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Wenn Kaufen zur Sucht wird

270'000 Menschen in der Schweiz sind kaufsüchtig. Der Übergang vom Shoppen zu krankhaftem Kaufdrang ist fliessend. Viele treibt die Sucht in den Ruin.

«Abends weinte ich mich verzweifelt in den Schlaf», erinnert sich die Deutsche Sieglinde Zimmer-Fiene an die Zeit, in der sie jeden Morgen erneut mit dem Gefühl aufwachte, kaufen zu müssen. «Wenn ich das Objekt meiner Begierde nicht erwarb, hatte ich das Gefühl, ich müsse sterben. Ähnlich geht es wohl einem Alkoholiker, wenn er nichts zu trinken bekommt», sagt sie. Anfangs, als sie die Kreditkarte zückte, gab ihr das einen Kick, doch mit der Zeit blieb nur ein schaler Geschmack zurück.

Schleichender Beginn

Das Ganze begann schleichend. Sie war 24, als sie mit Mann und Kind in das Haus ihrer Eltern in die Nähe von Hannover zog. Vielleicht war das ein Fehler, denn das Verhältnis war belastet. Ihr Mann wurde krank, und sie fing an zu kaufen: Kleidung für ihn und die Kinder, Einrichtungsgegenstände für das Haus.

«Damit wenigstens nach aussen unsere heile Welt bestehen blieb und um die Liebe der anderen zu erringen», sagt sie. Durch die Käufe fühlte sie sich aufgewertet. Sagte eine Verkäuferin, dass ihr die gerade anprobierten Schuhe gut stehen würden, schlug sie zu. Manchmal gab sie über 5000 Euro am Tag aus. Schliesslich starb der Ehemann, und sie kompensierte ihre Stimmungstiefs, die sie heute als Depressionen erkennt, mit wahren Shoppingorgien. «Hör halt auf», bekam sie von ihrem Umfeld zu hören. Doch niemand half wirklich. Das Thema Kaufsucht existierte damals nicht. Sie lieh sich von den Eltern Geld und bat sie am Ende sogar, Kredite für sie aufzunehmen. Irgendwann war sie den Gläubigern völlig ausgeliefert. Im Mai 1994 wurde sie von der Polizei festgenommen mit der Begründung, dass sie die Allgemeinheit gefährden würde. Acht Jahre blieb sie in einem psychiatrischen Krankenhaus.

Heute, mit 54 Jahren, hat sie die Sucht einigermassen im Griff. «Ganz geheilt ist man jedoch nie. Es ist wie eine Narbe, die immer bleibt», sagt die ehemalige Sekretärin. Was ihr half, war der Austausch in der Selbsthilfegruppe, die sie selbst ins Leben rief, und Gespräche mit einer Psychologin. Doch das erdrückende Gefühl bleibt, 110000 Euro Schulden wohl nie im Leben zurückzahlen zu können.

Ein verbreitetes Problem

Beim Wort Sucht denken die meisten an Alkoholiker oder Junkies, aber nicht an Leute, die – von einem inneren Zwang getrieben – einkaufen müssen. Dabei ist die sogenannte Oniomanie kein schlechter Witz, sondern recht verbreitet. Die letzte europäische Studie, die von der Berner Hochschule für Sozialarbeit und dem GFS-Forschungsinstitut Zürich durchgeführt wurde, ergab, dass in der Schweiz rund 270000 Personen keine Kontrolle über ihr Kaufverhalten haben. In Deutschland sollen 800000 betroffen sein, während im Land des immer währenden Shoppingvergnügens, den USA, gar zwischen 1,5 und 8 Millionen ihre Kreditkarten nicht mehr im Griff haben. Ein berühmtes Beispiel war Jackie Kennedy. Während ihrer Zeit als Präsidentengattin soll sie allein für Kleidung jährlich 100000 Dollar ausgegeben haben. Selbst mit einem reichen Mann im Hintergrund ist eine Shoppingsucht lästig, aber sie verursacht zumindest keine finanziellen Probleme, während der Kaufzwang Normalbürger und ihre Familien oft in den Ruin treibt. Die Übergänge zwischen fröhlichem Kaufen und der Sucht, Dinge zu erstehen, können fliessend sein.

Hilfe benötigt, wer «einen unwiderstehlichen Drang verspürt zu kaufen, ungeachtet der Konsequenzen, die dieses Verhalten nach sich zieht», sagt die Soziologin Verena Maag, welche die Schweizer Studie leitete. Die Sucht zieht sich durch alle sozialen Schichten, ist aber bei Jüngeren – bei denen Shopping oft eine Freizeitbeschäftigung ist – stärker ausgeprägt. Dabei sind die erworbenen Dinge oft zweitrangig. «Es geht nie um die Produkte, sondern immer um die Kaufhandlung an sich», sagt Joachim Küchenhoff, Chefarzt bei der kantonalen psychiatrischen Klinik in Liestal BL, der Betroffene behandelt. Kein Selbstwertgefühl

Selbst wenn das Kaufverhalten ausser Rand und Band gerät, finden nur wenige den Weg zum Therapeuten. «Kaufsucht geht oft mit Depressionen, Angst-, Zwangs- und Essstörungen einher. Meist kommen die Patienten deswegen, und dann fällt auf, dass sie auch noch unter Kaufsucht leiden», sagt der Psychoanalytiker. Ein Grund für das pathologische Einkaufen kann ein schwaches Selbstwertgefühl sein, «das durch Anschaffungen kompensiert wird. Wer in einem teuren Laden kauft, wird dementsprechend hofiert», sagt Küchenhoff. Zum anderen tendierten Menschen zur Kaufsucht, die in materieller oder emotionaler Armut aufgewachsen sind und vieles entbehren mussten. Als Erwachsene hätten sie das Gefühl, dass ihnen bestimmte Dinge einfach zustünden.

«Kaufsucht geht auf eine Störung der Impulskontrolle zurück», sagt Astrid Müller vom Universitätsklinikum im deutschen Erlangen, die dort mit 60 Patienten eine zwölf Wochen dauernde verhaltenstherapeutische Gruppentherapie durchführte. Die Betroffenen mussten lernen, in welchen Situationen sie zu Einkaufsorgien neigen. Die Hälfte bekam ihr exzessives Kaufverhalten in den Griff.

Nur in Begleitung shoppen

Ähnlich geht Küchenhoff vor: «Die Patienten führen Protokoll, wie oft und wann sie überreagieren, und es wird überlegt, wie sie anders damit umgehen können. Vielleicht hilft es, wenn man nur noch in Begleitung ins Kaufhaus geht.» Aber auch die Lebensgeschichte wird beleuchtet. «Letztendlich soll der Patient sich besser verstehen können und erkennen, dass er anderes als materielle Güter sucht», sagt er. Wer zugleich depressiv ist, dem kann auch eine Pille mit dem Wirkstoff Citalopram helfen, die an der Stanford University (Kalifornien) erfolgreich getestet wurde.

In Sachen Selbsthilfe plant die Offene Tür Zürich bis Ende Jahr den Aufbau einer Gruppe für Kaufsüchtige. Das gab es bislang noch nicht in der Schweiz.

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