Gesucht: Die Königin der Wiesen

Naturwiesen sind der letzte Zufluchtsort für die Pflanzen- und Tierwelt. Bei der Zürcher Wiesenmeisterschaft möchten Umweltfreunde Bauern auszeichnen, die solche Paradiese pflegen.

Für die Jurymitglieder ist die Wiese bei Feldbach eine der schönsten. Fotos: Urs Jaudas

Für die Jurymitglieder ist die Wiese bei Feldbach eine der schönsten. Fotos: Urs Jaudas

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Für Bauer Daniel Derrer ist es ein besonderer Tag. Um 10.45 Uhr führt er seine Braut zum Standesamt. Doch morgens um 8 Uhr hat er noch einen anderen wichtigen Termin: Treffpunkt Paradies. Versteckt in einem verborgenen Einschnitt am Uetliberg-Südhang liegt sie da, eine der schönsten Wiesen im Kanton Zürich. Frischer Minzenduft verbreitet sich über dem morgenfeuchten hohen Gras, dunkel umrahmt der Wald das abschüssige Feld. Trotz des trockenen Sommers blühen da und dort noch Blumen: der Lungenenzian, die Witwenblume, der Rosskümmel. Eine blau schimmernde Libelle flattert vorbei.

Die über 130 Aren grosse Feuchtwiese ist ein Insektenparadies, doch Derrer will noch mehr. Er möchte die Zürcher Wiesenmeisterschaft gewinnen, bei der in diesem Jahr 44 Landwirte um den Titel der schönsten Zürcher Wiese streiten. Es findet die letzte Begehung statt. Eine fünfköpfige Jury beurteilt die Flächen, die es in die Endausscheidung geschafft haben: ein Botaniker, ein Ökologe, die Naturschutzverantwortliche des Kantons, ein Biodiversitätsexperte sowie ein Vertreter des Bauernverbandes.

Um die Wiesen im Kanton Zürich ist es schlecht bestellt. Im letzten Jahrhundert ist der Bestand an artenreichen Magerwiesen um 95 Prozent zurückgegangen. Die intensive Landnutzung durch die Landwirtschaft, aber auch die Bautätigkeit verdrängen diese Hotspots der Artenvielfalt zunehmend. Mit dramatischen Folgen auch für die Tierwelt: Wie der neue Brutvogelatlas der Schweiz erst kürzlich gezeigt hat, ist die Zahl der insektenfressenden Vögel im Kulturland um 60 Prozent gesunken. Um diesem Trend Gegensteuer zu geben, hat eine Trägerschaft um den WWF, Pro Natura, Birdlife und die Zürcherische Botanische Gesellschaft die Wiesenmeisterschaften ausgerufen.

Abzüge für Problempflanzen

«Kommt alle her!», ruft der Botaniker John Spillmann begeistert, winkt mit den Armen und bückt sich wieder. «Eine Knollige Kratzdistel, wunderbar, selten, gefährdet!» Spillmann ist der Vertreter der Zürcherischen Botanischen Gesellschaft in der Jury und beurteilt die Wiesen nach ihren Arten sowie nach dem Vegetationstyp: Spierstaudenried, Halbtrockenrasen, Pfeifengraswiese. Am meisten punkten Arten, die sehr selten sind, und solche, die typisch für den Standort sind oder die nur im Kanton Zürich vorkommen. Abzüge geben eingewanderte Arten oder Problempflanzen wie Blacken. Bei Daniel Derrer gibt es keine Abzüge. «Das ist eine Wiese von kantonaler Bedeutung», bestätigt Spillmann.

Im Normalfall ist eine Wiese ein Produktionsfaktor für den Bauernbetrieb. Fünf- bis sechsmal im Jahr erntet der Landwirt das Gras, um es seinem Vieh zu verfüttern. Um dies zu ermöglichen, brauchen die Pflanzen viel Dünger. So entstehen Fettwiesen, die bezüglich Artenzahl alles andere als fett sind: Wenige schnell wachsende Gräser verdrängen alle anderen Arten, insbesondere auch die Insekten anlockenden Blumen.

