«Wir müssen alle sterben. Ob auf der Erde oder dem Mars, ist egal»

Der Astrobiologe Dirk Schulze-Makuch propagiert die Besiedlung des Mars mit Missionen ohne Rückkehr. Weil die kosmische Strahlung die Zeugungsfähigkeit beeinträchtigt, will er ältere Personen vorschicken.

Die erste Marssonde der Europäischen Weltraumorganisation ESA liefert seit Januar Daten: Kasei Vallis, das grösste Trockental des Planeten.

Die erste Marssonde der Europäischen Weltraumorganisation ESA liefert seit Januar Daten: Kasei Vallis, das grösste Trockental des Planeten.

(Bild: ESA)

Matthias Meili@MatthiasMeili

Der Schweizer Astronaut Claude Nicollier hat unlängst kundgetan, dass er zu einem Flug zum Mars ohne Rückkehr bereit wäre. Hat er sich bei Ihnen gemeldet? Nicht dass ich wüsste, dieser Name wäre mir sicher aufgefallen.

Was sind das für Menschen, die eine solche Reise antreten wollen? Wir haben Leute von 13 bis 80, Frauen, Männer, Mädchen und Jungs. Da sind Menschen dabei, die absolut keine nützliche Vorbildung haben, aber auch solche, die hoch qualifiziert sind, etwa ehemalige Militärpiloten. Allerdings sind sich wohl 80 Prozent der Bewerber nicht bewusst, worauf sie sich einlassen würden.

Was bedeutet eine solche Mission denn? Die Marsfahrer müssten auf den ganzen Komfort verzichten, den sie auf der Erde haben. Es wäre richtig unbequem und würde harte Arbeit bedeuten. Dafür würden sie als Pioniere unsterblich werden, weil sie die ersten Menschen auf dem Mars wären und dort etwas aufbauen könnten.

Doch diese Pioniere werden auf dem Mars sterben . . . Richtig, aber wir müssen ja alle sterben – und ob mein Grab auf der Erde oder auf dem Mars zu liegen kommt, ist mir persönlich zum Beispiel egal.

Ist ein Leben auf dem Mars denn überhaupt möglich angesichts der dünnen Atmosphäre und der hohen kosmischen Strahlung? Die kosmische Strahlung ist auf dem Mars tatsächlich viel höher als auf der Erde. Aber schon auf der Reise dahin wären die Marsfahrer sechs Monate lang einer hohen kosmischen Strahlung ausgesetzt. Müssten sie zurückkehren, hätten die Astronauten sogar ein doppeltes Risiko. Die kosmische Strahlung verursacht vor allem Defekte im Fortpflanzungsapparat. Deshalb überlegen wir, zuerst einmal nur ältere Leute hinzuschicken, die davon nicht mehr betroffen wären. Später, wenn wir mehr wissen, könnte man immer noch Männer und Frauen hinschicken, die sich auch fortpflanzen könnten.

Immer vorausgesetzt, die ersten Siedler überleben die Mission. Ich sehe keine grundsätzlichen physikalischen oder medizinischen Probleme. Natürlich wäre die Lebenserwartung der ersten Marsfahrer kürzer, vor allem weil die medizinische Versorgung nicht so gut wäre wie auf der Erde. Wenn wir einen gesunden 55-Jährigen hochschicken, hätte er vielleicht eine um 10 Jahre kürzere Lebenserwartung, er würde also noch 15 statt 25 Jahre leben.

Das tönt nicht gerade tröstlich. Auf der Erde sind wir an eine steigende Lebenserwartung gewöhnt. Die Leute würden immer noch recht lange leben – und würden dadurch entschädigt, Pioniere zu sein wie die ersten Entdecker, die von Europa nach Amerika umsiedelten. Deren Lebenserwartung war am Anfang auch ein Stück niedriger, als wenn sie in Europa geblieben wären.

Nur wussten sie das nicht. Auf die Entdecker lauerten ebenfalls viele Gefahren. Da gab es Indianer und wilde Tiere und andere Unwägbarkeiten. Ich bin sicher, das hat sich damals auch herumgesprochen. Aber die Entdecker waren richtige Abenteurer, die sich davon nicht abhalten liessen.

Was müssen die ersten Marssiedler leisten? Die Pioniere müssen Pflanzen anbauen, die sie essen können. Auf dem Mars gibt es Wasser und mineralhaltige Böden, die das ermöglichen. Zudem müssen sie ihren Lebensraum kontinuierlich erweitern – und den Planeten schliesslich auch erkunden. Am Anfang würden sie wohl in Lavahöhlen wohnen, die einen gewissen Schutz vor der kosmischen Strahlung und den Marsstürmen bieten.

