Neapels verstecktes Monster

Unter den Phlegräischen Feldern lauert ein gigantischer Vulkan. Geologen sagen, das Risiko für eine Eruption nehme zu. Doch die Bewohner scheren sich kaum um die Gefahr.

Ein Tourist bei den Phlegräischen Feldern westlich von Neapel. Foto: Laif

Ein Tourist bei den Phlegräischen Feldern westlich von Neapel. Foto: Laif

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Wenn es eine Stadt gibt, die alles in sich trägt, Leben und Tod, Schönheit und Abgrund, Geschenke und Gefahren der Natur im Überfluss, dann ist das Neapel. Neapel sehen und dann sterben, schrieb schon Goethe auf seiner «Italienischen Reise». Leben und Tod, sie liegen in Neapel nahe beieinander. Kürzlich hat eine viel beachtete Studie gezeigt, dass derzeit vermutlich kein Vulkan der Erde gefährlicher ist als die Phlegräischen Felder mit ihren 29 potenziell eruptiven Zentren im Westen von Neapel. Vielleicht gibt es andere Vulkane, deren Magma noch näher an der Erdoberfläche liegt oder die noch grössere Magmakammern haben. Doch kaum einer bedroht unmittelbar so viele Menschen wie die «glühenden Felder», die Campi Flegrei, wie die Italiener sie nennen. Sie erstrecken sich über eine Fläche mit einem Durchmesser von zwölf Kilometern.

Infografik: Der Supervulkan westlich von NeapelGrafik vergrössern

Viel ist nicht von ihnen zu erkennen, darum nennt man sie auch das «versteckte Monster». Da findet sich kein imposanter Vulkankegel, sondern nur ein riesiger, eingesunkener Kessel, Caldera genannt, der teils unter dem Meer liegt. An Land sieht man Krater, an manchen Stellen steigt Schwefel- oder Wasserdampf auf. Aber als der Vulkan vor etwa 40 000 Jahren ausbrach, wurden wohl mindestens 100 Kubikkilometer Magma ausgestossen. Zum Vergleich: Der Vulkan Pinatubo auf den Philippinen brachte es bei seinem Ausbruch von 1991 gerade einmal auf rund fünf Kubikkilometer, und das war eine der heftigsten Eruptionen des 20. Jahrhunderts. Nach jenem Ausbruch der Phlegräischen Felder in der Steinzeit sank die Temperatur in Europa um bis zu vier Grad Celsius. Forscher vermuten sogar, dass das Verschwinden der Neandertaler zumindest teilweise Folge dieses plötzlichen Klimawandels war.

Riesiges Zerstörungspotenzial

Oft werden die Campi Flegrei als «Supervulkan» bezeichnet. Vulkanologen verziehen dann gequält das Gesicht, denn bei echten Supervulkan-Ausbrüchen wird noch viel mehr Material ausgestossen. Aber das Zerstörungspotenzial der Phlegräischen Felder ist gross genug. Zwar sind extreme Ausbrüche wie jener zur Zeit der Neandertaler sehr selten, und es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass in den kommenden Jahrtausenden ein weiterer ansteht. Sicher ist, dass es in der Region noch immer arbeitet. Und selbst ein kleiner Ausbruch eines solchen Vulkans kann in einer so dicht besiedelten Gegend eine Katastrophe sein.

Was jedoch keineswegs bedeutet, dass sich die Neapolitaner allzu viele ­Gedanken über die drohende Apokalypse machen, zumal sie sich so wenig bemerkbar macht. Aber vielleicht muss man Neapel sehen, um die besondere Gefühlslage der Menschen zu verstehen. Dafür hat Gott das Kap von Posillipo geschaffen, einen mächtigen Felsen aus Tuffstein im Westen der Stadt. Am höchsten Punkt öffnet sich der Blick auf die Buchten und auf die Inseln Ischia, Procida, Capri. Wer es sich leisten kann, wohnt hier oben, in einer der schönen Villen unter alten Pinien: Fussballer der SSC Napoli, Schauspieler, Unternehmer, alter Adel, Politiker, die es auch national zu einer gewissen Grösse gebracht haben. Neapel ist nirgendwo teurer als auf dieser Anhöhe. Wenn es unten in den dichten Vierteln der Stadt heiss ist, dann umweht Posillipo oft eine schöne Brise.

