Ratgeber liegen falsch: Salz ist gar nicht so ungesund

Reich mir das Salz, bitte: Eine neue Studie widerlegt das Dogma der schädlichen Wirkung. Die höchste Sterblichkeit wurde gar bei Personen mit tiefem Salzkonsum festgestellt.

Brisante Studienresultate: Je höher der Salzkonsum, desto geringer sei das Sterberisiko. (Video: Ryan Neukomm, Marc Chéhab)

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Die Botschaft wurde uns jah­relang eingetrichtert: Zu viel Salz in der Nahrung lässt den Blutdruck ansteigen, führt so zwangsläufig zu mehr Herzinfarkten und Hirnschlägen und erhöht das Risiko eines früh­zeitigen Todes. Und sowieso: Wir alle essen immer noch viel zu viel Salz, jeden Tag etwa 9 Gramm, Männer etwas mehr als Frauen. Dabei empfehlen die Weltgesundheitsorganisation WHO und die Schweizerische Herzstiftung gerade mal 5 Gramm als gesundheitlich noch akzeptierbare Dosis.

Dieses Dogma bringt nun eine aktuelle kanadische Untersuchung ins Wanken. Der Studie zufolge ist Salzkonsum auch in grösseren Mengen von bis zu 12 Gramm pro Tag gesundheitlich unbedenklich. Ja, der Trend zeigt sogar in die andere Richtung: Ein höherer Salzkonsum geht mit einem geringeren Herzinfarktrisiko und einem geringeren Risiko, frühzeitig zu sterben, einher.

Einzig bei einem sehr hohen täglichen Salzkonsum von 13 Gramm und mehr erhöht sich das Risiko, einen Hirnschlag zu erleiden. Allerdings betrifft dies vor allem Menschen in China, wo die Ernährung traditionell sehr salzreich ist. Dies berichtet ein Forscherteam um Andrew Mente und Salim Yusuf von der McMaster University in Hamilton (Kanada) im Ärzteblatt «The Lancet».

100'000 Menschen in 18 Ländern untersucht

Die Aussage der Studie sei äusserst brisant, sagt Franz Mes­serli, Professor für Medizin an der Universitätsklinik für Kardiologie am Inselspital Bern. «Man muss sie ganz sicher ernst nehmen.» Der ausgewiesene Bluthochdruck-Experte, der auch Professor an der Icahn School of Medicine in New York ist, hat einen Kommentar zur Studie verfasst und kritisiert darin die gültigen Empfehlungen der WHO und der American Heart Association. Die höchste Lebenserwartung hätten Menschen in Ländern mit einem viel höheren als dem empfohlenen Salzkonsum, zum Beispiel in Hongkong oder eben auch der Schweiz. Umgekehrt sei in Ländern mit niedrigem Salzkonsum die Lebenserwartung deutlich geringer. «Sollte man Patienten mit koronaren Herzerkrankungen nicht viel eher motivieren, den Salzkonsum zu erhöhen?», schreibt Messerli im Kommentar.

Im gespielten Leben kann es bisweilen gar nicht genug Salz in der Suppe haben. Bild: Interfoto

Für die aktuelle Studie analysierte das Team um Andrew Mente und Salim Yusuf Daten von knapp 100'000 Menschen in rund 300 Kommunen in 18 Ländern und 4 Kontinenten. Die Testpersonen waren zu Beginn der Studie alle gesund, hatten insbesondere keine bestehenden Herz-Kreislauf-Leiden. Um den Salzkonsum der Probanden abzuschätzen, bestimmten die Forscher den Natrium- und Kaliumgehalt im Urin und massen ihren Blutdruck. Im Durchschnitt acht Jahre lang wurden die Personen dann beobachtet. In diesem Zeitraum starben rund 3700 Probanden, gut 3500 erlitten einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall oder eine Herzschwäche.

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Bei der Analyse gab es zunächst keine Überraschung. Den bekannten Zusammenhang zwischen Salzkonsum und Blutdruck konnte das Team um Mente und Yusuf jedenfalls bestätigen: Je höher der Salzkonsum, desto höher der Blutdruck. Weiter bestätigte ihre Analyse, dass ein sehr hoher Salzkonsum (wie in China üblich) das Risiko für einen Schlaganfall erhöht.

Bei Menschen mit geringem Salzkonsum ist das Risiko, früh zu sterben, grösser.

