Diese Drogen werden auch von Tieren gerne konsumiert

Alkoholisierte Vögel, berauschte Elche: Drogenexzesse sind im Tierreich keine Seltenheit – sie können biologisch sogar sinnvoll sein.

Gärende Äpfel wurden ihm zum Verhängnis: Ein beschwipster Elch im schwedischen Särö. Foto: Keystone

Gärende Äpfel wurden ihm zum Verhängnis: Ein beschwipster Elch im schwedischen Särö. Foto: Keystone

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Das Geräusch aus dem Dunkel der Nacht war ungewöhnlich, ein Schnauben und ein Knacken. Per Johannsson, damals 45, schaute nach. Im Schein seiner Taschenlampe entdeckte er einen Elch – verkeilt in Nachbars Apfelbaum! Das Tier schnaubte und zappelte, drei Beine hatten sich im Geäst verfangen, allein der vierte Fuss stand auf dem Boden. Erst die herbeigerufenen Feuerwehrleute konnten das Tier befreien – mit Hilfe einer Säge. Die Elchkuh sank zu Boden und schlief bis am nächsten Morgen tief und fest. Sie hatte offensichtlich der süssen Versuchung nicht widerstehen können und reichlich Äpfel genascht. Diese hatten allerdings begonnen, zu gären und Alkohol zu bilden. Es bestand kein Zweifel: Der Elch hatte einen Schwips.

Die Bilder der Geschichte, die sich am 6. September 2011 im südschwedischen Dorf Särö zutrug, gingen um die Welt. Doch ist es bei weitem nicht der einzige Bericht von berauschten Tieren. «Wenn es in der Umgebung irgendwelche psychoaktive Substanzen gibt, wird sie irgendein Tier finden und nutzen», sagt der US-amerikanische Ethnopharmakologe Dennis McKenna.

Hauskatzen zum Beispiel sind ganz versessen auf die Katzenminze Nepeta cataria. Der italienische Ethnobotaniker Giorgio Samorini wurde Zeuge, wie die Katzen aus der Nachbarschaft vor den Katzenminzenstauden in seinem Garten Schlange standen, um in den Genuss der ätherischen Pflanzenöle zu kommen. In seinem Buch «Liebestolle Katzen und berauschte Kühe» beschreibt er die Szenen, die sich vor ihm abspielten: «Man sieht die Katzen sich an Dinge klammern, die nicht da sind, mit imaginären Schmetterlingen spielen; andere wiederum legen die Ohren nach hinten und stürzen sich auf unsichtbare Rivalen.»

Katzen und Minze: Eine alte Liebe

Auch die Pflanze profitiert von der Begegnung: Wälzen sich die Katzen in der Minze, bleiben Samen in ihrem Fell haften. Fallen diese andernorts ab, dient das der Verbreitung der Pflanze. Giorgio Samorini rät dem Katzenfreund, die bei uns wild wachsende Katzenminze im Garten anzupflanzen. Es bestehe keine Suchtgefahr, so Giorgio Samorini, da der Effekt der Pflanze auf den Frühling beschränkt sei. Man gebe den Tieren die Möglichkeit, die uralte Beziehung zwischen ihnen und der Katzenminze aufleben zu lassen.

Die Stoffe, welche Tiere berauschen, hatten ursprünglich wohl einen anderen Zweck. Viele Pflanzen stellen Bitterstoffe und Gifte her, sogenannte Alkaloide, damit sie nicht von Tieren gefressen werden. Doch oft wird ein solcher Stoff erst durch die Dosis giftig. In geringer Menge kann der eine und andere berauschend wirken.

