Schweizer Ärzte wollen eine Gebärmutter verpflanzen

Der Eingriff wurde weltweit erst wenige Male vorgenommen. Er könnte künftig Leihmutterschaften ersetzen.

Der Traum vom eigenen Kind soll sich auch für Frauen mit beschädigter Gebärmutter erfüllen. Foto: Slawomir Radek (Alamy)

Der Traum vom eigenen Kind soll sich auch für Frauen mit beschädigter Gebärmutter erfüllen. Foto: Slawomir Radek (Alamy)

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Es geht nicht um Leben und Tod, und das ist ungewohnt für Transplantationsmediziner. Pierre-Alain Clavien schüttelte den Kopf, als er das erste Mal von der Transplantation einer Gebärmutter (Uterus) hörte. «Das ergab für mich damals keinen Sinn», sagt der Direktor der Klinik für Viszeral- und Transplantationschirurgie am Universitätsspital Zürich (USZ). Unerfüllte Kinderwünsche gehörten nicht zu seinem Repertoire als Arzt.

So funktioniert die Uterustransplantation
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Heute sieht Clavien dies anders. «Die neue Möglichkeit ist eine Erweiterung des Spektrums der Transplantations­medizin», sagt er. Clavien und Bruno Imthurn, Direktor der USZ-Klinik für Reproduktions-Endokrinologie und Leiter des USZ-Kinderwunsch-Zentrums, sind derzeit dabei, ein Gebärmuttertransplantationsprogramm aufzubauen. Die Zürcher Mediziner gehören damit zu den weltweit ersten, die diese Art der Organverpflanzung in Angriff nehmen. Imthurn ist überzeugt: «Der Eingriff wird schon bald einen grossen Teil ethisch schwieriger Leihmutterschaften überflüssig machen.»

Es sind keine zwei Jahre vergangen, seit weltweit zum ersten Mal eine Frau mit einer gespendeten Gebärmutter ein gesundes Baby zur Welt brachte. Die Transplantation vorgenommen hat ein Team um den Gynäkologen Mats Bränn­ström aus Göteborg. Die Mediziner haben inzwischen auf diese Weise die Geburt von vier weiteren Kindern ermöglicht. «Der Erfolg der Schweden war eine Sensation für uns Fruchtbarkeitsmediziner», sagt Imthurn. Davor hatten viele Ärzte nicht geglaubt, dass solche Geburten möglich wären. Nun versuchen verschiedene Kliniken weltweit, den Erfolg der Schweden zu wiederholen.

In drei Jahren das erste Baby

Die Gebärmuttertransplantation soll vor allem Frauen ohne funktionsfähige Gebärmutter angeboten werden. Für sie ist heute die in der Schweiz verbotene Leihmutterschaft die einzige Möglichkeit, leibliche Kinder zu bekommen. Am häufigsten sind dies Frauen, deren Gebärmutter wegen wiederholter oder schwerer Aborte so geschädigt ist, dass eine Schwangerschaft unmöglich geworden ist. Hinzu kommen Patientinnen, deren Gebärmutter aus genetischen Gründen von Geburt an fehlt. Rund jede 5000. Frau ist von Letzterem betroffen.

Erste Überlegungen zu einem Uterustransplantationsprogramm in Zürich fanden Ende 2014 bei einem Treffen von Imthurn und Clavien statt. Inzwischen liegen die Bewilligungen für Laborversuche vor. «Ich denke, dass wir in rund einem Jahr mit dem Programm beginnen können», schätzt Clavien. Voraussetzung ist die Zustimmung des Bundesamts für Gesundheit. Nach der ersten Transplantation müssen die Ärzte dann ein Jahr abwarten. Wenn in dieser Zeit keine Komplikationen auftreten, können sie bei der ersten Empfängerin einen Embryo einpflanzen. Dieser wird vor der Transplantation im Reagenzglas aus einer Eizelle der Patientin und Spermien ihres Partners hergestellt werden. «In rund drei Jahren könnte es dann zur Geburt des ersten Babys kommen», sagt Clavien.

Die gesellschaftliche Diskussion führen

Auch wenn man erst am Anfang steht: Jetzt sei der richtige Zeitpunkt, um sich mit dem Vorhaben einer öffentlichen Diskussion zu stellen, sagen die Zürcher Mediziner. Bei Swisstransplant ist man gegenüber dem Vorhaben schon einmal aufgeschlossen. «Bei ausgewählten Patientinnen, insbesondere mit einem angeborenen Defekt, ist eine Uterustransplantation sicher vertretbar», sagt Franz Immer, Direktor der für Organspende und Transplantation zuständigen Stiftung. Er fände es sinnvoll, wenn die Gebärmutterverpflanzungen künftig nur an einem Zentrum in der Schweiz stattfinden würden, allerdings in enger Partnerschaft mit anderen Kliniken.

