Progressive Ethiker

In der Frage der Geschlechterselektion geben sich die Experten der Ethikkommission für einmal nicht als Mahner.

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Felix Straumann@fstraum

Einen Fötus nur wegen seines Geschlechts abzutreiben, ohne dass dafür medizinische Gründe vorliegen würden – das ist nicht akzeptabel. Da werden sich in der Schweiz die weitaus meisten einig sein. Die moderne Medizin soll nicht für archaische Wünsche nach einem männlichen Stammhalter herhalten. Auch nicht für den Traum einer werdenden Mutter, die unbedingt ein Mädchen möchte, aus welchen Gründen auch immer. Es ist deshalb verständlich, wenn sich nun Kritik an der Nationalen Ethikkommission im ­Bereich Humanmedizin (NEK) breitmacht. Diese lehnt eine neue gesetzliche Regelung ab, die eine Geschlechterselektion erschweren würde. Das sei angesichts vergleichsweise weniger Missbrauchsfälle unverhältnismässig und widerspreche der reproduktiven Autonomie.

Bei der Kritik an der Stellungnahme der NEK schwingt auch Verwunderung mit. Man ist sich gewohnt, dass Ethiker zögern, zur Vorsicht mahnen und vor unabsehbaren Folgen warnen, wenn es um moderne Biomedizin oder generell um neue Technologien geht. Bei der NEK ist dies jedoch schon länger nicht mehr so. Die jüngste Einschätzung kommt insofern nicht unerwartet. Bereits 2014 hat sie in einem ausführlichen Bericht zur Fortpflanzungsmedizin praktisch alles befürwortet, was heute möglich, in der Schweiz aber verboten ist: Leihmutterschaft, Eizellenspende, Samenspende auch für Alleinstehende und für homosexuelle Paare, Retterbabys.

Vielen mag das zu progressiv sein, bestimmt einer grossen Zahl von Politikern in Bern, wie Rats­debatten zur Fortpflanzungsmedizin immer wieder zeigen. Ob die NEK damit die Schweizer Bevölkerung überholt hat, ist allerdings fraglich. Die beiden Abstimmungen zur Präimplantationsdiagnostik zeigten deutlich, dass man gegenüber der Fortpflanzungs­medizin aufgeschlossen ist. Zu Recht, denn innerhalb von Schranken, die Auswüchse im grossen Stil verhindern, bleibt auch die medizinisch unterstützte Fortpflanzung letztlich Privatsache. Für die einen mögen einzelne Verfahren nicht vereinbar mit dem Gewissen sein, für andere jedoch sehr wohl.

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