Was Kühe fallen lassen, nimmt er mit ins Labor

Der Biologe Ralf Jochmann untersuchte für seine Doktorarbeit 250 Kuhfladen. Er erforschte, wie ein Wurmmittel die Zersetzung des Dungs verändert.

An den Geruch gewöhnt: Biologe Ralf Jochmann mit Kuh Juna und Kuhfladen auf dem Basihof ob Dietikon.

An den Geruch gewöhnt: Biologe Ralf Jochmann mit Kuh Juna und Kuhfladen auf dem Basihof ob Dietikon.

(Bild: Dominique Meienberg)

Ralf Jochmann kann keiner vorwerfen, er forsche im Elfenbeinturm: Für seine Dissertation hat er im Labor 250 Kuhfladen untersucht, die er eigenhändig auf der Weide «sichergestellt» hatte. Er wollte herausfinden, wie sich das Medikament Ivermectin auf die Dungfauna auswirkt – auf die gut 500 Fliegen- und Käferarten, die in und von einem Kuhfladen leben.

Ivermectin ist ein effizienter Wirkstoff gegen Wurmbefall bei Rindern und Kühen, der seit über 25 Jahren – oft auch prophylaktisch – angewendet wird. Er wird fast vollständig ausgeschieden und ist nachher weder im Fleisch des Rinds noch in der Milch nachweisbar. «Unbedenklich für Mensch und Säugetiere, nicht aber für viele Insekten, die vom Kuhdung leben», sagt Jochmann. Diese wiederum sind zusammen mit Pilzen und Bakterien für den Abbau des Kuhfladens verantwortlich. Wird dieser verzögert, braucht der Bauer mehr Weideland, denn Kühe machen einen grossen Bogen um Gras, auf dem ein Kuhfladen liegt. Und da eine Kuh im Schnitt pro Tag zehn Kuhfladen produziert, ist der Bauer froh, wenn sie sich schnell zersetzen.

Das ist wahre Feldarbeit

Der Biologe Ralf Jochmann kam 2007 von der Universität Bielefeld nach Zürich und machte sich für zwei Jahre an die Feldarbeit – ein Begriff, der hier sehr treffend ist. Zwischen April und Oktober besuchte er 25 Bauernhöfe, ging auf die Weide und wartete geduldig, bis die Kuh sich erleichterte. «Dann stellte ich den Dung sicher, halbierte ihn, impfte den einen Teil mit einer schwachen Dosis Ivermectin und legte die Fladen wieder aus.» Er liess sie eine Woche liegen und brachte sie dann ins Labor, wo er sie vier Wochen lang kultivierte, damit sich die Dungfauna richtig entwickeln konnte.

Er habe sehr gut gelernt, mit Kühen umzugehen, sagt Jochmann, während er im Basihof ob Dietikon die Kuh Juna streichelt. Diese ist angetrabt, als er sich über einen frischen Kuhfladen beugt. Jochmann erinnert sich an seine allererste Weide-Expedition: Einige Kälber kamen übermütig auf ihn zugerannt. Er hastete zum Zaun, wollte darübersteigen, da erhielt er einen Schlag in den Rücken. «Ich dachte: Jetzt hat mich eins erwischt.» Dann realisierte er, dass nicht ein Rind, sondern der unter Strom stehende Zaun ihm eins ausgeteilt hatte.

Gewimmel auf dem Fladen

Mehr als 250 Kuhfladen hat Jochmann schliesslich zusammengetragen und in seinem Labor untersucht. Mehr als 250 kleine Welten. «Absolut faszinierend, was für ein Leben in einem solchen Kuhfladen steckt.» Da ist zum Beispiel der Dungkäfer, der sich in den Fladen eintunnelt. Dank dieser Gänge können weitere Insekten auch noch in den verkrusteten Haufen eindringen. Wie etwa die Schwingfliegen, die in diesen Gängen ihre Eier ablegen. Von den Larven dieser Fliegen wiederum leben die Larven verschiedener kleiner Wespenarten.

Jochmann bestimmte während eines Jahres auf seinen 250 Kuhfladen rund 150'000 Insekten, die meisten von ihnen waren nur unter dem Mikroskop verlässlich einzuordnen. Ein spezielles Augenmerk richtete er auf die erwähnte Schwingfliege und auf die Wespen. Eine «Nifeliarbeit». War er in der Zeit etwas einsam, weil keiner den Arbeitsplatz neben ihm belegen wollte? Oder niemand mit ihm in die Kantine ging? «Nicht die Spur. Meine Kollegen arbeiten ebenfalls mit Kuhdung und sind sich daher dessen Duft gewohnt.»

Sterben wie die Fliegen

Das Resultat: In der Hälfte des Dungs, die mit Ivermectin geimpft worden war, war der Bestand an Schwingfliegen zu 90 Prozent reduziert, derjenige der Wespen zu 80 Prozent. Keine Auswirkung hatte der Wirkstoff in dieser Konzentration aber ausgerechnet auf die blutsaugenden Stechfliegen, die Bauern und Kühen das Leben schwer machen, weil sie unter anderem die Blauzungenkrankheit übertragen.

Zurzeit arbeitet Ralf Jochmann nicht auf der Weide, sondern am Computer in seinem Büro in der Universität Irchel. Es gilt nun, seine Erkenntnisse in Fachblättern zu publizieren. Ob und wie stark das Wurmvertilgungsmittel den Abbau der Kuhfladen verzögert, kann er nicht schlüssig sagen. Sicher ist: Es verändert die Dungfauna stark.

Einige seiner Erkenntnisse weisen über die Kuhfladenforschung hinaus: Es reicht nicht, zwei, drei einfach zu haltende Arten zu beobachten, wie das bisherige Studien teilweise machten. «Wenn man eine robuste Fliegenart untersucht, kann es passieren, dass man zu dem Schluss kommt, der Wirkstoff habe keinen Effekt auf die Dungfauna.» Und es reicht nicht, wenn nur an einem gewissen Ort und zu einem gewissen Zeitpunkt Proben genommen werden. «Im Herbst habe ich keine Unterschiede in der Biodiversität festgestellt, im Sommer und Frühling massive.» Und schliesslich zeigt sich, wie ein kleiner Eingriff in die Natur unvorhersehbare, negative Auswirkungen haben kann. Nicht nur für die Welt auf dem Kuhfladen.

Tages-Anzeiger

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