200'000 Gletscher kartiert

Glaziologen können nun mit bisher nie erreichter Genauigkeit die Folgen des Klimawandels für die Gletscher berechnen.

Perito Moreno: Gletscher in den argentinischen Anden an der Grenze zwischen Argentinien und Chile. Er ist bedeutsam für die Wasserreserven in der Region.

Perito Moreno: Gletscher in den argentinischen Anden an der Grenze zwischen Argentinien und Chile. Er ist bedeutsam für die Wasserreserven in der Region.

(Bild: Keystone Angel Diaz)

Martin Läubli@tagesanzeiger

«Das neue weltweit vollständige Gletscherinventar ist ein Quantensprung», sagt Frank Paul vom Geographischen Institut der Universität Zürich. Der Mitautor der neuen Studie vergleicht sie dabei mit der Datenbasis, wie sie sich vor sieben Jahren im 4. Klimabericht des Weltklimarates IPCC präsentierte. Die neue weltweit vollständige Gletscherdatenbank, das sogenannte Randolph Gletscher Inventar (RGI), biete nun die Grundlage, um die Reaktion einzelner Gletscher auf Klimaveränderungen modellieren zu können.

Ein internationales Forschungsteam hat dank Satellitendaten die Abgrenzungen der weltweit etwa 200'000 Gletscher dokumentiert. Das berichten die Wissenschaftler in einer heute veröffentlichten Ausgabe der Fachzeitschrift «Journal of Glaciology». Die totale Gletscherfläche der Erde – ohne die Eisschilde Grönland und Antarktis – ist so gross wie Deutschland, Polen und die Schweiz zusammen, rund 730'000 Quadratkilometer. Nun lässt sich laut den Forschern deutlich zuverlässiger abschätzen, wie gross der zukünftige Beitrag der Gletscher zum regionalen Wasserhaushalt sowie zum globalen Meeresspiegelanstieg sein wird.

Die zahlreichen Berechnungen, die man mit dem neuen Inventar machen kann, sind allerdings nach wie vor mit Unsicherheiten behaftet. Zum Beispiel lassen sich mithilfe von Lasermessungen aus dem Weltall Volumenänderungen der Gletscher relativ gut erfassen und mit dem neuen Inventar auf alle Gletscher hochrechnen. Andererseits ist das Eisvolumen selber nur ungenau bekannt, da sich die Dicke eines Gletschers nur punktuell und durch kein technisches Verfahren exakt messen lässt. «Die Gletscherbetten müssen deshalb am Computer modelliert werden, was gewisse Unsicherheiten bedingt», sagt Frank Paul.

Meeresspiegel steigt weniger stark

So wurden für die Schätzungen des Meeresspiegelanstiegs vier verschiedene Modelle verwendet. Diese ergeben: Der Meeresspiegel stiege um 35 bis 47 Zentimeter, würden alle Gletscher komplett abschmelzen. Das ist weniger als 1 Prozent der Eismasse, die in den Eisschilden Grönlands und der Antarktis gespeichert ist. Bisher wurden etwa 60 Zentimeter angenommen. Dieser Wert stammt allerdings aus einer Zeit, als das Gletscherinventar noch unvollständig war und viele Daten hochgerechnet werden mussten. «Auch jetzt hat es regional noch Ungenauigkeiten im globalen Inventar, diese sind bei globalen Abschätzungen aber nicht so relevant», sagt Paul.

Die Gletscher tragen derzeit etwa ein Drittel zum beobachteten Meeresanstieg bei, genauso viel wie die beiden Eisschilde zusammen. Das letzte Drittel ist auf die thermische Ausdehnung des Meerwassers zurückzuführen. Ein rasches Schwinden der Gletscher könne auch in den Alpen während der letzten 20 Jahre beobachtet werden, sagt Frank Paul.

Die Daten des neuen Gletscherinventars sind grundsätzlich frei verfügbar. Das habe auch eine geopolitische Komponente, sagt Tobias Bolch von der Universität Zürich, der ebenfalls an der Studie beteiligt war: «In einigen Regionen der Welt sind Informationen zum Abfluss oder zu Wasserreserven nur schwer verfügbar.» Mit dem neuen Inventar könnten nun Abschätzungen über den Wasserhaushalt für alle Regionen der Welt gemacht werden. Die Kenntnis über die Wasserreserven ist eine Voraussetzung, um rechtzeitig Anpassungsmassnahmen ergreifen zu können.

DerBund.ch/Newsnet

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