Das zweite Leben

Der Klonforscher Hwang Woo-suk gehörte zu den Besten auf seinem Gebiet, bevor er als Fälscher aufflog und verurteilt wurde. Nun erlebt der einst Ausgestossene ein Revival.

Wird der Urzeit-Elefant eines Tages wieder lebendig?: 39'000 Jahre alter Mammut-Kadaver aus Sibirien.

Wird der Urzeit-Elefant eines Tages wieder lebendig?: 39'000 Jahre alter Mammut-Kadaver aus Sibirien.

(Bild: Reuters Pichi Chuang)

Barbara Reye@tagesanzeiger

Im auftauenden Permafrost in Sibirien werden hin und wieder gut erhaltene Kadaver des ausgestorbenen Mammuts gefunden. Doch im vergangenen Jahr machten russische Forscher auf der Kleinen Ljachow-Insel einen besonderen Fund: Erstmals gruben sie Überreste eines Weibchens aus, das noch Muskelgewebe mit flüssigen Blutbestandteilen enthielt.

«Der aufgeschnittene Muskel sah noch wie ein Steak aus», sagt der Paläo-Genetiker und Mammut-Experte Michael Hofreiter von der Universität Potsdam, der Bilder vom Mammut-Kadaver gesehen hatte. Der ausserordentlich gute Zustand des vor 10'000 Jahren verstorbenen Exemplars weckt nun erneut Hoffnungen, das Urzeit-Wesen zu klonen und nach Jahrtausenden wieder zum Leben zu erwecken. Ein äusserst kühnes und gewagtes Vorhaben.

Hinter diesem Mammut-Projekt steckt der berühmt-berüchtigte Klonforscher Hwang Woo-suk. Vor acht Jahren wurde der Südkoreaner als Fälscher entlarvt: Die Stammzellen, die er angeblich aus geklonten menschlichen Embryonen abgeleitet hatte, stellten sich als erfunden heraus. Hinzu kam, dass er für die Studie Eizellen verwendete, die entweder von zwei seiner Studentinnen oder von bezahlten Spenderinnen stammten.

«Seit dem Betrug steht Hwang in der Forscherwelt auf der schwarzen Liste», sagt Hofreiter. Dennoch müsse man sagen, dass er sein Handwerk beherrsche. Schliesslich habe er als weltweit Erster einen Hund geklont. Und «Snuppy» sei nachweislich keine Fälschung gewesen. In Südkorea wurde Hwang 2009 letztlich für die Veruntreuung von Forschungsgeldern und die Verletzung des nationalen bioethischen Gesetzes zuerst zu 2 Jahren und später zu 18 Monaten Haft verurteilt. Allerdings legte er gegen diese Frist Berufung ein, sodass bisher noch nichts geschehen ist.

Der Skandal hat ihn nicht daran gehindert, mit dem Klonen weiterzumachen. Im Gegenteil: Er erhielt Spenden von 3,5 Millionen US-Dollar und gründete im Juli 2006 mit 15 ehemaligen Kollegen von der Seoul National University an einem bewaldeten Hügel in einem Aussenbezirk von Seoul die Sooam Biotech Research Foundation.

Elefantenkuh als Leihmutter

Die Fachzeitschrift «Nature», die bei Hwang Ende vergangenen Jahres zu Besuch war, berichtete vor kurzem über seine zweite Karriere und sein «Cloning Comeback». Denn Hwangs Team, das jetzt aus 45 Leuten besteht, hat bisher insgesamt mehr als 400 Hunde geklont. Hauptsächlich für Kunden aus den USA, die um ihre verstorbenen Schoss- und Haushunde trauern und 100'000 US-Dollar für deren Wiedergeburt zahlen, oder für Aufträge der südkoreanischen Polizei, die vor allem an cleveren Schnüffelhunden interessiert ist.

Des Weiteren klont der Südkoreaner aber auch Rinder, Schweine und Kojoten und produziert verschiedene transgene Tiere, die er etwa zur Produktion von Medikamenten oder für Organtransplantationen einsetzen will. Der ursprünglich aus der Wissenschaft Ausgestossene scheint mehr und mehr rehabilitiert zu werden. Denn inzwischen publiziert sein Team sogar wieder in angesehenen Journals wie «PLOS One». Weil dies heikel ist, werden seine Daten jeweils noch sorgfältiger überprüft.

Doch Hwangs Ambitionen hören dort nicht auf. Ganz gezielt schliesst er internationale Kooperationen ab, um seine Ziele zu verfolgen. Für das gigantische Projekt der Wiedergeburt des späteiszeitlichen Rüsseltiers arbeitet er seit zwei Jahren mit den russischen Forschern von der Nordöstlichen Föderalen Universität in Jakutsk zusammen und erhält von ihnen die Mammut-Proben aus dem Permafrost.

Um eine vor Jahrtausenden ausgestorbene Art zu klonen, braucht es die Hilfe seines nächsten, lebenden Verwandten. Beim Mammut ist es der Asiatische Elefant, der ihm genetisch am ähnlichsten ist. Nachdem die tiefgefrorenen Mammut-Proben aus Russland in Hwangs Labor angekommen sind, wird im Gewebe nach einem vollständig funktionsfähigen Zellkern mit Mammut-DNA gesucht.

Wenn alles nach Plan läuft, soll ein solcher Zellkern in eine zuvor entkernte Spendereizelle des Elefanten gelangen und diese ersetzen. Durch Zellteilung könnte daraus schliesslich ein Embryo entstehen, der in eine Elefanten-Leihmutter gepflanzt werden muss.

