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Wo Ärzte am häufigsten operieren

Forscher veröffentlichen einen Schweizer Atlas der Gesundheitsversorgung.

Wie häufig ein bestimmter Eingriff ausgeführt wird, ist regional unterschiedlich: Operation in der Hirslanden Klinik Zürich. Foto: Gaetan Bally (Keystone)
Wie häufig ein bestimmter Eingriff ausgeführt wird, ist regional unterschiedlich: Operation in der Hirslanden Klinik Zürich. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Der Unterschied ist frappant: In den Kantonen Jura, Nidwalden und Baselland nehmen Ärzte die Vertebroplastie zehnmal seltener vor als in Bern, Uri und Solothurn. Bei dem Eingriff werden gebrochene und eingefallene Wirbelkörper mit Knochenzement wieder aufgebaut. «Das ist eine riesige regionale Differenz, die nicht damit erklärt werden kann, dass die Bewohner unterschiedlich häufig Wirbelbrüche haben», sagt Marcel Widmer vom Schweizerischen Gesundheitsobservatorium (Obsan). Hinzu kommt, dass der Nutzen der Vertebroplastie in vielen Fällen zumindest umstritten ist. Zum Beispiel das Swiss Medical Board forderte in einem Expertenbericht bereits 2011 Zurückhaltung bei dem Eingriff. Marcel Widmer ist federführend beim «Schweizer Atlas der Gesundheitsversorgung», den das Obsan zusammen mit dem Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) der Universität Bern kreiert hat. Unter der Internetadresse Versorgungsatlas.ch ist dieser seit Dienstag öffentlich zugänglich.

Unter- oder Überversorgung?

Die Vertebroplastie ist eine von fast 30 der häufigsten stationären Behandlungen in den Schweizer Akutspitälern, die für den Atlas erfasst wurden. Auf einer Schweizer Karte sowie in einer Rangliste wird die regionale Häufigkeit der Eingriffe vergleichbar gemacht. Andere Behandlungen sind zum Beispiel Blinddarm-, Leistenbruch-, Prostata- und Bypass-Operationen, Stents und Gelenkprothesen. Die Häufigkeit ist dabei nicht nur kantonal, sondern auch nach Spitalregionen aufgegliedert. Geografische Ungleichverteilungen sind etwa bei Hüft- oder Kniegelenken und bei Kaiserschnitten bekannt und bereits viel diskutiert. Trotzdem liefert der Atlas überraschende Erkenntnisse. «Gerade beim Kaiserschnitt zeigt sich, dass die Unterschiede nach einer statistischen Analyse nicht sehr relevant sind», sagt Widmer. Dies, obwohl der Eingriff zum Beispiel an der Zürcher Goldküste fast doppelt so häufig durchgeführt wird wie im Kanton Jura. «Der Haupteinflussfaktor ist bei diesen Unterschieden das Gebäralter der Mutter bei der Erstgeburt», so der Obsan-Fachmann.

Infografik: Häufigkeit von arthroskopischen Meniskus-Operationen

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Auch bei den Gelenkprothesen sind gemäss Widmer die regionalen Unterschiede weniger bedeutend als bisher angenommen. Deutliche Ungleichheiten zeigen sich jedoch unter anderem auch bei Meniskus-Operationen oder der Prostata-Entfernung wegen Krebs. «Was die Gründe dafür sind, ist noch zu analysieren», sagt Widmer. «Grundsätzlich muss man sich bei jeder Behandlung mit grossen regionalen Unterschieden fragen, ob eine Unter- oder eine Überversorgung vorliegt.»

Fehlentwicklungen sichtbar

Die Daten für den Versorgungsatlas stammen von der schweizweiten Erhebung aller Spitäler, die gesetzlich jährlich vorgeschrieben ist und die das Bundesamt für Statistik koordiniert. Erfasst werden Informationen zu Wohnort, Diagnosen und Behandlungen aller in der Schweiz stationär behandelter Patienten. Um Fehlinterpretationen zu vermeiden, haben die Forscher bei der Analyse auch zufällige Schwankungen zwischen einzelnen Erhebungsjahren berücksichtigt.

Der Atlas richtet sich vor allem an Behörden und Fachgesellschaften. Er soll helfen, Fehlentwicklungen und Missstände bei der medizinischen Versorgung in der Schweiz sichtbar zu machen. «Die Kantone und der Bund haben bereits Interesse an einer Weiterführung signalisiert», sagt Widmer. Künftig wollen die Wissenschaftler den Atlas mit weiteren stationären Behandlungen und vertieften Analysen ergänzen. Auch Rehabilitation und Psychiatrie sollen hinzukommen. Längerfristig werden die Versorgungsforscher zudem ambulante Eingriffe erfassen. «Heute existieren dazu noch wenig Daten, das dürfte künftig aber besser werden», so Widmer.

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