Unten werden fleissig Häuser errichtet auf dem wackligen Grund, den die Aktivität der Phlegräischen Felder mal hebt, mal senkt. Um bis zu drei Meter hat sich der Boden um den Küstenort Pozzuoli seit 1950 in die Höhe bewegt, in mehreren Phasen; eine Weile ging es leicht abwärts, inzwischen wieder aufwärts. In den 80er-Jahren mussten wegen der starken Verschiebungen bereits Zehntausende ihre Häuser verlassen. Aber dann kam doch kein Ausbruch, und die Menschen kehrten zurück. Gefahr? Ach was.

Unsichere Vorhersagen

Womöglich hat das Risiko noch weiter zugenommen. In einer Studie im Fachblatt «Nature Communications», die in Italien Schlagzeilen machte, analysierten Christopher Kilburn vom University College London und seine Kollegen die Druckverhältnisse im Untergrund: Demnach könnten die jüngsten Hebungs­phasen immer weiter Spannung im ­Boden aufgebaut haben. Damit würde er fragiler, er könnte leichter nachgeben, wenn Magma unter der Caldera an die Oberfläche drängt. Die Forscher erinnern daran, dass sich auch im 15. und 16.Jahrhundert der Boden in mehreren Phasen anhob – bevor der Vulkan 1538 ausbrach, zum bislang letzten Mal, und einen Hügel namens Monte Nuovo aufwarf. Aber auch Kilburn und seine Kollegen können nicht vorhersagen, wann die nächste Eruption kommt: in einem ­Monat, in 100 Jahren oder in 10 000.

Und das, obwohl das Gebiet zu den am besten überwachten Vulkanregionen der Welt gehört. Jede Bewegung im Boden wird mithilfe von GPS- und Radar-Satelliten erfasst, jedes Erdbeben aufgezeichnet, die Temperatur im Untergrund gemessen, der Ausstoss von Gasen kontrolliert. Dennoch weiss man nicht genau, was unter der Erde wirklich passiert. Aus den Verformungen an der Oberfläche schliessen die Wissenschaftler, dass der Druck aus etwa drei Kilometer Tiefe kommt. Dort scheint eine Art Reservoir zu liegen. Aber womit füllt es sich? Vielleicht ist es nur ein Wasser­gemisch, vielleicht ist es mehr. Man könnte das Gestein anbohren und nachsehen. Aber solche Bohrungen haben andernorts schon Eruptionen ausgelöst – das Risiko könnte erheblich sein.

«Ein Szenario, bei dem sich unter der Caldera Magma ansammelt, wäre sehr beunruhigend», sagt Thomas Walter. Der Vulkanologe vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam kennt die Region gut, er war an vielen Messungen beteiligt. Aber er will keine Panik verbreiten: Anhand der Daten zeichne sich kein Ausbruch ab, und schon gar kein grosser. Doch auch Thomas Walter fragt sich, wie man im Fall eines Falles ganz Neapel evakuieren sollte. Krankenhäuser, Altersheime, Kindergärten – drei Millionen Menschen. Wo sollen die alle hin? Immerhin, höchstwahrscheinlich gäbe es Warnzeichen, vielleicht einige Tage vor einem Ausbruch, vielleicht sogar Wochen zuvor. «Für Magma aus der Tiefe führt wahrscheinlich kein Weg an dem Reservoir drei Kilometer unter der Oberfläche vorbei», sagt Walter. Denn dort liegt eine Schwächezone, in der sich das Magma ansammeln müsste. Die Folge: Dort würde sich weiter Druck aufbauen. «Das würden Geophysiker messen können», sagt Walter.

