Sehr wahrscheinlich sind wir doch alleine

Machen sich Aliens unsichtbar? Es gibt eine neue Erklärung, weshalb wir keinen Kontakt mit Ausserirdischen machen.

«Wo sind sie»? Das Fermi-Paradox beschäftigt Astrophysiker seit den 50er-Jahren. Bild: iStock

«Wo sind sie»? Das Fermi-Paradox beschäftigt Astrophysiker seit den 50er-Jahren. Bild: iStock

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Während der bedeutende italienische Kernphysiker Enrico Fermi in den 50er-Jahren am Los Alamos National Laboratory im US-amerikanischen Bundesstaat New Mexico arbeitete, stellte er die unter Astrobiologen wohl ­bekannte Frage: «Wo sind sie?» Gemeint waren ausserirdische Zivilisationen.

Fermi wies damit auf einen Umstand hin, der ihm rätselhaft erschien: Im Universum finden sich unvorstellbar viele Sonnensysteme. Selbst wenn es nur eine winzig kleine Wahrscheinlichkeit dafür gibt, dass Leben entsteht und sich daraus hoch entwickelte Zivilisationen entwickeln, müsste es im Weltall deshalb Unmengen davon geben. Viele dieser fremden Zivilisationen hätten mehr als genug Zeit gehabt, sich über ihre ganze Galaxie auszubreiten oder sonst etwas ­Dramatisches zu vollbringen, das sich beim genauen Blick ins Weltall nicht verheimlichen lässt. Wo also sind diese Aliens?

«Das Universum ist ein ziemlich grosser Ort. Wenn es nur uns gibt, wäre das eine entsetzliche Platzverschwendung.»Carl Sagan, Astrophysiker

Der US-amerikanische Astrophysiker Carl Sagan hat das einmal scherzhaft so ausgedrückt: «Das Universum ist ein ziemlich grosser Ort. Wenn es nur uns gibt, wäre das eine entsetzliche Platzverschwendung.» Mit vielen Hypothesen haben Leute versucht, die Abwesenheit von Aliens, das sogenannte Fermi-Paradox, zu entkräften. Etwa, dass alle Zivilisationen im Weltall sich absichtlich unsichtbar machen, oder dass sie sich selbst auslöschen, bevor sie über interstellare Distanzen reisen oder kommunizieren können. Aber selbst wenn 99 Prozent aller ­Zivilisationen sich selbst auslöschen, bevor sie sich bemerkbar machen, würde das Fermi-­Paradox nicht gelöst: Es müsste ­immer noch mehr als genug sichtbare Zivilisationen im Universum geben.

Paradox existiert gar nicht

Der Computerwissenschaftler und Neuroethiker Anders Sandberg und Kollegen vom Future of Humanity Institute der Oxford University haben nun eine ganz andere Lösung des Fermi-Paradoxes präsentiert: Sie behaupten, dieses Paradox existiere gar nicht. Es sei von vornherein sehr unwahrscheinlich, dass andere Zivilisationen überhaupt entstehen. Folglich müssten wir uns nicht wundern, wenn wir keine Aliens entdeckten.

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Um die Anzahl Zivilisationen in unserer Galaxie, der Milchstrasse, abzuschätzen, wird meist eine 1961 vom US-Astronomen Frank Drake vorgestellte Gleichung herangezogen. Die Drake-Gleichung beschreibt die Anzahl intelligenter Zivilisationen (N), die derzeit in unserer Galaxie Signale aussenden und folglich beobachtbar sein sollten. Die ersten Faktoren dieser Gleichung er­fassen die Anzahl Sterne und ­Planeten im Weltall. So funkeln allein in der Milchstrasse 100 bis 300 Milliarden Sterne, im ganzen sichtbaren Universum dürften es rund 10 Trilliarden sein – eine Eins mit 22 Nullen. Die meisten der bisher untersuchten Sterne besitzen Planeten. Folglich dürfte es allein in der Milchstrasse 100 bis 1000 Milliarden Planeten geben, im sichtbaren Universum mehrere Trilliarden.

Wie würden sie wohl aussehen? Viele Menschen stellen sich Ausserirdische mit Insektenaugen und grüner Haut vor. Bild: Alamy

Natürlich wird nur ein Bruchteil davon erdähnlich sein und in einer lebensfreundlichen Zone um den Mutterstern kreisen. Doch selbst wenn nur jeder tausendste Planet ähnlich lebensfreundliche Bedingungen aufweisen würde wie die Erde, gäbe es davon in der Milchstrasse ­immer noch rund 100 Millionen bis eine Milliarde.

Weit spekulativer als die Zahl erdähnlicher Planeten sind die Werte der anderen Faktoren in der Drake-Gleichung, etwa der Anteil an Planeten, auf denen ­Leben entsteht, und der Anteil ­davon, der Zivilisationen hervorbringt. Unter dem Strich kommen Forscher zu sehr unterschiedlichen Abschätzungen für die ­Anzahl kommunizierender Zivilisationen in der Milchstrasse. Werte von nahezu Null bis mehrere Hundert Millionen sind vertreten. Frank Drake schätzte «N» auf 10'000. Doch der tatsächliche Wert ist letztlich sehr ungewiss. «Die Drake-Gleichung hat eher die Absicht, unser Unwissen zu organisieren, als etwas Exaktes zu berechnen», sagt Sandberg. «Dennoch haben viele Leute den Eindruck, wenn sie die geschätzten Werte der einzelnen Faktoren multiplizieren, dann würde das Resultat zumindest grob der ­Situation im tatsächlichen Universum entsprechen.»

