Wer soll ein Organ erhalten?

Mediziner und Laien sind sich nicht einig in der Frage, welche Altersgruppe bei einer Transplantation bevorzugt werden soll.

Im restlichen Europa wird die Dringlichkeit viel höher gewertet als in der Schweiz: Spenderniere in Budapester Spital.

Im restlichen Europa wird die Dringlichkeit viel höher gewertet als in der Schweiz: Spenderniere in Budapester Spital.

(Bild: Keystone Balazs Mohai)

In der Frage, wer ein gespendetes Organ erhalten soll, scheiden sich die Geister. Mediziner und Laien sind sich uneinig, was Fairness bedeutet. Das zeigt eine Studie der ETH Zürich, an der 1267 Personen aus der deutschsprachigen Schweiz teilnahmen. Ginge es nach der Bevölkerung, würden die unmittelbar lebensbedrohten Personen bevorzugt. Ärzte aber halten die Aussicht auf eine erfolgreiche Operation und ein langes Leben danach für das stichhaltigste Kriterium, die Dringlichkeit kommt bei ihnen erst an zweiter Stelle.

Diese unterschiedliche Haltung hat laut Pius Krütli mit dem Zusatzwissen und der täglichen Praxis der Fachpersonen zu tun. «Laien möchten primär die unmittelbar Bedrohten retten», sagt der Umweltnaturwissenschaftler und Leiter der Studie. Ärzte hingegen würden zusätzlich überlegen, ob das neue Organ dem Patienten wirklich etwas bringt.

Franz Immer, Transplantationsmediziner und Direktor der Stiftung für Organspende und Transplantation Swisstransplant, kann das differente Resultat dieser Umfrage gut verstehen. In der Medizin spreche man nicht nur vom Überleben, sondern vielmehr über ­Lebensqualität. «Es macht keinen Sinn, jemanden zu operieren, wenn die Transplantation aussichtslos ist und der ­Patient im Nachhinein nur vor sich hin vegetiert», sagt Immer.

«Es macht keinen Sinn, jemanden zu operieren, wenn die Transplantation aussichtslos ist und der ­Patient im Nachhinein nur vor sich hin vegetiert»Franz Immer, Transplantationsmediziner

Viel Spielraum haben die Transplantationsmediziner ohnehin nicht, denn die heutige Gesetzgebung regelt die Vergabe klar. Gemäss den aktuellen Richt­linien bekommt in erster Priorität stets der akut lebensbedrohte Patient das Organ, dies ist das sogenannte Dringlichkeitskriterium. Wenn aber niemand als unmittelbar gefährdet registriert ist, gilt die zweite Priorität, der «medizinische Nutzen».

Bevorzugung von Jungen

Doch die Umfrage zeigt, dass der Begriff Fairness erweitert werden muss. So findet die Priorisierung der jüngeren Menschen bei der Organverteilung gemäss der Studie bei der Bevölkerung wenig Zustimmung. Wie alt der Teilnehmer war, spielte bei den Befragten keine Rolle. Swisstransplant-Chef Immer ist davon überrascht. Er habe den Eindruck gehabt, dass die Gesellschaft eher jenen ein Organ zusprechen würde, die noch nicht viel vom Leben gehabt hätten. «Für Laien widerspricht es dem Gleichheitsprinzip, denn im Grunde genommen diskriminiert es ältere Patienten», sagt Krütli. Die Mehrheit der Ärzte erachtet laut Studie jedoch die Priorisierung von jungen Patienten als fair.

Grafik: Entwicklung Organspende in der Schweiz Zum Vergrössern klicken

Das beste Beispiel ist die Zuteilung von Nieren in der Praxis. Wenn sich ein Jugendlicher für längere Zeit einer blutreinigenden Dialyse unterziehen muss, leidet er an Nebenwirkungen wie Müdigkeit und mangelnde Konzentrations- und Leistungsfähigkeit. Entfalle die Dialyse dank der Transplantation einer neuen Niere, könnten sich jugendliche Patienten unter 20 Jahren besser auf die Schule und die Ausbildung konzentrieren, sagt Franz Immer.

Teenager warten weniger lang auf ein Organ

Diese Priorisierung schlägt sich auf die durchschnittliche Verweildauer auf der Warteliste nieder: Unter 20-Jährige warten im Schnitt vier bis sechs Wochen auf ein Organ, liegt das Alter darüber, beträgt die Wartezeit rund 3,5 Jahre. Weil dies nur dann eintritt, wenn es keine dringenden Fälle gibt und die Zahl der Jugendlichen, die eine neue Niere benötigen, sehr gering ist, führt dieses Vorgehen laut Immer nicht zur Diskriminierung von Älteren. So sehen es auch das Bundesamt für Gesundheit und das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement, die dieses Vorgehen bewilligt haben.

