«Es beelendet mich, wenn man schreibt, der Hurrikan rase»

Warum Irma so gefährlich ist und was man sonst über Hurrikane wissen muss. Meteorologe Jörg Kachelmann klärt auf.

Hurrikan Irma hat in der Karibik grosse Zerstörung angerichtet. (Video: Tamedia/AFP/Stoyful)

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Wir lesen derzeit vom Monsterhurrikan und dem schlimmsten Sturm des Jahrhunderts. Ist Irma wirklich so dramatisch, wie alle schreiben?
Von den Windgeschwindigkeiten her schon. Sie bewegen sich am oberen Ende dessen, was wir in den letzten Jahrzehnten gesehen haben.

Also ist er der gefährlichste Sturm aller Zeiten?
Das wissen wir schlicht nicht. Solche Superlative sind Unsinn. Wir wissen historisch nicht, ob es das vor hundert oder zweihundert Jahren schon gab, weil wir keine Daten oder Satellitenbilder dazu haben.

Was macht Hurrikan Irma so gefährlich?
Windgeschwindigkeiten von bis zu 300 Kilometern pro Stunde sind immer gefährlich, das wären sie auch für Zürich. Es sind ja nicht alle Gebäude dafür gebaut. Da schwingt so eine Erst-Welt-Arroganz mit, ‹die bauen ja nicht richtig, kein Wunder fliegen die Häuser davon›. Ich würde gerne mal lesen, was unter solchen Umständen bei uns passieren würde. Es beelendet mich auch, wenn man schreibt, der Hurrikan rase. Er rast eben nicht, er schleicht mit 15 bis 20 Stundenkilometern.

«Ein Hurrikan hat eine gemütliche Velogeschwindigkeit.»

Also ist das Problem, dass er so langsam ist?
Ja. Wenn ein Hurrikan mit seinem Zentrum auf Land trifft, kommt der Wind zuerst lange von der einen und dann von der anderen Seite. Einzelne starke Windböen bedeuten eine geringere Belastung, als wenn es stundenlang stürmt. Wenn ein Gewitter oder ein Sturm stehen bleibt, oder nur langsam zieht, kommen grosse Mengen Regen zusammen, das ist auch bei uns ein Problem, wenn Gewitter sehr langsam ziehen.

Wie weit im Voraus lassen sich solche Stürme vorhersagen?
Hier ist das Schleichen ein Vorteil, man weiss meistens mehrere Tage vorher, dass er sich entwickelt, hat genug Zeit, sich vorzubereiten, Wasser einzukaufen und sich zu überlegen, wo man hingeht. Das ist nicht wie bei einem Tornado. Dort bleiben einem nur 15, 30 Minuten Zeit. Das Problem ist ein anderes. Hurrikane kommen in tropischen und subtropischen Gegenden vor, in denen nicht die reichsten Menschen leben. Deshalb bleiben sie an Orten, an denen sie nicht sicher sind.

Noch ist unklar, wohin Irma als nächstes zieht. Warum sind die Vorhersagen so schwierig?
Ein Hurrikan ist ein sehr sensibles Gebilde, es muss alles stimmen, damit er so stark bleibt. Es braucht nur kleine Veränderungen in der Atmosphäre, zum Beispiel ein Päckchen trockene Luft, Scherung, ein Weg über Land, damit er entgleist. Dadurch, dass es so langsam geht, hat man aber Zeit. Es ist nicht nötig, vier Tage vorher alle Menschen aufzufordern, die Gegend zu verlassen. Es reicht, sie 24 oder 12 Stunden vorher zu evakuieren. Man sieht ihn ja eben kommen. Ein Hurrikan hat eine gemütliche Velogeschwindigkeit.

Woher wissen Meteorologen, ob er kommt?
Wir sehen es auf dem Satellitenfilm und anhand der Daten von Hurrikanjägern und den darauf basierenden Berechnungen von Computermodellen. So wissen wir, wie es dem Sturm geht, wie der Luftdruck ist usw.. Das ist, als würde man dem Hurrikan Fieber messen.

«Über dem Bodensee, dem Zürichsee oder dem Genfersee können keine Hurrikane entstehen.»

Wenn ein Hurrikan auf Land trifft, schwächt er sich ab. Warum?
Er braucht mindestens 28 Grad warmes Wasser. Wenn das nicht mehr da ist, verliert er Energie. Das passiert, falls er über Kuba zieht. Auf dem Weg Richtung Florida nähme er dann wieder Stärke auf.

Hat das etwas mit der Klimaerwärmung zu tun?
Das weiss ich nicht. Ich bin Meteorologe und kein Klimaforscher. Meine Aufgabe ist, zu schauen, dass die Menschen nicht überrascht werden und dass unsere Warnungen besser werden.

Aber Sie können uns über die grössten Irrtümer zu Hurrikanen aufklären.
Ein Hurrikan hat keinen Rüssel, man darf ihn nicht mit einem Tornado verwechseln. Er hat ein windschwaches, wolkenarmes Auge in der Mitte und zieht langsam weiter. Hauptgefahr sind seine hohen Windgeschwindigkeiten und die grossen Regenmengen. Über dem Bodensee, dem Zürichsee oder dem Genfersee können keine Hurrikane entstehen. Sie kommen nur in bestimmten Gegenden mit genügend warmem Wasser vor und heissen dann je Gegend auch Taifun oder Zyklon.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.09.2017, 19:55 Uhr

Wetterkanal

Meteorologe und Unternehmer Jörg Kachelmann veröffentlicht auf seinem Wetterkanal kachelmannwetter.com Satellitenbilder, Modellkarten und Vorhersagen zu den Zugrichtungen des Hurrikans Irma.

Jörg Kachelmann. (Bild: Twitter)

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