Feldzug gegen Schädlinge

Pestizide in der Landwirtschaft sind heiss umstritten, weil sie die Umwelt belasten. Doch die Bauern stecken in einer Zwickmühle. Das zeigt der Besuch auf einem Gemüsehof im Berner Seeland.

Pilotversuch: Eine Drohne verteilt Insekten, welche die Schädlinge auf dem Acker bekämpfen sollen. Foto: Thomas Delley (Keystone)

Pilotversuch: Eine Drohne verteilt Insekten, welche die Schädlinge auf dem Acker bekämpfen sollen. Foto: Thomas Delley (Keystone)

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Der Bauer darf das. Er stapft in seinen Acker zwischen die Kohlreihen und wischt mit seinen Schuhen ein blass­grünes Kohlblatt zur Seite. Eine winzige weisse Fliege schwirrt davon. Ihr Name ist irreführend, denn es ist eigentlich eine Pflanzenlaus, die den Saft aus den Blättern saugt. «Ohne Insektizide wären die Blätter voll von weissen Fliegen», sagt Gemüsebauer Pascal Occhini. Dann zeigt er auf einen Unkrautstreifen neben seinem Acker. «Ohne Herbizide sähe mein Feld so aus, da würde kein einziger Kohl mehr wachsen. Auf diesen schwarzen Moorböden ist es praktisch unmöglich, ohne Herbizide zu produzieren.»

Der knapp 50-jährige Occhini ist ein Quereinsteiger. Er ist als Nachkomme von italienischen Gastarbeitern in der Stadt Biel aufgewachsen, hat dann Landwirt gelernt. Heute bewirtschaftet er hier in Ins 50 Hektaren besten Seeländer Ackerboden in Pacht, rund 30 Hektaren davon mit Gemüse wie Kohl, Karotten, Sellerie oder Salat. Hinzu kommen acht Hektaren mit Obstanlagen sowie den Rest mit extensiven Ackerkulturen wie Getreide, Zuckerrüben oder Mais.

Der Verkauf von Fungiziden nimmt zu
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Occhinis Betrieb ist ein Musterhof. Wohl deshalb hat der Schweizerische Bauernverband letzte Woche zu einer Hofbegehung nach Ins eingeladen, um über Pestizide in der Landwirtschaft zu informieren. Occhinis Hof ist ein SwissGap-zertifizierter Betrieb, das ist ein Verein, der die sogenannt gute Agrarpraxis fördert. Er wirtschaftet nach den Regeln der Integrierten Produktion und des ökologischen Leistungsnachweises. Dafür erhält er auch Direktzahlungen, die aber nur etwa 5 bis 8 Prozent seines Einkommens ausmachen.

Die Landwirte sind unter Druck, seit sich Meldungen über den konstant hohen Pestizideinsatz der Schweizer Bauern und dessen Umweltfolgen häufen. «Weil oft einseitig berichtet wurde, wollten wir jetzt einmal unsere Sicht der Dinge zeigen», sagt David Brugger, der beim Schweizerischen Bauernverband das Dossier Pflanzenbau betreut. «Die Bauern sind nicht an allem schuld, es gibt auch ein Vorher und Nachher.» So hätten Grossverteiler und Konsumenten immer höhere Ansprüche an die Makellosigkeit von Gemüsen und Früchten.

Kompostware wegen Raupe

Pascal Occhini kann ein Lied davon singen. Vor einer der vier Gemüsehallen auf seinem Hof stehen ein paar Dutzend vollbepackte Salatkisten. Sie stehen da wie zum Verkauf. Doch der Eindruck täuscht. «Die ganzen Paletten wurden uns heute Morgen von der Annahmestelle zurückgeschickt», sagt Occhini. Der Grund: Auf einem der 2000 Salatköpfe wurde bei der Annahmeprüfung eine Raupe gefunden. «Vielleicht sehen Sie die kleine Raupe noch», beklagt sich Occhini. «Sie ist schuld, dass ich die Salate jetzt auf den Kompost werfen muss.» Die Anforderungen der Abnehmer seien heute gewaltig. Wenn das Rüebli nicht die perfekte Form hat, die Kartoffel nicht eine glatte Oberfläche und der Apfel nicht glänzt, hat der Bauer vergeblich produziert.

Rund 2200 Tonnen Pestizide bringen die Schweizer Bauern jährlich aufs Feld. Doch dies hat seinen Preis. Im April hat die eidgenössische Wasserforschungsanstalt Eawag eine Studie über die ­Pestizidbelastungen in fünf kleinen Gewässern im Landwirtschaftsgebiet ver­öffentlicht. Demnach waren alle diese Bäche, in denen 2015 sechs Monate lang Proben entnommen wurden, erheblich mit Herbiziden, Fungiziden und Insektiziden belastet. 128 verschiedene Wirkstoffe aus Acker-, Gemüse, Obst- und Rebbau haben die Forscher nachgewiesen. Auch das Grundwasser ist belastet. Gemäss den Zahlen des Grundwasserbeobachtungsnetz Naqua von 2013 wurden an jeder fünften Messstelle die Grenzwerte der Gewässerschutzverordnung überschritten. Vier Jahre vorher wurde eine solche Überschreitung erst an jeder zehnten Messstelle gemessen. Die Meldungen schrecken die Öffentlichkeit auf, zwei neue Initiativen für eine pestizidarme oder sogar -freie Landwirtschaft sind im Entstehen begriffen.