Vernarrt in den berauschenden Geruch: Eine Katze riecht an Katzenminze. Foto: Shutterstock

Der Jaguar in den Regenwäldern Südamerikas kaut Blätter der Pflanze Banisteriopsis caapi. Diese Liane besitzt mehrere Inhaltsstoffe mit halluzinogener Wirkung. Die indigenen Völker im Amazonasgebiet brauen daraus einen bewusstseinserweiternden Trunk und versetzen sich damit in Trance. Verzehrt der Jaguar die Blätter, rollt er sich danach auf den Rücken und starrt Löcher in den Himmel. Schärft er mit dieser natürlichen Droge seine Sinne? Hat er dank einer besseren Wahrnehmung mehr Jagderfolg? Auszuschliessen ist das nicht, sagt Dennis McKenna.

Neben den Pflanzen versuchen sich auch bestimmte Tiere mit Abwehrstoffen vor Fressfeinden zu schützen. So sondern tropische Tausendfüssler in Bedrohungslage einen giftigen Saft ab. Die Lemuren Madagaskars und auch die Kapuzineräffchen Südamerikas kennen dessen Wirkung. Sie reiben sich mit dem Saft das Fell ein, um sich Parasiten vom Leibe zu halten. In geringer Menge genossen, sorgt das Gift für einen kurzzeitigen Rausch. Bei höherer Dosis kann der Zyanid enthaltende Saft tödlich wirken. Lemuren und Äffchen lassen die Tausendfüssler nach dem Verzehr ihres Sekrets denn auch wieder laufen.

Seidenschwänze stärken sich gerne an süssen Beeren im Gärstadium – doch Trunkenheit beim Fliegen ist gefährlich. Foto: iStock

So verhalten sich auch Delfine mit den Kugelfischen. Sie schnappen diese kurz, um sich einen Kick zu verschaffen. Der britische Zoologe Rob Pilley hat für eine BBC-Dokumentation Delfine gefilmt, die einen Kugelfisch so lange drangsalierten, bis der zur Abwehr das Nervengift Tetrodotoxin absonderte. Die Delfine reichten einander den Kugelfisch weiter und schwammen anschliessend wie in Trance aufrecht unter der Wasseroberfläche.

Die Droge Alkohol ist im Tierreich weit verbreitet. Die meisten Beeren und Früchte enthalten Zucker, der von Hefepilzen abgebaut wird. Einen Teil des Zuckers wandelt die Hefe bei der Gärung in Alkohol um. Alkohol ist ein Gift, in dem viele Mikroorganismen absterben. So hält sich der Hefepilz mögliche Konkurrenten vom Leib. Bei Tieren hat Alkohol eine andere Wirkung: Er beeinflusst im Gehirn den Botenstoffwechsel und kann euphorisierend wirken, aber auch die Koordination beeinträchtigen – wie bei betrunkenen Menschen.

Das Gift des Kugelfischs versetzt Delfine in Trance: Sie schwimmen dann aufrecht. Foto: Mauritius Images

Zuckerhaltige Beeren sind für Vögel eine wichtige Energiequelle. Aber sie bergen auch Gefahren. Mitte Januar 2006 lagen in Wien vierzig Seidenschwänze tot auf der Erde. Zuerst befürchteten die Fachleute, die Vögel seien Opfer der Vogelgrippe geworden. Doch die nähere Untersuchung ergab, dass sich die Tiere das Genick gebrochen hatten. Die Seidenschwänze waren im Vollrausch gegen Fensterscheiben und andere Hindernisse geknallt und abgestürzt. Wie sich herausstellte, hatten die Vögel auf ihrer langen Flugreise von der russischen Taiga nach Mitteleuropa überreife Ebereschenbeeren gefressen. In den Mägen der Tiere gärten die Beeren weiter, und der Alkohol machte sie fluguntüchtig.

Alkoholkontrolle bei den Bienen

Während sich die Seidenschwänze wohl eher aus Versehen einen Rausch eingehandelt hatten, sind einheimische Stare, Amseln und Wacholderdrosseln von Natur aus trinkfest. Ihr Körper hat sich im Laufe der Evolution darauf eingestellt, den Alkohol überreifer Beeren unschädlich zu machen. Der deutsche Biologe Roland Prinzinger von der Universität Frankfurt hat herausgefunden, dass Stare wesentlich mehr vertragen als Menschen. Verantwortlich dafür ist der rasante Abbau des Alkohols durch das Enzym Alkoholhydrogenase. Hätte ein Star das Gewicht eines Menschen, könnte er alle acht Minuten eine Flasche Wein trinken, ohne betrunken zu werden.

