm ausgelöst wurde. Der Schaden ist gross. Das Stockwerk sei überschwemmt worden und Dampf aus Wasserlachen aufgestiegen, wird der Glaziologe Martin Sharp zitiert. Damit ging ein wichtiges Stück Klima- und Umweltgeschichte aus der kanadischen Arktis verloren: 180 Eisbohrkerne, die seit Mitte der 1970er-Jahre gesammelt wurden und Veränderungen der Atmosphäre der letzten 80’000 Jahre archiviert hatten. Das entspricht etwa 12 Prozent des gesamten Eisarchivs.

Eis ist ein Geschichtsbuch

Gute Eisproben sind Jahrbücher, Protokolle, was der Schnee aus der Atmosphäre gewaschen hat: Gase, Pollen, Staub, Spuren von Metallen und chemische Isotope. Aus der Zusammensetzung von Sauerstoffisotopen beispielsweise lesen die Wissenschaftler den jährlichen Temperaturverlauf. Ebenso erkennen die Klimaforscher Hinweise auf ausgedehnte Schneefälle im Winter. Aus den Daten des kanadischen Eises lassen sich auch die Schwankungen des Meereises rekonstruieren – oder der Zeitpunkt, als die ersten Schmutzstoffe in der Luft Ostasiens den Pazifik überquerten und Westkanada erreichten.

Beispiel eines Eisbohrkerns des Antarktisprojekts Epica der Universität Bern

Der Teilausfall des Kühlsystems hat die kanadischen Eisforscher zum Glück nicht arbeitslos gemacht. Dennoch sind wertvolle Informationen zerstört worden, darunter Daten der ältesten Eisbohrkerne vom Mount Logan, dem höchsten Berg Kanadas, und vom Penny Ice Cap auf Baffin Island. Das älteste Eis von der letzten Kontinentalvereisung in Nordamerika war nicht betroffen, weil ein anderes Tiefkühlgerät für dieses Archiv im Einsatz ist.

Schweizer sind gewappnet

Was den kanadischen Eisforschern passierte, könnte grundsätzlich auch Schweizer Wissenschaftlern zum Verhängnis werden. Im Paul-Scherrer-Institut (PSI) in Villigen lagert bei minus 20 Grad Celsius ein Eisarchiv mit wertvollen Eisbohrkernen aus der ganzen Welt. Vor einem Unfall wie in Kanada fürchten sich die Wissenschaftler allerdings nicht, wie beim PSI zu erfahren war. Wird es im Kühlraum wärmer als minus 15 Grad, geht ein Alarm los. Technikern bleiben dann acht bis zwölf Stunden, um die Störung zu beheben. In dieser Zeit überleben die Eisbohrkerne ohne nennenswerte Abschmelzung. Der grösste Teil des Archivs – etwa 95 Prozent – ist in der Frigosuisse-Halle in Möhlin, wo sonst Lebensmittel gekühlt werden, sicher aufbewahrt. Dort stapeln sich Kisten mit Eis aus den Alpen, aus Bolivien und Argentinien, aus Chile, Ecuador und Russland.

Politik spielt schlechte Rolle

Kanadische Forscher kämpfen jedoch nicht nur mit der Technik, manchmal werden sie auch von der Politik überrascht. Zum Beispiel 2014 unter der konservativen Regierung um Premierminister Stephen Harper. Sie schloss mehrere regionale Bibliotheken des Departements für Fischerei. Hunderte Berichte und Studien, die ein Jahrhundert arktische Forschung beinhalteten, gingen dabei verloren.

Die Universität in Edmonton hat aus dem Vorfall gelernt und will laut «New York Times» das Alarmsystem verbessern. Ob die betroffenen Eisforscher noch mal in die Arktis fahren, um die verlorenen Eisbohrkerne zu ersetzen, steht allerdings in den Sternen. Kommt hinzu, dass einige der Eisflächen, die damals angebohrt wurden, bereits nicht mehr existieren. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.04.2017, 18:18 Uhr

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