Ökowiesen dagegen werden nicht gedüngt und nur selten geschnitten. Der direkte Ertrag für den Landwirt ist klein. Doch seit der sanften Neuausrichtung der Agrarpolitik im Jahr 2014 heissen diese Wiesen «Biodiversitätsförderflächen», wofür die Bauern Ökobeiträge beantragen können. Um das Leben in der Wiese zu erhalten, dürfen sie zum Beispiel erst ab 15. Juni das erste Mal gemäht werden, in den Berggebieten sogar noch später.

Nirgendwo ist die Pflanzenvielfalt bei uns so gross wie auf einer
Ökowiese.

Würden sie jedoch nie geschnitten, würden sie schnell verbuschen und verwalden. Starke Arten würden wieder überhandnehmen, die Artenvielfalt ginge zurück. Daniel Derrer pflegt sein verborgenes Paradies seit sechs Jahren. «Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel man erreicht, wenn man richtig mäht», sagt Derrer. Dann verabschiedet er sich, er muss unter die Dusche, schliesslich wartet seine junge Braut.

Der Wert von Wiesen für das Ökosystem wird meist unterschätzt. Die Leute lieben den Wald, ein schönes Seeufer, gartenähnliche Parks. Doch nirgendwo ist bei uns die Pflanzenvielfalt so gross wie auf einer Ökowiese. Bis zu 60 Arten werden pro Quadratmeter gezählt. Sie sind Heimat für rund 40 Prozent aller Pflanzenarten in der Schweiz. Hinzu kommen Myriaden von Insekten, Faltern und in ihrem Gefolge auch Vögel und sogar Säugetiere.

Keine Hecken, keine Bäume

Das nächste Feld, das die Wiesenjury überprüft, liegt auf dem Gebiet der Stadt Zürich, unweit des Uetliberg-Tunnels. Die Experten bewerten das Gesamtbild der Fläche. Hat es Bäume, gibt es einen Wasserlauf, wachsen Hecken? Je vielfältiger sich eine Wiese darbietet, umso besser gefällt sie der Jury – und den Tieren und Pflanzen. Hecken sind Zufluchtsorte für Vögel, Bachläufe locken Insekten an, unter Bäumen wachsen andere Blumen als im freien Feld. Der Ökologe Roman von Sury vergibt die Punkte für diese sogenannten Strukturmerkmale. «Einen Punkt», sagt er, «der Waldrand ist nahe, aber es hat keine Hecken und keine Bäume in der Wiese.»

Von Sury ist Gesamtprojektleiter der Wiesenmeisterschaften. Für ihn geht es um mehr als nur um eine Schaufensteraktion für die Landwirtschaftspolitik. «Das Problem bei den Ökosubventionen ist, dass die Qualität der Wiesen zu wenig berücksichtigt wird», sagt von Sury. Das möchte er mit den Wiesenmeisterschaften ändern. «Wir zeichnen wirklich nur die Wiesen aus, die auch der Natur am meisten nützen.»

Der violett blühende Enzian wertet eine Wiese auf.

Diese Wiese gehört Jürg Obrist vom Döltschihof. 27 Bauern betreiben in Zürich noch Landwirtschaft, meistens in Pacht. Der ökologische Leistungsnachweis gilt als Voraussetzung, und Obrist führt seinen Hof nach den noch strengeren Bioregeln. Die Teilnahme kostet ihn nichts, als Preis winkt ein Zustupf von 2000 Franken. «Aber es ist einfach auch die Idee dahinter, die ich unterstütze.» Dann zückt er sein Handy, er muss das Foto einfach zeigen: eine wunderschöne, seltene Orchidee, eine Bienen-Ragwurz, die er im vergangenen Frühling entdeckt hat. Die Jurymitglieder sind begeistert.