Selbst in den winzig kleinen Nervenzentren der Insekten entfaltet Alkohol seine Wirkung. Bei warmen Temperaturen beginnt zuckerhaltiger Blütennektar zu gären. Da kann es schon mal vorkommen, dass eine Honigbiene davon betrunken wird. Wie der Mensch wird die trunkene Biene wacklig auf den Beinen. Das wird nicht gern gesehen im Bienenstaat. Der australische Insektenforscher Errol Hassan hat beobachtet, wie die Wächterbienen am Eingang des Bienenstocks durchgreifen, wenn eine ankommende Biene herumtorkelt. Sie schubsen die beschwipste Kollegin weg und gewähren ihr erst wieder Zugang, wenn sie nüchtern ist.


Unter Drogen: So berauschen sich Wildtiere


Auch Hirschkäfer-Männchen verlieren unter Alkoholeinfluss die Kontrolle. Vor einem Kampf um die Gunst eines Weibchens stärken sich die Rivalen gerne mit einem Saft, der aus Eichenstämmen tropft. Ist dieser jedoch vergoren, fallen die Helden vom Baumstamm, bevor das Duell richtig begonnen hat. Vermutlich macht dann ein nüchterner Kollege das Rennen.

Frustrierte Fruchtfliegen-Männchen suchen sogar gezielt Trost im Alkohol. Forscher der University of California, USA, liessen im Labor männlichen Fruchtfliegen die Wahl zwischen normalem und alkoholhaltigem Futter. Hatten die Tiere vorher Sex mit einem Weibchen, waren ihnen beide Futterquellen recht. Anders verhielten sich die Männchen, die mit Weibchen zusammengebracht wurden, die sich gerade gepaart und kein Interesse mehr an Sex hatten und die Männchen zurückwiesen: Die frustrierten Fliegen-Männchen stürzten sich auf das alkoholhaltige Futter.

Südafrikanische Paviane sind dafür bekannt, Weingüter in eine lärmende Freiland-Party zu verwandeln.

Laut den Forschern verändern Sex und Alkohol den Gehalt des Moleküls Neuropeptid F im Belohnungszentrum des Fliegenhirns. Nach der Paarung wird mehr Neuropeptid F gebildet, in der Folge lässt das Verlangen nach Alkohol nach. Bei zurückgewiesenen Männchen hingegen ist der Pegel dieses Moleküls weiterhin niedrig. Die Fliegen erhöhen ihn durch den Konsum von Alkohol.

Auch andere Tiere stöbern gezielt nach Nahrung, die rauschfördernde Substanzen enthält. Südafrikanische Paviane etwa sind dafür bekannt, Weingüter in eine lärmende Freiland-Party zu verwandeln. Sie plündern ungeniert Rebberge und machen sich an alkoholhaltigem Trester zu schaffen. Für Winzer ist das weniger lustig, sie stellen zur Abwehr Elektrozäune auf, doch die schlauen Paviane buddeln sogar Tunnel und verschaffen sich so Zugang zum leckeren Festschmaus.

Im Suff demolieren die Grünen Meerkatzen schon mal ein Strandrestaurant.

Auf der Karibikinsel Saint Kitts haben die Grünen Meerkatzen, eine weitere Affenart, herausgefunden, dass die unbeaufsichtigten Drinks der Touristen nicht übel schmecken und die Stimmung heben. Im Suff demolieren die Tiere schon mal ein Strandrestaurant.

