Die Spitzenleistung der Vögel entschlüsselt

Die Ornithologin Susi Jenni-Eiermann hat erforscht, was Zugvögel dazu befähigt, jedes Jahr Tausende von Kilometern zurückzulegen.

Susi Jenni-Eiermann in der Erlebnisausstellung der Vogelwarte. Foto: Dominique Meienberg

Susi Jenni-Eiermann in der Erlebnisausstellung der Vogelwarte. Foto: Dominique Meienberg

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Ein Fernglas hat Susi Jenni-Eiermann weder in der Hand noch vor den Augen. Aber sie beobachtet den Besucher genau und schon von weitem, wie er sich zu Fuss der Vogelwarte in Sempach nähert. Vielleicht möchte die Ornithologin anhand des Bewegungsmusters ableiten, was für ein schräger Vogel das wohl ist, der Journalist, der sie gleich befragen wird. Zum Glück für den Ankömmling nimmt ihm die Wissenschaftlerin nicht gleich mit einer Spritze Blut ab, wie sie es bei unzähligen ­Vögeln getan hat, um etwas über deren Stoffwechsel und Stresslevel zu er­fahren. Wer weiss, was da herausgekommen wäre.

Jenni-Eiermann ist eine international renommierte Vogelkundlerin. Mit ihren Studien hat die Leiterin der Abteilung Öko-Physiologie an der Vogelwarte massgeblich dazu beigetragen, ein grosses Rätsel des Vogelzugs zu lösen: Wie schaffen es die winzigen Piepmätze, oft tagelang ohne Zwischenhalt und Nahrungsaufnahme Tausende Kilo­meter weit zu fliegen?

Quasi als Krönung ihrer langjährigen Forschungsarbeit wurde die 62-Jährige kürzlich ins Leitungsgremium der Internationalen Ornithologischen Vereinigung gewählt. Dort, so heisst es in der Medienmitteilung der Vogelwarte, sitze sie «an den Schalthebeln der wichtigsten vogelkundlichen Organisation».

Gartengrasmücke: Der unscheinbare Vogel ­überwintert in Zentralafrika. Bild: Getty

Aufgewachsen ist Jenni-Eiermann im süddeutschen Freiburg. Als sie fünf Jahre alt war, zog die Familie nach Baden-Baden am Fusse des Schwarzwalds. «Wir gingen jeden Tag raus in den Wald.» Mit «wir» sind sie und ihre sechs Geschwister gemeint. Sie war, wie die Eltern oft sagten, als fünftes Kind die Älteste der drei Kleinen.

Familiäre Prägung: Medizin

Dass Jenni-Eiermann einmal Biologie studieren würde, war nicht von Anfang an besiegelt. Die Eltern und viele Verwandte waren Ärzte. «Das hat mich geprägt, und ich konnte mir zunächst Medizin als Beruf besser vorstellen als Biologie.» Beim Thema Biologie machten sich die Eltern eher Sorgen und fragten, was sie denn damit beruflich anfangen wolle. Aber letztlich gewann das Interesse an der Natur.

In Deutschland konnte Jenni-Eiermann nicht auf Anhieb einen Studienplatz in Biologie ergattern – die geburtenstarken Jahrgänge drängten an die Hochschulen. So fuhr sie mit dem Vater nach Basel und versuchte es dort – mit Erfolg. Bei der Wahl des Studienschwerpunkts machte sich die familiäre Prägung bemerkbar: Sie wählte Tierphysiologie, also die Lehre von den Stoffwechselvorgängen in Zellen, Geweben und Organen. «Ich war an einer fast schon medizinischen Forschung interessiert», sagt Jenni-Eiermann. Die Doktorarbeit verfasste sie zur Rolle von neuronalen Botenstoffen bei der Alzheimerkrankheit. Insgesamt lebte sie zehn Jahre in Basel und lernte dort auch ihren Mann kennen, Lukas Jenni, den heutigen wissenschaftlichen Leiter der Vogelwarte, der sie zur Vogelkunde inspirierte. Das Ornithologenpaar hat zwei erwachsene Kinder.

«Es gab keine Volieren, in denen ich Tierversuche machen konnte. Auch war es natürlich tabu, Vögel für Studien zu töten.»

1985, sechs Jahre nach ihrem Mann, kam Jenni-Eiermann an die Vogelwarte, um die Ausdauerleistung der Zugvögel zu erforschen. Die Politik der Vogelwarte setzte ihr dabei gewisse Grenzen: «Es gab keine Volieren, in denen ich Tierversuche machen konnte. Auch war es natürlich tabu, Vögel für Studien zu töten.» Trotz oder gerade wegen dieser Grenzen gelang es ihr, ein international einzigartiges Forschungsvorhaben aufzubauen: «Ich habe angefangen, die Vögel draussen zu untersuchen.»

