«Er steht in direkter Konkurrenz mit Fischern»

Erstmals seit 25 Jahren ist ein Fischotter in die Schweiz eingewandert. Pro-Lutra-Präsident Hans Schmid sagt, wie sich das Tier wieder ansiedeln könnte, was es der Natur bringt und wo Konfliktpotenzial besteht.

Zurück in der Schweiz: Ein Fischotter tappte in Genf zufällig in eine Fotofalle.

Zurück in der Schweiz: Ein Fischotter tappte in Genf zufällig in eine Fotofalle.

(Bild: Keystone)

Im Kanton Genf wurde erstmals seit seiner Ausrottung ein Fischotter gesichtet. Welche Bedeutung hat dieser Fund?
Dass der Fischotter in Genf gesichtet wurde, ist ein Hinweis darauf, dass er wieder von selbst zurück in die Schweiz kommt – und zwar an den Orten, wo wir ihn erwartet haben. Die Wassermarder haben sich in den letzten Jahren südlich von Genf sprunghaft ausgebreitet. In Savoyen, südlich des Genfersees, wurden immer wieder Fischotter nachgewiesen. Dass er nun gerade in Genf in die Fotofalle getappt ist, ist also kein Zufall.

Was macht Sie so sicher, dass der Fischotter nun wieder in die Schweiz kommt? Schliesslich ist es nur ein einziges Tier seit 25 Jahren.
Die Annahme, es sei das erste Tier, welches man eindeutig gesehen hat, ist nicht ganz korrekt. Die Stiftung Pro Lutra verfolgt seit 14 Jahren die Ausbreitung der Fischotter. An der Grenze zu der Schweiz wurden immer wieder Otter festgestellt. Einen ersten Nachweis hatten wir bereits 2007 bei Innsbruck sowie 2012 im Veltlin gemacht. 2009 hat man dann in Reichenau, im Kanton Graubünden, einen Otter gesehen. Zwei Jahre später hat man im Freien eine Spur im Wallis festgestellt und 2013 wurde in der Leventina ein überfahrener Fischotter gefunden. Woher die Tiere stammen, ist unbekannt. Auch dass der Otter in Genf von Frankreich kommt, ist nur eine Vermutung – wenn auch realistisch. Aber durch die Funde, die man in den letzten Jahren gemacht hat, kann man mit einer grossen Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass der Fischotter wieder natürlich am Einwandern ist. Fischotter sind Einzelgänger. Die Wahrscheinlichkeit, einen zu sehen, ist sehr gering. In den letzten fünf Jahren wurde aber fast jährlich einer gesichtet. Das ist beachtlich, wenn man bedenkt, dass die Tiere sehr scheu sind.

Wie stehen die Chancen, dass sich der Fischotter nun weiter in der Schweiz ausbreitet?
Grundsätzlich gut. Im letzten Jahrhundert wurden die Schweizer Gewässer enorm verbaut. Dies könnte mitunter ein Grund für das Aussterben der Fischotter gewesen sein. In den letzten zwei Jahrzehnten hat die Schweiz jedoch auf Bundesebene grosse Anstrengungen unternommen, um die Gewässer wieder mehr zu schützen. Dies ist eine erfreuliche Entwicklung. Dies ist aber nicht alleine entscheidend für diese natürliche Rückkehr. Der Otter wird in die Schweiz kommen, wie er damals gegangen ist.

Und wie ist er gegangen?
Dafür gibt es keine erwiesenen Gründe, jedoch mehrere plausible Vermutungen. Einerseits könnte es an der fehlenden Nahrungsgrundlage gelegen haben. Der Fischbestand ging damals zurück. Dadurch fehlte es an Nahrung, was zum Aussterben führte. Ein weiterer Grund waren die Umweltgifte, die man vermehrt in den Schweizer Gewässern festgestellt hatte. Dies sind aber Vermutungen. Erwiesen ist nur, dass die Otter um 1900 vom Menschen gezielt gejagt wurden. Erst Jahre später wurde ein Jagdverbot verhängt. Der Bestand der Tiere ist damals aber schon stark zurückgegangen und erholte sich trotz Jagdverbot nicht mehr. Zusammen mit den anderen Faktoren führte dies schliesslich zu seinem Aussterben.