Wie funktioniert die Sauerstoffversorgung?

Auf dem Mars hat es genug Sauerstoff, der in Wasser gebunden ist. Wenn wir eine Energiequelle haben, können wir das Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff splitten und daraus genügend Sauerstoff produzieren, um das Habitat der ersten Siedler zu belüften. Um die Lavahöhlen könnte man so eine Art strahlengeschütztes und belüftetes Glashaus bauen wie in einem botanischen Garten. Auch die Spaceshuttles, mit denen die Marsfahrer hochfahren, könnten als Wohnraum dienen. Sie kehren ja nicht mehr zurück.

Sind später auch Retourflüge geplant? Ja. Auf die erste One-Way-Mission müssten wir wohl fünf bis sieben weitere Marsfahrten ohne Rückkehr folgen lassen, mit denen die Besatzung kontinuierlich verstärkt würde. Aber in weiterer Zukunft wäre dann eine Art regulärer Shuttleservice von der Erde zum Mars vorgesehen.

Wer wäre für denn für die erste Mission qualifiziert? Einer müsste die Mission leiten, das ist klar. Dann bräuchten wir sicher einen Topingenieur, der mit Instrumenten umzugehen versteht und bei Problemen etwa mit dem Energieversorgungssystem oder anderen Maschinen kreativ reagieren und diese reparieren kann. Dann bräuchten wir eine Person, die einen grünen Daumen hat und Pflanzen anbauen kann, denn die sollen die Hauptnahrungsquelle sein. Wir wollen ja, dass die Pioniere schnell selbstversorgend werden. Ziel ist es, die Kosten für robotische Unterstützungsmissionen zum Mars so gering wie möglich zu halten. Dann brauchen wir natürlich auch noch einen Arzt für den Fall, dass ein medizinisches Problem auftritt. Die erste Besatzung würde also wahrscheinlich vier Leute umfassen.

Gäbe es eine stetige Kommunikation mit der Erde? Ja. Das Signal vom Mars zur Erde dauert etwa 20 Minuten. Das ist zum Beispiel für Roboter, die sofort Befehle ausführen müssen, ziemlich lang. Aber für die Kommunikation von Mensch zu Mensch würde das ausreichen.

Im Mars-500-Projekt werden derzeit die psychologischen Anforderungen an Marsfahrer getestet. Wie wichtig wären diese in Ihrer Mission? Die spielen natürlich eine Rolle. Darum werden die Freiwilligen auch alle Tests bestehen müssen, um zu zeigen, dass sie stabil sind. Allerdings waren Entdecker wie Amundsen, Scott oder Darwin ebenfalls monatelang in unwirtlicher Gegend unterwegs oder auf engem Raum eingesperrt – und sie haben es geschafft, ohne dass sie psychologische Unterstützung in Anspruch nehmen konnten. Heute wird das manchmal auch ein bisschen übertrieben.

Die Nasa rechnet, dass eine Marsmission mit Hin- und Rückflug sie mindestens 80 Milliarden Dollar kostet. Von wie viel gehen Sie für einen Flug ohne Rückkehr aus? Wir rechnen mit 20 bis 30 Milliarden Dollar für die vorbereitenden robotischen Missionen und die erste One-WayMission. Aber genauere Zahlen haben wir natürlich erst nach der Machbarkeitsstudie.

Wie sieht Ihr Zeitplan aus? Angenommen, wir hätten zum jetzigen Zeitpunkt alles Geld beisammen, dann könnte die erste One-Way-Mission in 20 Jahren starten. Zuerst einmal bräuchten wir 8 Jahre, um das Projekt vorzubereiten, dann könnten wir robotische Missionen zum Mars schicken, um das Habitat so weit wie möglich aufzubauen. Als Erstes bräuchten wir sicher auch eine Energiequelle. Nach vielleicht drei oder vier robotischen Missionen könnten wir die ersten Siedler hinschicken. Wir wollen ja, dass die Marspioniere ziemlich lange überleben. Es handelt sich um keine Selbstmordmission.

Was soll der Mensch eigentlich auf dem Mars? Wir haben auf der Erde doch schon genug Probleme. Wir müssen uns klar sein, dass wir auf einem Planeten leben, der ständig gefährdet ist. Da gibt es Asteroiden, Supernova-Explosionen, alles Dinge, die unseren Planeten zerstören könnten. Wenn wir den Weltraum nicht weiter erforschen, werden wir als Art irgendwann von der Bildfläche verschwinden. Glauben Sie das nicht? Dann fragen Sie die Dinosaurier.

Tages-Anzeiger

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