In der Schweiz setzen die Mediziner das Dringlichkeitskriterium im Vergleich zum Ausland relativ zurückhaltend ein. Die Statistiken zu Spenderherzen zeigen dies besonders deutlich. Während es hierzulande bei weniger als 30 Prozent der Herztransplantationen zum Zug kommt, sind es in Europa rund 95 Prozent der Patienten. Wenn ein Arzt seinen Patienten als dringend listet, dürfen die restlichen der insgesamt drei Transplantationszentren mitreden, ob dieser Patient wirklich in Lebensgefahr schwebt. «Sie helfen sich gegenseitig, die Dringlichkeit tief zu halten», sagt Immer. «So werden im Gegensatz zum Ausland nur jene Fälle bevorzugt, in denen eine Transplantation wirklich dringend ist.» Als Konsequenz kommt in der Schweiz vermehrt die zweite Priorität, der medizinische Nutzen, zum Zug.

«Auch bei der Verteilung von Lebern setzen wir die Jüngsten ganz oben auf die Liste», sagt Immer. Der Grund dafür ist, dass man eine Leber teilen und zwei Personen damit heilen kann. Wenn keine dringenden Fälle vorliegen und der verstorbene Spender 55 Jahre oder jünger war, erhält ein krankes Kind unter 25 Kilogramm den linken kleinen Leberlappen. Vom Rest des Organs profitiert ein Erwachsener. Die Teilung der Leber führt bei beiden Patienten nicht zu einem Nachteil. «Seit der Änderung der Richtlinien im Jahr 2013 ist kein Kind auf der Warteliste mehr gestorben», sagt Immer.

Selbstverschulden bestrafen?

Umstritten ist in der Umfrage sowohl unter Ärzten als auch Laien, ob man das Verhalten, das zur Krankheit führte, mitberücksichtigen soll. Laien urteilen tendenziell etwas strikter, was das Selbstverschulden anbelangt. Es geht konkret darum, ob beispielsweise einem Raucher eine Lungentransplantation verwehrt werden soll oder ein Alkoholiker ein Recht auf eine neue Leber hat. «Wir von Swisstransplant urteilen nicht über die Personen», sagt Immer, «doch die Weisung ist sehr restriktiv.» Solange ein Patient raucht, darf er nicht auf die Warteliste für eine neue Lunge. Alkoholiker und Raucher müssen ihrem Arzt beweisen, wie wichtig es für sie ist, ein neues Organ zu erhalten. Erst wenn sie sechs Monate abstinent sind, erhalten sie einen Platz auf der Liste.

Dies hat einen medizinischen Grund: «Wenn wir das nicht so handhaben würden, hätte das langfristig einen negativen Effekt auf das neue Organ», sagt Immer. Gemäss der ETH-Umfrage ist die politische Orientierung mitbestimmend, ob das Eigenverschulden bestraft werden soll. Je konservativer die Einstellung, desto häufiger die Ansicht, dass das Verhalten des Patienten bei der Organverteilung mitberücksichtigt werden soll. Einig sind sich Ärzte und Laien, dass weder das Zufallsprinzip, Geld, noch ehrenamtliche Vorleistungen für die Allgemeinheit über eine bevorzugte Organzuteilung entscheiden sollen. Die Vorstellung, dass nur Personen ein Organ erhalten, die einen wesentlichen finanziellen Beitrag dazu leisten, ist für Mediziner und Laien am stossendsten. Ein ähnliches Resultat ergab eine Umfrage von Swisstransplant im März 2015. Demnach ist ein Organ ein Geschenk des Verstorbenen und soll unentgeltlich sein.

Hohes Vertrauen ins System

«Je schlechter es einem Patienten geht, desto verzweifelter wird er und sucht nach Alternativen», sagt Immer. Doch Organe im Ausland oder illegal in einem Entwicklungs- oder Schwellenland zu beschaffen, würde in der Schweiz kaum jemand erwägen. Zu hoch seien das Vertrauen in das Gesundheitswesen und die Hoffnung, doch noch ein Organ von einem Verstorbenen zu erhalten, der in die Spende eingewilligt habe.

Auch wenn vieles bei der Zuteilung von Organen geregelt ist, in der Praxis müssen die behandelnden Ärzte aus der Situation heraus ethisch und fair entscheiden. Franz Immer erinnert sich an Situationen mitten in der Nacht, als er mit mehreren Ärzten aus verschiedenen Kliniken inklusive Spitalethikern intensiv nach einer gerechten Lösung suchte.

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