Ertragsverlust bis zu 40 Prozent

Auf dem 50-Hektaren-Gemüsebetrieb von Pascal Occhini ist die Bedrohungslage eine ganz andere. Die Feinde heissen Maiszünsler, Kirschessigfliege, Schorf oder Gelbrost und viele andere mehr. Occhini ist dieser Armada von Schädlingen wegen der Vielfalt seiner Kulturen besonders ausgesetzt. Für ­jedes Produkt und jeden Schädling braucht er entsprechende Pestizide, die auch noch je nach Saison oder Wetterlage unterschiedlich eingesetzt werden müssen. «Man muss schon fast ein Chemiker sein, weil wir so viele Kulturen haben», sagt Occhini. Den Begriff Pestizide lehnt er allerdings ab, für ihn sind es Pflanzenschutzmittel.

Ohne diese Hilfsmittel müssten die Bauern gemäss einer Studie aus den USA und Deutschland je nach Saison 20 bis 40 Prozent Ertragsverlust hinnehmen. Bei besonders empfindlichen Kulturen wie Obst oder Kartoffeln könne es auch zu einem Totalverlust kommen, wenn die Saison schlecht ist, sagt David Brugger vom Schweizerischen Bauernverband. Wenn ein Bauer Pestizide einsetzen will, muss er eine ganze Reihe von Regulierungen einhalten. Zuerst einmal müssen die Wirkstoffe von einer staatlichen Stelle zugelassen werden. Auch die Anwendung im Feld ist streng reglementiert: Wartefristen, Abstandsregeln und auch Mengenbeschränkungen werden in den einschlägigen Gesetzes- und Verordnungstexten festgehalten.

Nationaler Aktionsplan

Um Direktzahlungen zu erhalten, muss der Bauer noch den ökologischen Leistungsnachweis erbringen und zeigen, dass er Pestizide prinzipiell nur einsetzt, wenn seine Pflanzen wirklich von Schädlingen befallen sind. Dass trotz dieser Vorschriften immer wieder Rückstände in Gewässern festgestellt werden, zeigt das grundsätzliche Problem: Entweder sind die Regeln ungenügend, oder sie werden nicht eingehalten. Eine Studie der alternativen landwirtschaftlichen Denkfabrik Vision Landwirtschaft vom letzten Jahr hat gezeigt, dass der Pestizidverbrauch um 20 Prozent niedriger wäre, wenn der ökologische Leistungsnachweis konsequent befolgt würde.

Um dem Problem endlich Herr zu werden, hat der Bund nun einen Nationalen Aktionsplan Pflanzenschutzmittel (NAP) erarbeitet. Über 50 Massnahmen – von einer Lenkungsabgabe auf Pestizide bis zum rigoroseren Gewässerschutz – sind darin vorgeschlagen. Ende Sommer soll der Bericht vorgestellt werden, doch das Ringen um die Ausgestaltung hat längst begonnen. Während den Umweltschutzorganisationen die Reduktionsziele zu wenig weit gehen, warnt der Bauernverband vor einschneidenden Massnahmen, welche die Bauern behindern könnten. «Wir unterstützen den Aktionsplan», sagte Verbandspräsident Markus Ritter, «denn wir ­haben ein Problem, und dazu stehen wir.» Die geplanten Massnahmen müssten allerdings wissenschaftlich erhärtet sein, so Ritter, und einen möglichst hohen Nutzen bringen. Prompt warf der Schweizerische Fischereiverband dem Bauernverband vor, den Einsatz von Pestiziden schönzureden.

Lockstoff zur Verwirrung

Bauer Pascal Occhini hat kein schlechtes Gewissen, wenn er Pestizide einsetzt. «Die Bedingungen für uns Landwirte sind schwieriger geworden, aber ich habe immer noch Freude an meinem Beruf», sagt Occhini, der auf seinem Betrieb fünf polnische Landarbeiter und zwei Lehrlinge beschäftigt. Er setze nur die Pestizide ein, die er wirklich brauche, denn diese seien auch ein grosser Kostenfaktor.

So sucht er auch immer nach Alternativen. Im Obstbau etwa testet er ein Verfahren, bei dem die Schädlings­insekten mit Lockstoffen so verwirrt werden, dass sie sich nicht mehr weiter vermehren. Und im Maisanbau läuft ein Versuch, bei dem Schlupfwespen, die natürlichen Feinde des Maiszünslers, mit Drohnen verteilt werden. «Zudem werden wir auch rigoros kontrolliert – und mein Gemüse wurde noch nie ­wegen Rückständen beanstandet», sagt Occhini. «Ich selbst esse jeden Tag von meinem Gemüse, und ich wasche es nicht einmal.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.06.2017, 18:28 Uhr

Verbot und Subventionsstopp

Zwei Initiativen gegen Pestizide

Derzeit läuft die Unterschriftensammlung für zwei Initiativen, die sich gegen den Einsatz von Pestiziden richten. Das Begehren «Für eine Schweiz ohne Pestizide» will chemisch-synthetische Pestizide gänzlich verbieten und auch den Import von Lebensmitteln, die mit solchen Mitteln hergestellt werden, stoppen. Die zweite Initiative «Für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung» möchte, dass in Zukunft nur noch Landwirte Direktzahlungen vom Staat erhalten, die ohne den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auskommen. Zudem strebt das Begehren eine möglichst antibiotika-freie Tierhaltung an. Die Sammelfrist für beide Initiativen läuft bis 2018.(mma)

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