Die Überraschung kam aber, als die Forscher nachschauten, ob dieser Befund auch einen Einfluss auf andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen hat. Nein, lautete die Antwort. Ein hoher Salzkonsum führte weder zu einer höheren Herzinfarktrate, noch zu einem höheren Risiko, an irgendeinem Herzleiden zu erkranken, noch zu einer erhöhten Sterblichkeit. Im Gegenteil: Das Risiko, frühzeitig zu sterben, war bei Menschen mit dem geringsten Salzkonsum am höchsten. Auch das Herzinfarktrisiko scheint bei tiefem Salzkonsum etwas grösser zu sein als bei hohem.

«Man vergisst gerne, dass der Blutdruck nur ein Ersatz-Endpunkt ist», sagt Messerli. «Wenn man einen Bluthochdruck behandelt, ist der Blutdruck an und für sich wurst, man will Herzinfarkt und Schlaganfall vermeiden.» Die Studie zeige nun, dass ein höherer Blutdruck nicht automatisch auch ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bedeutet. Offenbar würden Herzinfarkt und Hirnschlag nicht parallel mit dem Salzkonsum verlaufen. «Der Blutdruck geht hoch, aber das Herzinfarktrisiko, wenn überhaupt, geht runter.»

Herzstiftung will die Diskussion verfolgen

Schon vor vier und vor zwei Jahren publizierte das Team um Mente und Yusuf erste Studien zum Zusammenhang zwischen Salzkonsum und Herz-Kreislauf-Leiden. Und schon damals deutete sich an, dass Salz vielleicht doch nicht so gefährlich ist wie lange vermutet. Diese Studien seien allerdings auf grossen Widerstand gestossen. «Die Salz­reduktions-Prediger haben sie zerrissen und als ‹schlechte Wissenschaft› abgetan», sagt Mes­serli. «Es wird jetzt wohl auch wieder ein Donnerwetter geben.»

Die neuen Erkenntnisse stehen im Widerspruch zu den offiziellen Empfehlungen in der Schweiz. Vor vier Jahren publizierte die Fachgruppe «Salz und Gesundheit» im Auftrag der Schweizerischen Herzstiftung ein Positionspapier zu dem Thema. In diesem steht geschrie­ben, dass «übermässiger Salzkonsum für die Gesundheit negative Konsequenzen hat». Kurzfristig soll der Salzkonsum daher auf 8 Gramm und langfristig sogar auf 5 Gramm pro Tag gesenkt werden.


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Muss man diese Ziele aufgrund der neuen Resultate nun revidieren? Die Studie sei interessant, schreibt Peter Ferloni von der Herzstiftung in einer Stellungnahme für DerBund.ch/Newsnet. «Zum jetzigen Zeitpunkt scheint es aber verfrüht, die Empfehlungen nzupassen.» Die Herzstiftung würde die Diskussion verfolgen und gegebenenfalls darauf reagieren.

Je mehr Kalium, desto besser fürs Herz

Keinen Handlungsbedarf sieht der Nierenspezialist Michel Burnier vom Centre hospitalier universitaire vaudois (Chuv) in Lausanne, der Leiter der Fachgruppe «Salz und Gesundheit»: «Wir empfehlen 5 Gramm pro Tag, damit die Menschen nicht denken, 15 Gramm sei auch o.k.» Allerdings ist er mit der heutigen Situation – Frauen 7,5 Gramm, Männer 10,5 Gramm – durchaus zufrieden. «Das scheint ziemlich optimal zu sein.»

Franz Messerli hingegen würde es begrüssen, wenn die Empfehlungen revidiert würden: «Ich frage mich, ob diese Reduktion wirklich nötig ist.» Wenn 5 Gramm Salz pro Tag das Ziel seien, dann bedeute dies nämlich auch: «keine Berner Platte, kein Bündnerfleisch, kein Raclette». Einzig bei Menschen, die sowieso schon an Bluthochdruck leiden, mahnt Messerli zur Mässigung beim Salzkonsum. «Für sie ist exzessiver Salzkonsum nicht unbedingt gut.»

Ein zweiter Teil der Studie widmete sich dem Kaliumkonsum. Hier ist die Botschaft eindeutig, und gar nicht kontrovers: Je mehr Kalium die Menschen zu sich nehmen, desto besser fürs Herz, lautet sie. Viel Kalium hat es in Früchten und Gemüse, aber auch in Schokolade. Interessant dabei sei, sagt Burnier, dass vor allem jene profitieren, die auch viel Salz konsumieren. «Das ist eine wichtige Botschaft.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2018, 06:32 Uhr

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