Dickhornschafe und Rentiere sind eher stille Geniesser. In Kanadas Rocky Mountains sind Dickhornschafe stets auf der Suche nach einer seltenen Flechte, die auf Steinen wächst. Die Flechte hat zwar keinen Nährwert, doch sie enthält psychoaktive Substanzen. Den Schafen ist kein Fels zu hoch, um ihn nicht nach der begehrten Flechte abzusuchen. Rentiere in Skandinavien buddeln bis zu einen Meter tief im Schnee, um an Fliegenpilze heranzukommen, von denen sie sich einen Kick versprechen. Sie lecken daran, essen die Pilze manchmal auf und torkeln danach mit glasigen Augen umher. Rentierzüchtern ist die Gier der Tiere nach den Fliegenpilzen aufgefallen, und sie haben diese daraufhin ebenfalls versucht. Sie erlebten tiefe Trancen.

Betrunkene Tiere wagen mehr

Bleibt die Frage, weshalb Tiere sich berauschen. Sicher, Trunkenheit kann angenehm sein. Sie vernebelt aber auch die Sinne. Was für jedes Lebewesen eine Gefahr darstellt: Es wird zur leichteren Beute für Raubtiere, bricht sich bei Unfällen das Genick, vergiftet sich. Aus Sicht der Evolution sollte rauschhaftes Verhalten aussterben. Tut es aber nicht. Es muss also Vorteile mit sich bringen, wenn sich Tiere hin und wieder in einen Rauschzustand versetzen.

Der Ethnobotaniker Giorgio Samorini sieht in diesem Tun eine Chance, altgewohnte Verhaltensmuster aufzubrechen. Betrunkene Tiere wagen mehr. Mitunter geht zwar mal etwas schief, doch manchmal ergibt sich aus einem neuen Verhalten ein Vorteil. Betrunkene Meerkatzen-Männchen sind zum Beispiel mutiger und verschaffen sich angetrunken Achtung bei ranghöheren Tieren. Sie erhalten besseren Zugang zu Nahrung und zu den Weibchen.

Im Säuferwahn: Manchmal stärken sich männliche Hirschkäfer vor einem Duell mit vergorenem Eichensaft. Foto: Getty Images

Der amerikanische Psychopharmakologe Ronald Keith Siegel verbrachte über zwanzig Jahre mit der Erforschung des Drogengebrauchs bei Tieren und kam zum Schluss: «Das Streben nach berauschenden Drogen stellt viel mehr eine Norm dar als eine Abweichung.»

Der Mensch ist beileibe nicht das einzige Wesen, das gerne mal einen über den Durst trinkt. Der Biologe Robert Dudley von der University of California in Berkeley, USA, ist sogar der Meinung, dass die gegorenen Früchte, welche unsere haarigen Vorfahren gegessen haben, der Grund sind für die menschliche Trinkfreudigkeit. Na denn prost!

(Schweizer Familie)

Erstellt: 11.02.2019, 13:48 Uhr

Schnapsdrossel und Schluckspecht

Die beiden Begriffe Schnapsdrossel und Schluckspecht bezeichnen scherzhaft einen Menschen, der zu viel Alkohol trinkt. Was steckt dahinter?

Zwar vertilgen Drosseln im Herbst gerne überreife Beeren, die durch Gärung Alkohol enthalten. Betrunken werden sie davon aber nicht, dank ihrer extrem leistungsfähigen Vogelleber, die Alkohol sehr schnell in grossen Mengen abbauen kann. Beim Ausdruck Schnapsdrossel ist nicht der Singvogel gemeint, sondern die Kehle, die früher auch «Drossel» genannt wurde. Erhalten ist dieser Wortsinn noch heute in «erdrosseln» für erwürgen.

Ornithologen haben beobachtet, dass der Dreizehenspecht im Frühling gerne Bäume anzapft. Er hackt Löcher in die Rinde von jungen Ahornen. Der austretende Saft enthält viel Zucker, was dem Specht sichtlich schmeckt. Darum nennen ihn Ornithologen scherzhaft auch Schluckspecht. Alkohol ist dabei aber nicht im Spiel.

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