Die Wiesentour gleicht einer Reise von einem Garten Eden zum anderen – und das im Kanton Zürich. Manche Wiesen liegen versteckt zwischen den Wäldern, andere direkt neben der Strasse. Eine der schönsten Flächen befindet sich am Ortsausgang von Feldbach direkt am Zürichsee. Über den Schilfgürtel schweift der Blick auf das Städtchen Rapperswil und die Glarner Berge dahinter. Die Biologin Ursina Wiedmer, Leiterin der Fachstelle Naturschutz des Kantons Zürich, saugt mit einem tiefen Atemzug die wohlriechende Wiesenluft ein: «Es ist wie Ferien, es tut gut, wenn man sonst nur im Büro sitzt», sagt Wiedmer, deren Fachstelle rund tausend Naturschutzgebiete betreut.

Auch der Rosskümmel gibt Pluspunkte.

Auch viele Ökowiesen gehören dazu, sie leisten einen wichtigen Beitrag zur Vernetzung der Naturschutzgebiete. Bei den Wiesenmeisterschaften geht es laut Wiedmer darum, die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren, noch viel mehr sei der Wettbewerb aber auch ein Signal an die Landwirte selber. «Der Landwirt soll sehen, dass eine vielfältige und gut gepflegte Wiese wertgeschätzt wird, auch wenn sie nicht so viel Ertrag bringt.»

Ameisen und Schmetterlinge

Die Begehung endet am Pfannenstiel, versteckt zwischen den Wäldern. Der Besitzer, Thomas Peter, führt die Jury ins Gras – «wenn die Leute nicht massenweise in die Wiese gehen, ist das kein Problem». Sein Hof ist zwar nicht biozertifiziert, aber auf seine Naturwiese ist er stolz. Sie beherbergt eine einzigartige Lebensgemeinschaft von Pflanze, Schmetterling und Ameise. Der wichtigste Teil dafür ist der Lungenenzian, eine königsblaue bis violette Riedblume, die bis in den Herbst hinein blüht. Ein Schmetterling – der Kleine Moorbläuling – legt seine Eier auf ihre Blüten, wo sie sich zu Larven entwickeln und nach mehreren Häutungen Ende August auf den Boden fallen. Dort sammeln sie die Ameisen ein, weil die Larven deren eigene Sprösslinge imitieren.

Die Schmetterlingslarven werden von den Ameisen in den Bau getragen und dort durchgefüttert, bis sie sich verpuppen und als Schmetterlinge schlüpfen. Um diese wichtige Lebensgemeinschaft zu erhalten, darf Peter die Wiese erst ab 15. September mähen. «Die Wiese macht mir Freude», sagt der Bauer, «ich versuche, sie genauso sorgfältig zu pflegen wie ein Weizenfeld.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2018, 18:27 Uhr

Wiesenmeisterschaft

Bei der Wiesenmeisterschaft sollen Bauern für einmal nicht um die schönste Kuh oder den grössten Traktor wettstreiten, sondern um die biologisch wertvollste Wiese. Die Idee hatte der Ökologe Andreas Bosshard, Leiter der Denkfabrik Vision Landwirtschaft. Seit 2007 fördert eine nationale Trägerschaft unter der Führung der IG Kulturlandschaft die Durchführung von regionalen Wiesenmeisterschaften. Von 2018 bis 2020 findet diese Veranstaltung im Kanton Zürich statt, jedes Jahr in einer anderen Region. Dieses Jahr werden Wiesen im südwestlichen Kantonsteil von einer Fachjury bewertet. Die Bauern können sich mit bis zu drei Ökowiesen von mindestens zehn Aren bewerben, der Hauptpreis von je 2000 Franken wird in vier Kategorien verteilt: Blumenwiesen, Magerwiesen, Streuwiesen und Ansaatwiesen. Für die Bewertung gelten botanische und ökologische Kriterien: Pflanzenvielfalt, seltene Arten, Strukturen, Grösse der Wiese sowie eine fachgerechte Bewirtschaftung. Die Preisverleihung findet am 22. September statt. (mma)

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