Dazu ging sie auf den Col de Bretolet, einen Pass in den Walliser Alpen, wo die Vogelwarte eine Beringungsstation betreibt. Durch die spezielle Topografie der Landschaft kommen die Zugvögel dort oben in Massen an und können bei Tag und Nacht mit Netzen gefangen werden. Entscheidend war, die Vögel sofort aus dem Netz zu nehmen und ­ihnen mit einem Pikser in eine Vene am Flügel ein kleines Tröpfchen Blut zu entnehmen. «Das muss innerhalb von drei Minuten geschehen, sonst wären die Resultate nicht mehr aussagekräftig», sagt Jenni-Eiermann. Aus dem Blut lässt sich zum Beispiel ablesen, welche Stoffe der Vogel beim Langstreckenflug abbaut. Am intensivsten untersucht hat Jenni-Eiermann die Gartengrasmücke, einen unscheinbar hellbraun gefärbten Singvogel.

Optimierter Fettstoffwechsel

Wie sich gezeigt hat, ist der Schlüssel für die Höchstleistung der Vögel der optimierte Fettstoffwechsel. Zugvögel besitzen viele physiologische Anpassungen, um ihre Energie zu über 90 Prozent aus dem eingelagerten Fett zu beziehen. Selbst bei einem gut trainierten Marathonläufer kommen maximal 45 Prozent der Energie aus dem Körperfett, der Grossteil stammt aus Kohlenhydraten. «Fett hat den grossen Vorteil, dass es sehr energiereich ist und mit sehr wenig Wasser gespeichert wird», sagt Jenni-Eiermann. «Aus einem Gramm Fett kann man mindestens achtmal so viel Energie herausholen wie aus einem Gramm gespeicherter Kohlenhydrate oder Proteine.» Daher ist Fett die ideale Reserve für eine lange Flugreise. «Ich konnte auch zeigen, dass Proteine, etwa Muskelmasse, abgebaut werden», sagt Jenni-Eiermann. Das macht auch Sinn, denn je leichter der Vogel im Laufe der Flugroute wird, desto weniger ­Gewicht müssen die Flügel tragen.

In den letzten Jahren ist die Ornithologin auf einen anderen Forschungszweig umgeschwenkt: die Auswirkungen von Stress auf die Vögel. «Oft stellt sich die Frage, wie weit vom Seeufer entfernt man einen Pfad anlegen sollte oder welche Folgen es hätte, wenn ein Waldstück von einem Weg durchschnitten wird. Wenn man da argumentieren will, braucht man Fakten.» Die will sie liefern. Ein bisheriges Resultat: In einem Waldgebiet, in dem die Vögel oft gestört werden, siedeln sich von vornherein deutlich weniger Brutpaare an. Auch die Artenvielfalt ist reduziert. Eine andere Studie zu Birkhühnern hat gezeigt, dass deren Stresslevel noch einen Tag nach einer Störung erhöht ist. «Wenn die Tiere im Winter zu wenig Ruhephasen haben, dann wird es kritisch», sagt Jenni-Eiermann. «Dann sind sie im Frühjahr weniger fit, was sich auf die Fortpflanzung und die ganze Population auswirken kann.»

«Wenn Vögel zugrunde gehen, hat das eine Ursache, die letztlich auch Auswirkungen auf uns haben wird.»

Dass sie nun, als Mitglied im Leitungsgremium der Internationalen Ornithologischen Vereinigung, einen grossen Schalthebel in der Hand habe, würde sie nicht sagen. «Wirkliche Macht habe ich in dieser Position nicht», sagt Jenni-Eiermann. So könne sie die fortschreitende Lebensraumzerstörung nicht verbieten. «Aber ich möchte versuchen, den Anliegen der Ornithologen mehr Gehör zu verschaffen.» Aus ihrer Sicht sind Vögel ein wichtiger Indikator. «Wenn Vögel zugrunde gehen, hat das eine Ursache, die letztlich auch Auswirkungen auf uns haben wird. Wenn wir die Vögel schützen, schützen wir auch die Grundlagen für unser Leben.»

Könnte er damit dieses hehre Ziel ­fördern, wäre auch der Journalist bereit, ein Tröpfchen Blut zu opfern.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 29.09.2018, 15:30 Uhr

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