War nicht auch die schlechte Vernetzung der Gewässer daran schuld?
Das ist nicht zwingend notwendig. Die Fischotter sind trotz ihrer kurzen Beine sehr mobil. Beispielsweise können Männchen Territorien bis zu 40 Kilometer Bachlänge besetzen, die sie regelmässig ablaufen und markieren. Früher glaubte man, dass die Gewässer vernetzt sein müssen, damit sich die Otter ausbreiten können. Das ist aber ein Trugschluss. Von mit Sendern markierten Fischottern ist bekannt, dass sie mehrere Kilometer entfernt von Gewässersystem wandern und auch schneebedeckte Pässe überqueren können. Sie bewegen sich also nicht nur über die Hauptströmung der Flüsse fort.

Ist man denn auf eine erneute Ansiedlung der Fischotter vorbereitet?
Das ist schwer zu sagen. Die Stiftung Pro Lutra verfolgt seit Jahren die Ausbreitung der Fischotter und die zu erwartende natürliche Rückkehr in die Schweiz. Darüber informieren wir die Öffentlichkeit. Im 18. Jahrhundert war die Schweiz flächendeckend mit Fischottern besiedelt. Die meisten Gewässer sollten also geeignet für das Überleben der Tiere sein. Aber da wir die genauen Ursachen für das Aussterben nicht kennen, ist gezieltes Handeln schwierig. Die Umweltbedingungen wurden aber in den letzten Jahren verbessert. Bezüglich der Umweltgifte gibt es längst gesetzliche Verordnungen. Durch die Renaturierung hat man versucht, die naturnahen Lebensräume wiederherzustellen. Dies hat auch zu besseren Fischbeständen geführt.

Könnte die Ausbreitung der Fischotter neues Konfliktpotenzial bieten?
Ja, das ist zu erwarten. Der Otter ist ein Raubtier. Er ernährt sich hauptsächlich von Fischen. Er erbeutet aber auch Vögel, Reptilien und Amphibien. Damit steht er in direkter Konkurrenz mit jenen Menschen, die auch Fische jagen. Wie weit Hobbyfischer den Fischotter als Konkurrenz um persönlichen Fangerfolg einschätzen, kann ich nicht beantworten. Problematisch wirds jedoch bei den Teichwirten. Dringen die Otter zu den Teichen vor, hätte dies ein wirtschaftlicher Ausfall zur Folge. Die Teiche müssen also eingezäunt werden, um einerseits die Fischbestände zu schützen, aber auf der anderen Seite auch den Otter selbst vor einer erneuten Jagd durch den Menschen.

Wäre da auch ein Rückgang des Fischbestandes zu erwarten?
Die genauen Auswirkungen von Fischottern auf den Fischbestand hat man bisher nicht untersucht. Aber wenn es zu wenige Fische hat, verhungert der Fischotter zuvor. Es wäre auf jeden Fall keine Katastrophe für die Fische.

Was bringt uns denn der Fischotter überhaupt?
Je weiter weg wir uns von der Natur entfernen, desto mehr untergraben wir unseren eigenen Überlebensraum. Irgendwann führt dies zu einem Zusammenbruch des Systems. Die natürliche Rückkehr des Otters ist ein positives Signal, dass der Mensch nicht nur zerstört, sondern auch wiedergutmachen kann. Der Fischotter ist ein Bestandteil eines natürlichen Ökosystems. Die Rückkehr der Otter wäre eine Rückkehr zu den ursprünglichen ökologischen Zusammenhängen. Es dient der Menschheit langfristig, dass wir wieder mehr Natur erlauben.

Bei wem liegt die Verantwortung für die natürliche Rückkehr?
Bei den Fischottern selbst. Sie entscheiden, ob und wann sie kommen. Die Stiftung Pro Lutra übernahm mit naturschützerischem Interesse die Aufgabe, die Ausbreitung zu beobachten und darüber zu berichten. So kann sich jeder Einzelne für den Empfang der Rückkehrer vorbereiten.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt