Wunschkind, aber später, bitte!

Die Eigen-Eizellspende liegt im Trend – wohl noch stärker, wenn das neue Gesetz zur Fortpflanzungsmedizin angenommen wird. Eine Studie soll die Folgen abschätzen, wenn Frauen Eizellen für eine spätere Befruchtung einfrieren.

Weil es für das Einfrieren keine Dokumentationspflicht gibt, ist die Dunkelziffer hoch. Kassette mit tiefgekühlten Eizellen. Foto: Sebastian Kahnert (DPA)

Weil es für das Einfrieren keine Dokumentationspflicht gibt, ist die Dunkelziffer hoch. Kassette mit tiefgekühlten Eizellen. Foto: Sebastian Kahnert (DPA)

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Die Antibabypille brachte die erste sexuelle Revolution, indem sie die Frau von unerwünschten Folgen des Geschlechtsverkehrs befreite. Doch jetzt bahnt sich eine zweite, möglicherweise viel umfassendere Umwälzung an. Die Reproduktionsmediziner machen sich daran, die biologische Uhr der Frau auszuhebeln. Der Trend heisst Social Freezing, auch Eigen-Eizellspende genannt: Eine Frau erhält sich die eigenen Eizellen tiefgefroren im Kühlschrank frisch und jung, um daraus in reiferen Jahren ein Kind zu machen. Wird das neue Fortpflanzungsmedizingesetz am 5. Juni angenommen, könnte dieses Verfahren auch in der Schweiz zusätzlichen Auftrieb erhalten.

Das Prinzip ist einfach: Eine Frau, vielleicht Anfang 30, die an ihrer beruflichen Karriere arbeitet, lässt sich nach einer kräftigen Hormonstimulation wenn möglich einige Dutzend ihrer Eizellen entnehmen. Diese werden dann schockgefroren und im Kühlschrank eingelagert. Später, vielleicht, mit 40 Jahren, wenn sie ihre Ziele erreicht hat und möglicherweise einen passenden Partner gefunden hat, ist sie bereit. Jetzt sind ihre eigenen Eizellen meistens nicht mehr so fruchtbar – doch sie hat vorgesorgt. Sie lässt ihre eingelagerten Eizellen auftauen und vom passenden Partner befruchten, um mittels künstlicher Befruchtung (In-vitro-Fertilisation, IVF) doch noch zum Wunschkind zu kommen. Die Mutter ist nun zwar schon über 40, das genetische Outfit des Sprösslings stammt aber von einer vitalen 33-Jährigen.

Heute dürfen Eizellen gemäss Fortpflanzungsmedizingesetz nur fünf Jahre aufbewahrt werden (mit seltenen Ausnahmen aus medizinischen Gründen), dann müssen sie wieder vernichtet werden. Doch im neuen Gesetz wird die Frist generell auf zehn Jahre verlängert. «Diese Ausweitung macht einen wesentlichen Unterschied», sagt Michael von Wolff, Präsident der Ferti­save-Kommission der Schweizerischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin, welche sich um Fragen und Probleme der sogenannten fruchtbarkeitserhaltenden Massnahmen kümmert. Auch Dorothea Wunder, Reproduktionsmedizinerin in Lausanne, glaubt, «dass diese Verlängerung die Anwendung des Social Freezing stark erleichtert, weil man dann mehr Zeit hat».

Ein lukratives Geschäft

Entwickelt wurde die Methode ursprünglich für Krebspatientinnen, um diesen trotz Chemo- oder Strahlentherapie eine Mutterschaft zu ermöglichen. In den letzten Jahren wurden auch die Einfriertechniken stetig verbessert, seit 2012 wurde das Schockgefrieren von der Stufe «experimentell» auf die Stufe «state of the art» erhoben. Auch deshalb ziehen immer mehr gesunde Frauen diese Option im Sinne ihrer «reproduktiven Autonomie» in Erwägung. In den USA gilt Social Freezing als Megatrend, grosse Firmen wie Apple, Intel und Google übernehmen für ihre hoffnungsvollen weiblichen Talente sogar die Kosten. Langsam schwappt die Welle auf Europa über. «In München gibt es Radiowerbung dafür», sagt Michael von Wolff. Dahinter steckt auch ein lukratives Geschäft. Das im Bereich Fortpflanzungsmedizin führende deutsche Unternehmen Merck gab erst kürzlich neue Investitionen in noch bessere Techniken zum Einfrieren von Eizellen oder Embryonen bekannt.

Wie viele Frauen sich in der Schweiz die Eizellen unbefruchtet aus sozialen Gründen einfrieren lassen, lässt sich nur schwer abschätzen. Denn im Gegensatz zur künstlichen Befruchtung gibt es keine Dokumentationspflicht. 16 Schweizer Fruchtbarkeitszentren, welche diese Dienstleistung anbieten, sind der Fertisave-Kommission angeschlossen, die auch ein ­Register führt. Doch die Meldedisziplin sei eher schwach, sagt Dorothea Wunder, die bis 2015 Präsidentin der Kommission war und das Register aufbaute. 2014 wurden nur vier Fälle mit eindeutiger sozialer Indikation verzeichnet, 2013 gar nur drei. Die Zahlen für 2015 sind laut Michael von Wolff, der an der Universitätsfrauenklinik Bern die Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin leitet, noch in der Auswertung. Mit Sicherheit gibt es allerdings eine grosse Dunkelziffer. Schätzungen gehen von rund 200 Frauen aus, deren Eizellen derzeit tiefgefroren sind. Michael von Wolff: «In Bern haben wir einen bis zwei Fälle pro Monat. Ich schätze, dass es in Städten wie Zürich oder Genf noch häufiger gemacht wird.» Dorothea Wunder erhält nach eigenen Angaben ebenfalls eine bis zwei Anfragen pro Monat, wobei es auch vorkomme, dass einige davon abgelehnt würden – aus Altersgründen der Frau.

Hohe Kosten für die Frauen

Die Behandlung ist zudem auch sehr teuer, wobei die Lagerung der Eizellen mit 200 bis 350 Franken pro Jahr noch am wenigstens zu Buche schlägt. Hinzu kommen jedoch die Kosten der Hormonstimulation mit Eizellentnahme (rund 1000 bis 2000 Franken pro Runde, sinnvoll sind zwei oder drei Entnahmen) sowie eventuell die künstliche Befruchtung (rund 3000 Franken pro Behandlung). Alles müssen die Frauen selber bezahlen.

Die hohe Dunkelziffer hat nun auch die Schweizer Wissenschaftspolitik aufgerüttelt. Das Zentrum für Technologiefolgenabschätzung der Akademien der Wissenschaft in der Schweiz (TA-Swiss) hat eine Studie zu dem Thema lanciert, um mehr darüber zu erfahren. Die Eingabefrist für Projekte läuft bis zum 31. Juli. Die Studie soll klären, wie gross die Chancen und Risiken der Technik sind, aber auch wie hoch die Nachfrage bei den Schweizer Frauen ist und vor allem, welche ethischen und rechtlichen Implikationen die Eigen-Eizellspende mit sich bringt. Als die Änderung des Fortpflanzungsmedizingesetzes vor drei Jahren beraten wurde, koppelten die Politiker das Thema ab und verschoben die Beratung auf unbestimmte Zeit – noch schien es zu wenig dringlich.

Obwohl gemäss Gesetz nur unfruchtbare Paare eine künstliche Befruchtung machen dürften, ist das Social Freezing erlaubt. Denn die Eizellentnahme gilt nicht als fortpflanzungsmedizinisches Verfahren. Den zweiten Schritt des Social Freezing, die künstliche Befruchtung, nimmt eine Frau sowieso nur auf sich, wenn sie wirklich unfruchtbar ist. «Die Methoden der Reproduktionsmedizin müssen immer das Verfahren zweiter Wahl sein», mahnt denn auch der Reproduktionsmediziner Michael von Wolff. «Das ist kein Zuckerschlecken, sondern ein medizinischer Eingriff, der mit Risiken behaftet ist.»

Auch andere Konsequenzen beunruhigen den Arzt. «Wenn die Frauen erst kommen, wenn sie die biologische Uhr ticken hören, ist es meistens zu spät. Dann hat die Fruchtbarkeit der Eizellen schon deutlich abgenommen, und die Chancen einer Schwangerschaft sind kleiner», sagt von Wolff. Ideal sei es, wenn sich eine Frau im Alter zwischen 30 und 35 Jahren für eine solche Behandlung entscheide. Dann schätzt von Wolff die Chancen auf eine Schwangerschaft bei einer späteren künstlichen Befruchtung auf rund 40 Prozent bei einem Versuch, bei zwei Versuchen seien es schon 60 Prozent, bei drei 75 Prozent. Eine Garantie für das späte Wunschkind gebe es natürlich auch dann nicht. «Die Biologie», sagt Dorothea Wunder, «kann man auch mit Social Freezing nicht auf Teufel komm raus übertölpeln.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.05.2016, 23:13 Uhr

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