Astrophysiker zweifelt

Das sei jedoch eine trügerische Schlussfolgerung und zudem ungeeignet, um die Wahrscheinlichkeit zu bestimmen, mit der wir allein im Universum sind. Um dies wirklich zu ermitteln, müsse man explizit mit der Unsicherheit der einzelnen Faktoren in der Drake-Gleichung rechnen, statt bloss die Schätzwerte zu multiplizieren, sagen die Forscher um Sandberg. In ihrer Studie haben sie daher die aktuelle wissenschaftliche Unsicherheit der Faktoren ermittelt. So erhalten sie letztlich eine Wahrscheinlichkeitsverteilung für die Existenz weiterer Zivilisationen neben der unseren.


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Selbst mit optimistischen ­Annahmen für die Entstehung von Leben und die Entwicklung intelligenten Lebens erhalten die Forscher eine Wahrscheinlichkeit von 53 Prozent, dass wir in der Milchstrasse alleine sind. Für weniger optimistische Werte sind es bis zu 99,6 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, dass es im ganzen sichtbaren Universum keine weitere Zivilisation gibt, variiert je nach Szenario zwischen 39 und 85 Prozent. «Dieses Resultat sagt uns zwar nicht, ob wir allein sind oder nicht», sagt Sandberg. «Aber es zeigt, dass wir nicht überrascht sein sollten, wenn wir am Himmel keine anderen Zivilisationen entdecken können.» Dabei war es fast egal, mit welchen halbwegs plausiblen Unsicherheiten für die Parameter die Forscher rechneten: Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass wir alleine sind, blieb immer recht hoch. Das scheint ein sehr robustes Resultat zu sein.

Bilder: Die Suche nach ausserirdischem Leben

Auch wenn die mathematischen Methoden der Forscher sehr ausgefeilt sind: Es liegt in der Natur der Sache, dass die ­Erkenntnisse mit gewisser Vorsicht zu geniessen sind. Der ­Astrophysiker und Autor Ethan Siegel hält nicht viel von dieser Studie, wie er in der Zeitschrift «Forbes» ausführt. Laut Sandberg hat Siegel jedoch die eigentliche Absicht der Studie komplett missverstanden. Es gehe nicht um die Berechnung exakter Wahrscheinlichkeiten für die Existenz extraterrestrischer Zivilisationen.

Wahrscheinlich sind Aliens sehr weit entfernt, möglicherweise jenseits des sichtbaren Universums und für immer unerreichbar.

Mangels Daten sei das gar nicht möglich. Vielmehr gehe es um die Erkenntnis, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit nur wenige Zivilisationen gibt. Sandberg gibt auch unum­wunden zu, dass es sich bei ihrer Studie um «Lehnstuhl-Astronomie» handle. «Wir haben das Universum nicht beobachtet, sondern die Fachliteratur studiert und Statistik gemacht.» ­Zudem gehe es um Wahrscheinlichkeiten, nicht um einen Beweis für irgendetwas.

Für immer unerreichbar

Die Studie wurde bislang nur im Internet veröffentlicht, soll aber demnächst in der Fachzeitschrift «Proceedings of the Royal Society A» erscheinen. Wenn man sie für bare Münze nimmt, dürfte die Suche nach extraterrestrischer Intelligenz (Seti) kaum Erfolg ­haben. «Sollten wir aber Leben auf dem Mars finden, Ruinen extraterrestrischer Zivilisationen entdecken oder Planeten, auf denen sich Leben unabhängig von der Erde entwickelt hat, würde das die Wahrscheinlichkeitsverteilungen in unseren Gleichungen verändern», sagt Sandberg. «Das zeigt, wie wichtig es ist, Seti weiter zu verfolgen. Nur so können wir unsere Stellung im Universum besser verstehen und abschätzen, wie es um unsere Zukunftsperspektive steht.»

Am Schluss der Studie geben die Autoren eine Antwort auf die eingangs erwähnte Frage von Fermi: «Wo sind sie?» Die Antwort lautet demnach: Wahrscheinlich sind Aliens sehr weit entfernt, möglicherweise jenseits des sichtbaren Universums und für immer unerreichbar.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.08.2018, 07:59 Uhr

Ausserirdische, die mit uns kommunizieren

Die Drake-Gleichung beschreibt die Anzahl kommunizierender Zivilisationen (N) in unserer Galaxie, der Milchstrasse. Sie lautet wie folgt:

N = R* × fp × ne × fl × fi × fc × L

Dabei ist:

R* = mittlere Sternentstehungs­rate in der Milchstrasse pro Jahr (recht gut bekannt, etwa ein Stern pro Jahr und Galaxie)

fp = Anteil Sterne mit Planeten (ungefähr 1: fast jeder Stern besitzt Planeten)

ne = Anzahl erdähnlicher Planeten pro Stern in der «Ökosphäre» (unsicher)

fl = Anteil der Planeten, auf denen sich Leben gebildet hat (sehr unsicher)

fi = Anteil der Planeten, auf denen sich intelligentes Leben entwickelt hat (sehr unsicher)

fc = Anteil an Zivilisationen, die ihre Existenz durch interstellare Kommunikation verraten (sehr unsicher)

L = Lebensdauer einer technologischen Zivilisation in Jahren (recht unsicher, etwas zwischen 100 Jahren und 10 Milliarden Jahren)

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