Damit die Klontechnik funktioniert, braucht es Experten des Reproduktionsmanagements für Wildtiere. «Hwang hat uns angefragt, ob wir mitmachen», sagt der Tierarzt Frank Göritz vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin. Denn sie seien die Ersten, denen es gelungen sei, Elefanten in zoologischen Einrichtungen künstlich zu befruchten. Mittlerweile hätten sie auf diesem Gebiet viel Erfahrung und mit dieser Methode mehr als 40 Elefantenbabys produziert.

Sumatra-Nashorn retten

«Unsere Bedingung, damit wir Hwang bei dem Projekt unterstützen, ist, dass er gleichzeitig auch dem vom Aussterben bedrohten Sumatra-Nashorn hilft», erklärt Göritz. Denn der Artenschutz von den derzeit noch lebenden, charismatischen Grosssäugetieren liege ihnen am Herzen, doch dafür wolle im Gegensatz zum Mammut-Projekt niemand Geld geben. Unabhängig von der Person und der Vorgeschichte von Herrn Hwang hätten sie sich dafür entschieden, dass sie unter diesen Voraussetzungen bereit seien, wissenschaftlichen Input und Know-how dort mit einzubringen.

«Die Frage lautet doch: Springt man auf den fahrenden Zug auf?», sagt Göritz, oder lasse man ihn abfahren. Vor ein paar Jahren hätte er nie gedacht, dass man mit dieser Technik das Sumatra-Nashorn vielleicht eines Tages noch vor dem Aussterben retten könne. Weltweit gebe es nur noch rund 200 Individuen in freier Wildbahn. Mit dem Schutz des Lebensraums allein sei man nicht weitergekommen, da die Populationsdichte zu gering sei, Wilderei weiterhin stattfinde und viele Weibchen unter anderem aufgrund von Zysten in der Gebärmutter auf natürliche Weise keine Nachkommen mehr bekommen könnten.

«Das Mammut-Projekt ist somit das Zugpferd für modernen Artenschutz und Mittel zum Zweck», sagt der Berliner Tierarzt und fügt hinzu, dass sie noch lang nicht so weit seien, irgendwo ein Mammut-Baby aufzuziehen. Auch das Klonen eines Sumatra-Nashorns sei noch nicht realistisch, doch die Entwicklung schreite schnell voran. Deshalb habe man für spätere Klonprojekte bereits spezifische Zelllinien des Sumatra-Nashorns auf Borneo tiefgefroren und damit genetisches Material für die Zukunft gesichert.

Auch Hwangs Konkurrenz schläft nicht. Der Genetiker George Church von der Harvard University ist ebenfalls daran, das Mammut wiederauferstehen zu lassen. Der Amerikaner manipuliert das Elefantenerbgut Stück für Stück so lange, bis alle wichtigen Gene des Mammuts drin sind, damit es sich am Schluss wie ein Mammut verhält und auch so aussieht. Im Vergleich zum Elefanten sollte es danach andere Stosszähne, zotteliges Fell, kleinere Ohren und auch eine Zahnstruktur mit mehr Lamellen für die zähe Kost eines vorwiegend Gras fressenden Tiers haben.

Das Problem dabei ist, dass Mammut und Elefant rund 20 Millionen Unterschiede im Genom haben, von denen aber nicht alle relevant sind. «Dennoch ist diese Methode im Vergleich zu Hwangs Projekt der einzig gangbare Weg», erklärt der Paläogenetiker. Denn er glaube nicht daran, dass Hwang irgendwann einen klonfähigen Zellkern finden werde.

Hofreiter selbst erforscht lieber einzelne physiologische Prozesse, etwa die Kälteanpassung des Bluts der ausgestorbenen Art. Mithilfe von Mammut-DNA konnte er im Labor Hämoglobin herstellen und mit dem des Elefanten vergleichen. Dabei stellte sich heraus, dass der rote Blutfarbstoff vom Mammut selbst bei Kälte noch Sauerstoff ans Gewebe liefert und bestens an die eisigen Temperaturen von damals angepasst war.

Gewiefter Sponsorensucher

Sollte es Hwang tatsächlich eines Tages gelingen, ein Mammut zu klonen? Stellt sich die Frage, wo ein solches Tier überhaupt leben könnte. In irgendeinem Zoo als lebendes Anschauungsobjekt einer längst ausgestorbenen Art? Oder in seiner ursprünglichen Heimat? Könnte das kälteangepasste Tier unter den heutigen Umweltbedingungen dort noch existieren? Und wenn ja, müsste man gleich eine ganze Herde «produzieren», damit es ein artgerechtes Dasein hätte?

Wie durch ein Wunder ist der Klonforscher und gewiefte Sponsorensucher Hwang zurück – auch dank der spektakulären Mammut-Funde in Sibirien, die aber nur eines von vielen Puzzleteilchen in seinem selbst inszenierten Comeback sind. Inzwischen hat sein Institut mehr als 40 Studien über Erfolge beim Klonen und technische Verbesserungen auf diesem Gebiet veröffentlicht.

Doch damit nicht genug: Er hat sogar so viel Selbstvertrauen zurückgewonnen, dass er in die Offensive ging und sich jetzt in den USA zumindest das Verfahren zur Herstellung von Stammzellen aus geklonten menschlichen Embryonen patentieren liess. Erneut ein gelungener und überraschender Coup des unumstritten ersten Hundeklon-Pioniers.

Tages-Anzeiger

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