Ein Joker gegen die Erderwärmung

Klimaforscher warnen vor dem Vorschlag, einseitig den Ausstoss von Methan und Russ zu senken. Wird nicht auch CO2 reduziert, so wird dessen Anteil in der Atmosphäre weiter anwachsen.

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Martin Läubli@tagesanzeiger

Alles spricht vom Treibhausgas Kohlendioxid (CO2), das laut dem UNO-Weltklimarat IPCC die Hauptschuld trägt an der ungewöhnlich schnellen globalen Erderwärmung. Von Methan und Russ, die ebenfalls ihren Beitrag dazu liefern, ist zumindest in der Öffentlichkeit und der Politik jedoch kaum mehr die Rede. Ein internationales Team von Forschern möchte dies nun ändern: Sie plädieren im Wissenschaftsmagazin «Science» dafür, in den nächsten Jahren den Fokus stärker auf Massnahmen zu richten, die einen kurzfristigen Effekt gegen die Erderwärmung haben. Dazu haben sie in ihren Modellrechnungen 14 Vorschläge ausgemacht, um Methan und Russ in der Atmosphäre zu reduzieren und damit die prognostizierte Erderwärmung bis zum Jahr 2050 um bis zu 0,5 Grad Celsius zu senken.

Die Forscher favorisieren zum Beispiel Massnahmen in Kohlengruben und in der Erdöl- und Gasproduktion, wo grosse Mengen an Methan entstehen. Das gilt auch für Abfalldeponien oder Reisfelder. Zudem soll vermieden werden, dass weiterhin Russ in die Luft gelangt, beispielsweise durch Dieselfahrzeuge ohne Partikelfilter, die Verbrennung von landwirtschaftlichen Abfällen und Holz sowie durch das Brennen von Backsteinen.

Für Klima und Gesundheit

Methan und Russ haben aber nicht nur die Eigenschaft, die Luftschichten zu erwärmen, sondern gleichzeitig auch die Luft zu verschmutzen. Für die Forscher wäre es eine Win-win-Situation, falls Gas und Partikel massiv reduziert werden könnten. Würde in Zukunft auf diese Massnahmen gesetzt, so die Ergebnisse der Modellrechnungen, könnte nicht nur die Erderwärmung aufgehalten werden, auch Millionen Todesopfer jährlich würden durch eine bessere Luftqualität verhindert.

Das Konzept der Forscher ist grundsätzlich nicht neu. Bereits vor Jahren empfahlen Klimaforscher, die globale Methanproduktion stärker zu senken, weil dieses Gas kurzlebig ist und nur etwa zehn Jahre in der Atmosphäre verbleibt. Kurzfristig ist somit ein grösserer Klimaeffekt zu erwarten. Der Russ wird innert weniger Tage ausgewaschen, hat aber beispielsweise in der Himalaja-Region einen grossen Einfluss auf den Temperaturtrend. Zwar halten die Partikel in der Luft einen Teil der Sonnenstrahlung zurück, sodass es in bodennahen Luftschichten zu einer Abkühlung kommen kann. In der Höhe jedoch, zum Beispiel in den Gletscherregionen des Himalaja, sind die dunklen Partikel für eine Temperaturerhöhung mitverantwortlich, weil sie die Strahlung auch speichern und Wärme abgeben. Zudem bleibt Russ nach Niederschlägen auf dem Eis liegen und beschleunigt damit dessen Abschmelzen. Das Forscherteam rechnet denn auch damit, dass Staaten mit grossen Gletscherflächen profitieren, wenn die Luftverschmutzung zurückgeht.

Eine «trügerische» Sicherheit

Was theoretisch einleuchtet, hat aber auch seine Tücken. Die Methan- und Russlösung wird von manchen Wissenschaftlern als Übergangslösung verkauft, bis das wichtigste Treibhausgas CO2 effektiv und kostengünstig reduziert werden kann. Die UNO-Umweltorganisation Unep hat an der Klimakonferenz in Durban ebenfalls dafür plädiert, die Russreduktion als eine effektive Massnahme gegen die Erderwärmung in Betracht zu ziehen. Trotzdem warnt der Unep-Direktor Achim Steiner: «Das darf nicht davon ablenken, dass die CO2-Reduktion nach wie vor das entscheidende Mittel gegen den Klimawandel ist.» Auch für den ETH-Klimaforscher Reto Knutti sind die vorgeschlagenen Massnahmen zwar verlockend. «Aber es ist ein kurzfristiger Joker, der uns einmalig etwas Erleichterung verschafft, aber letztlich eine trügerische Sicherheit vermittelt», sagt er.

Denn wird neben Methan und Russ nicht gleichzeitig auch CO2 reduziert, so wird dessen Reservoir in der Atmosphäre weiter anwachsen. «Der Erwärmungseffekt wird aufgrund der langen Aufenthaltszeit in diesem Fall über Jahrtausende irreversibel sein», sagt Knutti. Anders formuliert es der amerikanische Klimaforscher Raymond Pierrehumbert von der University of Chicago auf der Wissenschaftsplattform Real Climate: «Wenn man den Methanausstoss kontrolliert, so verhindert man bis 2040 eine stärkere Erwärmung als 2 Grad, aber was geschieht danach?»

Die Klimaforscher gehen davon aus, dass manche Ökosysteme irreversibel geschädigt werden und extreme Wetterereignisse häufiger auftreten, wenn sich die Erdatmosphäre um mehr als 2 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit erwärmt. «Es ist schon fast zu spät, um eine kritische Erderwärmung zu verhindern», sagte der deutsche Klimaforscher Stefan Rahmstorf vor zwei Jahren. Inzwischen gibt es immer mehr Wissenschaftler, die sich dieser Meinung anschliessen. Ganz aufgeben wollen diese allerdings nicht. Wissenschaftlich ist es noch möglich, das Schlimmste abzuwenden. Dafür müssten laut einer ETH-Studie die Treibhausgas-Emissionen bezogen auf das Jahr 2000 in zehn Jahren um ein Viertel tiefer liegen.

Tages-Anzeiger

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