Andrea Büchler, Rechtsprofessorin und Präsidentin der Nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin, begrüsst es, wenn nun die gesellschaftliche Diskussion zur neuen Technik früh und breit geführt wird. «Aus ethischer Sicht hat die Gebärmutterspende einige Gemeinsamkeiten mit der Leihmutterschaft», sagt sie. In beiden Fällen sei eine dritte Person involviert, die Gefahr laufe, instrumentalisiert zu werden.

Zahlreiche Rückschläge

Die Kosten des Eingriffs sind hoch. Imthurn schätzt sie auf rund 100 000 Franken. Da Fruchtbarkeitsbehandlungen in der Schweiz nicht von der Grundversicherung übernommen werden, dürften die Patientinnen voraussichtlich auch den Betrag für eine Gebärmuttertransplantation selber zahlen müssen. «Auch eine Leihmutterschaft kostet je nach Land mehrere Zehntausend Franken», gibt Imthurn zu bedenken.

Die Zürcher Forscher rechnen mit einem grossen Interesse bei Betroffenen. Für die erste Transplantation kommt für sie jedoch nur eine Empfängerin infrage, die genau passt. Konkret: Sie muss unter 35 sein und in einer festen Paarbeziehung leben. Zudem dürfen neben der fehlenden Gebärmutter keine weiteren Fruchtbarkeitsprobleme vorliegen. Nicht zuletzt aus gesetzlichen Gründen kommt eine Uterustransplantation für Männer und Transgender in der Schweiz nicht infrage. Technisch sei dies allerdings durchaus möglich, auch eine Schwangerschaft, sagt Olivier de Rougemont, Oberarzt Viszeralchirurgie am USZ. «In Paris arbeitet ein Zentrum vorwiegend an dieser Möglichkeit.»

Rückschläge in Saudiarabien und in der Türkei

De Rougemont ist zuständig für die eigentliche Entwicklung des Transplantationsprogramms. «Wir wollen nichts überstürzen», sagt er. Dies umso mehr, als es ausser in Schweden bisher vor allem Rückschläge gab. Die ersten Transplantationen an Frauen wurden in Saudiarabien und der Türkei vorgenommen und sind wegen Abstossungsreaktionen gescheitert. Grosse mediale Aufmerksamkeit erhielt eine Uterustransplantation in Cleveland (USA). Wie unlängst bekannt wurde, musste das Organ der Empfängerin wegen Komplikationen kurz darauf wieder entfernt werden. Verschiedene andere Fehlschläge dürften gar nie öffentlich gemacht worden sein.

Bei ihren erfolgreichen Transplantationen verwendeten die Ärzte aus Göteborg jeweils Lebendspenden. Das Alter des gespendeten Uterus spielt dabei eine untergeordnete Rolle für die Fruchtbarkeit. «Letztlich handelt es sich um einen Muskel», sagt de Rougemont. Die Spenderinnen hatten deshalb bereits Nachwuchs und keinen Kinderwunsch mehr. Allerdings sind solche Lebendspenden problematisch, denn eine gesunde Spenderin muss sich einer risikoreichen, rund zehnstündigen Operation unterziehen. Daneben sind die Erfolgsaussichten der Transplantation zumindest zum jetzigen Zeitpunkt noch sehr gering.

Entnahme nach der Geburt

Die Zürcher Mediziner gehen einen anderen Weg. Sie planen, die Gebärmutter von verstorbenen Spenderinnen zu transplantieren. Die Einpflanzung selber sei dann nicht sehr kompliziert, sagt de Rougemont. Die Ärzte verbinden das Organ mit der Vagina und auf beiden Seiten je einer Arterie und einer Vene. «Weil es sich beim Uterus nicht um ein überlebenswichtiges Organ handelt, kann er bei Komplikationen problemlos entfernt werden», sagt der Mediziner.

Dies geschieht übrigens auch bei einer erfolgreichen Transplantation, denn die Ärzte entfernen nach der Geburt die Gebärmutter wieder. Der Grund sind Medikamente, welche die Patientin gegen die Abstossung des implantierten Organs einnehmen muss und die gewisse Nebenwirkungen und Risiken haben. Für das Ungeborene stellen die ­Medikamente jedoch offenbar keine ­Gefahr dar. «Von nierentransplantierten Frauen, die gleiche Medikamente einnahmen und schwanger wurden, wissen wir, dass es zu keinen Schäden kommt», sagt Clavien.

Was halten Sie von der neuen Möglichkeit der Transplantationschirurgie – ist die Verpflanzung der Gebärmutter ein zu starker Eingriff in die Natur oder eine willkommene Errungenschaft? Diskutieren Sie mit! (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.08.2016, 20:24 Uhr

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