Schon ein wenig Kiffen soll das Gehirn verändern

Eine neue Studie will belegen, dass auch geringer Cannabis-Konsum die Gehirnstruktur beeinflusst. Sie wirft aber Fragen auf.

Gehirnscans konnten bei selten kiffenden Kindern Abweichungen von den Gehirnen Gleichaltriger dokumentieren. Foto: Daniel Karmann (Keystone)

Gehirnscans konnten bei selten kiffenden Kindern Abweichungen von den Gehirnen Gleichaltriger dokumentieren. Foto: Daniel Karmann (Keystone)

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Kiffen macht doof. Diese Behauptung hat sich bei vielen Eltern pubertierender Kinder nachhaltig eingeprägt. Ob sie stimmt, war immer umstritten. Eine aktuelle Studie im Fachblatt Journal of Neuroscience scheint nun zu belegen, dass selbst geringfügiger Konsum von Cannabis das Gehirn verändert – und damit gefährlich für die geistige Entwicklung sein könnte.

Neuroforscher aus Deutschland, Grossbritannien, Irland und Frankreich haben 46 Kinder im Alter von 14 Jahren untersucht, die nach eigenen Angaben nur ein bis zwei Mal Cannabis konsumiert hatten. Moderne Gehirnscans konnten bei diesen Kindern Abweichungen von den Gehirnen Gleichaltriger dokumentieren, die keine Cannabiserfahrung hatten. Die Forscher schliessen daraus, dass schon das Ausprobieren Folgen für das Denkorgan hat.

Experten reagieren verhalten

«Die Ergebnisse zeigen, dass viele Bereiche des Gehirns bei Kindern, die nur ein oder zwei Mal Cannabis konsumiert haben, grösser erscheinen», sagt Derek Hill vom University College London, der nicht an der Studie beteiligt war. Der Experte für bildgebende Verfahren sieht wenig Grund zur Beunruhigung: «Etwas grössere Gehirne bedeuten nicht zwangsläufig, dass eine Schädigung vorliegt.»

Auch andere Experten sehen die Studie kritisch. «Die Angaben der Jugendlichen zu ihrem Cannabiskonsum basieren auf Selbstaussagen», sagt Eva Hoch von der Ludwig-Maximilians-Universität München. «Um zu bestätigen, dass ausschliesslich Cannabis gebraucht wurde – und dies nur ein, zwei Mal – wären Drogenscreenings sinnvoll gewesen.» Auch fehlten Informationen über Inhalt und Dosis des konsumierten Cannabis. Massgeblich für die Wirkung von Cannabis sind Gehalt und Verhältnis von antipsychotischem Cannabidiol (CBD) und berauschendem Tetrahydrocannabinol (THC).

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Und schliesslich lässt auch die aktuelle Studie offen, ob die beobachteten Abweichungen dem geringen Konsum von Cannabis geschuldet sind oder umgekehrt. Zwar untersuchten die Wissenschaftler in einer zweiten Gruppe Kinder, von denen man heute weiss, dass sie mit durchschnittlich 15 Jahren erstmalig Cannabis konsumierten. Die Gehirne dieser Kinder waren vor diesem ersten Konsum unauffällig, und die Forscher glauben damit belegen zu können, dass die Auffälligkeiten auch im Gehirn der im Mittel 13,8 Jahre alten, deutlich jüngeren Erstnutzer vor dem Konsum fehlten. Ein Beweis ist dies allerdings nicht.

Ausserdem geht die Studie weder auf den deutlichen Altersunterschied beim ersten Cannabisgenuss ein, noch dokumentiert sie, ob sich das Gehirn der älteren Jugendlichen ebenfalls durch den Konsum veränderte. Es bleibt daher nicht ausgeschlossen, dass besonders junge Erstkonsumenten durch ihre Hirnstruktur und psychischen Eigenschaften für den Konsum von Cannabis prädestiniert sind, also schlicht einen Hang zum Kiffen haben.

Wie gefährlich es ist und wie nervös Eltern deshalb sein müssen, wenn ihr Kind schon früh Drogen ausprobiert, steht auf einem anderen Blatt. Manche Experten raten dazu, möglichst viel mit den Kindern über Drogen und Alkohol zu sprechen, ohne sie zu verurteilen. Davon werden sie zwar nicht zwingend vernünftiger – aber sicherlich nicht doof. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 16.01.2019, 14:18 Uhr

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