Station auf wackligem Boden

Schon jetzt machen sich die Phlegräischen Felder bemerkbar, durch die Regungen im Boden. In einem Verwaltungskomplex an der Via Diocleziano in Fuorigrotta wird jedes Geräusch, jedes Zittern der Erde registriert. Ausgerechnet in Fuorigrotta, in der roten Gefahrenzone der Phlegräischen Felder, hat das Osservatorio Vesuviano seinen Sitz. «Ja, das ist ein Problem», sagt Francesca Bianco, die Direktorin des Observatoriums, eine Geophysikerin und Vulkanologin mit langjähriger Forschungs­tätigkeit und einer Vorliebe für bunte Kleider und Armbändchen. «Wir sollten hier bald wieder weg.»

Früher betrieb das älteste Vulkan­institut der Welt seine Messstation direkt am Krater des Vesuvs, ganz oben auf der Krempe des Bergs, und sein Direktor residierte darin. Eine tolle Villa, sagt Bianco, ein Palazzo aus bourbonischen Zeiten. Im Garten wuchsen seltene mediterrane Pflanzen, ein kleines Paradies.

Als dann 1944 der Vesuv ausbrach, musste der Direktor von den Amerikanern, den Alliierten im Krieg, in einer Notoperation aus seinem Observatorium gerettet werden. Vielleicht wäre sie gar nicht nötig gewesen. «Es war eine gutmütige Eruption», sagt Bianco, «sie richtete nicht viel Zerstörung an.» Die Lava floss so langsam, dass genug Zeit zur Flucht blieb. «Die Angst vor den Bomben war damals grösser.» Dennoch war allen klar, dass es nicht so klug ist, das Observatorium, die Warnzentrale, auf dem Krater zu belassen. Der Palazzo ist jetzt ein Museum. Und das operative Zentrum steht nun also am Rand des Vulkankraters Solfatara.

Alarmstufe Gelb

Von dort aus bemüht sich Bianco, die Bevölkerung zu beruhigen, vor allem seit der Publikation der Kilburn-Studie. Auf der Website des Observatoriums schreibt sie, dass sich für die Bewohner der Gegend nichts geändert habe, dass unverändert Alarmstufe Gelb herrsche wie seit 2012. Die Pläne des Zivilschutzes müssten nicht ausgeweitet werden. «Aber natürlich beschäftigen uns die Phlegräischen Felder mehr als der Vesuv, den wir mit ‹Grün› einstufen – und zwar schon länger», sagt Bianco.

Die Direktorin führt in den Kontrollraum, der so aussieht wie die Einsatzzentrale der Nasa, nur viel kleiner. Überall hängen Bildschirme, auf denen Graphen tanzen, es sind die Fieberkurven Neapels. Darunter, auf kleinen Schildern, steht der Name des jeweiligen Messobjekts. Das Osservatorio Vesuviano registriert neben dem Vesuv und den Phlegräischen Feldern auch die Werte des Vulkans unter Ischia, der sich mit wunderbar warmen Quellen manifestiert – und jene des weit entfernten Stromboli bei Sizilien.

Aufregung herrscht an diesem Tag keine, auch Regungen der Campi Flegrei sind kein Grund zur Sorge. Immer wieder bebt die Erde ein bisschen, dann schlägt der Seismograf aus. Bianco nennt das «Mikrobeben», eine normale Dynamik. Im Saal sitzt nur ein Mitarbeiter, ein Informatiker. Würden die Ausschläge plötzlich intensiver, dann würden sie von hier aus Alarm schlagen und den Evakuierungsplan aktivieren, für Hunderttausende – unter ihnen wohl auch die Vulkanologen selbst.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.08.2017, 23:02 Uhr

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