Spiel mit dem Feuer

In E-Zigaretten massiv höhere Nikotinwerte zuzulassen, birgt unabschätzbare Risiken.

Mit einer E-Zigarette wird oft eine nikotinhaltige Flüssigkeit verdampft. Über Nikotin weiss man jedoch noch wenig. Foto: Urs Jaudas

Mit einer E-Zigarette wird oft eine nikotinhaltige Flüssigkeit verdampft. Über Nikotin weiss man jedoch noch wenig. Foto: Urs Jaudas

Nik Walter@sciencenik

Schweizer Gesundheitsexperten sorgen gerade für grosse Verwirrung. Die Fachleute schlagen vor, den maximal zulässigen Nikotingehalt in Flüssigkeiten für E-Zigaretten im neuen Tabakproduktegesetz auf 100 Milligramm pro Milliliter (mg/ml) festzusetzen – fünfmal höher als vom Bundesrat in seinem Gesetzesentwurf vorgeschlagen und auch fünfmal höher als der Maximalwert in der EU. Man könnte fast meinen, die Idee stamme von der E-Zigaretten- oder Tabaklobby. Doch die Public-Health-Experten um Thomas Zeltner, den ehemaligen Direktor des Bundesamts für Gesundheit, und Milo Puhan, den Direktor des Instituts für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention an der Universität Zürich, meinen es ernst: Mit ihrem Vorschlag wollen sie Tabakraucher animieren, auf weniger schädliche E-Zigaretten umzusteigen.

Die Intention der Experten mag einleuchten, doch ihr Vorschlag birgt auch Risiken, die mit dem heutigen Stand des Wissens kaum abzuschätzen sind. Denn über den Naturstoff Nikotin, den Tabakpflanzen zur Abwehr von Schädlingen nutzen, weiss man immer noch herzlich wenig.

Fest steht, dass Nikotin ein sehr hohes Suchtpotenzial besitzt, höher als Kokain zum Beispiel und fast so hoch wie Heroin. Wie alle Drogen aktiviert Nikotin im Gehirn das Belohnungssystem und sorgt dafür, dass Nikotinabhängige immer wieder nach dieser Belohnung streben. Wenn nun ­E-Liquids mit einer höheren Nikotinkonzentration erlaubt werden, führt dies direkt in eine sich noch schneller drehende Abhängigkeitsspirale.

Bei Giften ist Vorsicht angezeigt

Und möglicherweise führt es auch zu anderen Drogen. Erst vor knapp einem halben Jahr warnte Nora Volkow, die Direktorin des National Institute on Drug Abuse in den USA, in einem Essay in «Scientific American» vor der «Hinterlist» von Nikotin. Laut Volkow gehen die verstärkenden Effekte von Nikotin darüber hinaus, Menschen zum Rauchen oder Dampfen anzuregen, sie würden auch animieren, andere Drogen auszuprobieren.

Klar ist aber auch, dass E-Zigaretten der Lunge weniger schaden als normale Zigaretten, denn für die gesundheitlichen Probleme von Tabakrauch sind andere Substanzen wie Teer oder Kohlenmonoxid verantwortlich. Nikotin selber steht nicht im Verdacht, das Risiko für Lungenkrebs oder andere Tumoren zu erhöhen. Völlig harmlos ist die süchtig machende Substanz allerdings auch nicht: Es gibt Hinweise darauf, dass Nikotin die Blutgefässe schädigen kann – wenn auch weniger stark als Tabakrauch.

Wie unklar die Datenlage zu Nikotin ist, illustriert letztlich nichts besser als die Diskussion um die tödliche Dosis. Bis vor wenigen Jahren galten 60 Milligramm als Killermenge. Dann zeigte 2014 der österreichische Pharmakologe Bernd Mayer, dass dieser Wert viel zu tief angesetzt ist, denn Vergiftungsversuche mit weit höheren Dosen verliefen nicht tödlich. Offenbar beruht der Wert von 60 Milligramm auf dubiosen Selbstexperimenten aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und wurde seither immer nur abgeschrieben. Realistisch seien eher 500 bis 1000 Milligramm als tödliche Dosis, schreibt Mayer, notabene ist aber auch das nur eine Schätzung.

Wie auch immer: Nikotin ist ein Gift und sollte entsprechend vorsichtig gehandhabt werden. Wenn nun ­E-Liquids mit 100 mg/ml zugelassen werden, reichen theoretisch fünf Milliliter davon, um einen Menschen zu töten. Wehe, wenn so ein Fläschchen leckt und in Kinderhände gerät.

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