Wenn Familienangehörige die Organspende verweigern

Organspenden sind deutlich gesunken, obwohl über 90 Prozent der Bevölkerung die Organtransplantation befürworten. Der Grund: Angehörige lehnen eine Spende oft ab.

Felix Straumann@fstraum

Die Erleichterung war spürbar. Als die Stiftung Swisstransplant vor einem Jahr ein Allzeithoch bei den Organspenden meldete, gab sich Direktor Franz Immer gegenüber dem «Tages-Anzeiger» optimistisch: «Ich glaube ganz klar an eine Trendwende.» Trotzdem schränkte er gleich ein: «Ob zu Recht, werden uns die nächsten Monate zeigen. Eine Organspende ist grundsätzlich ein seltenes Ereignis und von sehr vielen Faktoren abhängig.» Die Relativierung war gerechtfertigt, wie sich nun zeigt. Denn die Daten zu 2016 fallen ernüchternd aus: Die Anzahl Spender ist mit 111 wieder auf dem Stand von vor drei Jahren. Gleichzeitig ist die Warteliste um 7 Prozent länger geworden – im Vorjahr hatte sie zum ersten Mal stagniert.

Franz Immer beschäftigt sich schon zu lange mit dem Thema, um nicht zu wissen, dass Prognosen in diesem ­Bereich schwierig sind. Trotzdem ist die Bilanz ein Rückschlag. Der Swisstransplant-Direktor versucht deshalb nun bereits wieder, die unlängst im Parlament verworfene sogenannte Widerspruchslösung unter neuem Namen in die ­Diskussion zu bringen.

Die Familie soll entscheiden

Argumente für einen solchen Systemwechsel liefert eine vergangene Woche veröffentlichte Befragung zur Organspendebereitschaft in der Schweiz, die Swisstransplant in Auftrag gegeben hatte. Demnach sind satte 92 Prozent der Bevölkerung der Organspende gegenüber positiv eingestellt. Zwei Drittel von ihnen sogar «sehr positiv». Eine sehr oder ziemlich negative Haltung gegenüber dem Thema haben nur gerade 6 Prozent. Insgesamt gaben vier von fünf Befragten an, dass sie bereit wären, ihre Organe zu spenden.

Für die im Fachblatt «Swiss Medical Weekly» veröffentlichte Studie wurden insgesamt 1000 Personen in einem ausführlichen Telefoninterview befragt. Einige Zahlen waren schon bekannt. Doch die Detailanalyse liefert Hinweise darauf, wieso in der Schweiz nach wie vor vergleichsweise wenig Organe transplantiert werden können. Denn die sehr grosse Zustimmung zur Transplantationsmedizin in der Studie kontrastiert die tatsächlichen Spenderaten: In mehr als der Hälfte der Fälle, in denen Angehörige wegen einer Organspende angefragt werden, lehnen diese ab. Denn in der Schweiz holen die Ärzte zur Sicherheit immer eine Einwilligung ein, auch wenn ein Spendeausweis vorliegt.

Die Studienautoren räumen ein, dass die Resultate etwas zu positiv zugunsten der Transplantation ausgefallen sein könnten. Dies, weil die Befragten am Telefon eher sozial erwünschte Antworten gäben, die nicht unbedingt ihrer eigenen Überzeugung entsprächen. Doch stellt dieser Effekt die Studienergebnisse nicht grundsätzlich infrage.

Infografik: Anzahl transplantierte Organe in der SchweizGrafik vergrössern

Der Hauptgrund, wieso trotz hohem Spendewillen wenig transplantiert wird, dürfte sein: Nur jeder zweite Studienteilnehmer hat auch dokumentiert oder zumindest im Familienkreis kundgetan, ob er spenden wolle oder nicht. Einen Spendeausweis hat gerade mal jeder Vierte. Die App «Echo 112», die mit einem Klick die nächste Notrufzentrale alarmiert, nutzen nur ganz wenige.

«In der Schweiz vertrauen die meisten darauf, dass ihre Familie die richtige Entscheidung treffen würde», schreiben die Autoren und stützen sich dabei auf frühere Forschungen. Das würde erklären, warum viele ihren Wunsch überhaupt nicht kommunizieren. Das sei ­jedoch «nicht zu empfehlen», heisst es weiter. Dies vor dem Hintergrund, dass die Ablehnung einer Organspende durch Angehörige viel höher ist als in der Allgemeinbevölkerung.

Für Immer von Swisstransplant ist ein weiterer Aspekt wichtig: Wenn der Spendewille nicht bekannt ist, müssen andere entscheiden. Das sei «belastend für die Familie, aber auch für das Spitalpersonal». Oft sind mehrere Angehörige involviert. Wenn nur einer von ihnen ablehnt, wird das Organ nicht entnommen. Die Studie versuchte auch zu ergründen, wieso der eigene Entscheid zur Organspende nicht kundgetan wird. Die Hälfte gab an, dass sie keine Zeit ­gehabt habe, darüber nachzudenken. Rund 20 Prozent glaubten, entweder zu jung oder zu alt dafür zu sein – was in den meisten Fällen nicht zutreffend war. Und ähnlich viele waren aus verschiedenen Gründen unentschlossen. Für Immer ist klar: «Die Information der Bevölkerung ist wichtig – gut die Hälfte setzt sich nicht mit dem Thema auseinander.»

Singles sind entschlussfreudiger

Wer seinen Willen jedoch schriftlich oder mündlich kommuniziert hat, ist häufiger nicht religiös, weiblich, lebt in einem Single-Haushalt und hat einen Uni-Abschluss. Solche Unterschiede fanden sich jedoch nicht bei denjenigen, die sich grundsätzlich dafür entschieden haben, Organe zu spenden. Weder Geschlecht, Alter und Ausbildung noch Religiosität spielten eine Rolle. Einzig bei den Sprachregionen waren die Romands der Organspende gegenüber etwas aufgeschlossener als die restliche Schweiz.

Das mit Abstand wichtigste Spendemotiv war: «Leben retten / anderen helfen». Bei den Befragten, die ihre Organe nicht spenden wollten, stand das Missbrauchsrisiko, insbesondere durch Organhandel, und zu einem geringen Mass die Religion im Vordergrund. «Die Religion hat keinen wesentlichen Einfluss – wird aber gelegentlich als Vorwand verwendet», kommentiert Franz Immer. An fehlendem Vertrauen liegts offenbar nicht: Nur gerade 6 Prozent misstrauten der Hirntod-Diagnose, die vor einer Organtransplantation von unabhängigen Ärzten gestellt werden muss.

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