Professor Sushi

Um bessere Therapien zu entwickeln, geht Allergologe Peter Schmid-Grendelmeier auch unkonventionelle Wege. So plante eretwa schon den Einsatz von Hakenwürmern, einem Parasiten.

«Eigentlich wollte ich Tropenarzt werden», sagt Peter Schmid-Grendelmeier, Dermatologe und Leiter der Allergiestation des Universitätsspitals Zürich. Foto: Thomas Egli

«Eigentlich wollte ich Tropenarzt werden», sagt Peter Schmid-Grendelmeier, Dermatologe und Leiter der Allergiestation des Universitätsspitals Zürich. Foto: Thomas Egli

Kaum tritt der Professor vor seine Bürotür, wird er von einer Patientin angesprochen. Sie hat sich in den Gängen der Dermatologischen Klinik des Universitätsspital Zürich verirrt und erwartet vom erstbesten Weisskittel Hilfe. «Vor zehn Jahren wurde hier der Portier aus Spargründen abgeschafft, seitdem finden sich die Patienten nur noch schlecht zurecht», erklärt Peter Schmid-Grendelmeier, Leiter der Allergiestation, mit einem Augenzwinkern.

Mit seiner dunklen Hornbrille, dem Schalk in den Augen und seiner unprätentiösen, umgänglichen Art entspricht Peter Schmid-Grendelmeier, der bei unserem Treffen in einem kleinen, wenig repräsentativen Büro sitzt, keineswegs dem Bild eines abgehobenen Professors. Der Dermatologe hat sich mit der Erforschung von Neurodermitis und Allergien in der internationalen Fachwelt einen Namen gemacht. So wies er kürzlich in einer wegweisenden Studie nach, wie ein verbreiteter Pilz auf der Hautoberfläche die Entzündung bei Neurodermitis fördert und mit einer simplen Pilzbehandlung in Form von Tabletten die Beschwerden deutlich gelindert werden können. «Der Hefepilz kann mit der Haut und dem Immunsystem interagieren, weil bei Neurodermitis die Barrierefunktion der Haut beeinträchtigt ist», erklärt Schmid-Grendelmeier.

Wurm im rohen Fisch

Besonders interessiert ihn aber auch, wie Parasiten Einfluss auf das allergische Geschehen nehmen. «Diese Vorliebe trug mir den humoristischen Spitznamen Professor Sushi ein», bemerkt Schmid-Grendelmeier schmunzelnd. Den «Ehrentitel» erwarb er sich an einem Kongress in Deutschland. Er berichtete dort von einem Rega-Arzt, der wiederholt nach Südostasien gereist ist und an einer Sushi-Allergie leidet, ausgelöst durch den Heringwurm, der im rohen Fisch vorkommt. Nach einer Wurmtherapie und dem Meiden des Wurms lebt der Arzt beschwerdefrei. In diesem Fall löste der Parasit eine Allergie aus. Umgekehrt weiss man aber auch vor allem aus Drittweltländern, dass das Immunsystem von Menschen mit Parasitenbefall gedämpft ist und somit auch die allergischen Reaktionen.

Vor rund drei Jahren wollte er dieser Wechselwirkung genauer auf den Grund gehen. Er konzipierte eine Studie mit Hakenwürmern. Von diesem Parasiten ist aus der empirischen Forschung bekannt, dass er das Immunsystem unterdrückt und zugleich relativ harmlos ist. Das Unappetitliche an dieser Studie ist jedoch, dass die Wurmeier über die Haut dem Körper zugeführt werden müssten. Die Ethikkommission verhinderte die Durchführung der Studie. «Weil der Wurm im Körper nicht kontrollierbar und die Sicherheit dadurch nicht gewährleistet ist», erklärt Peter Schmid-Grendelmeier. Der «Wirkstoff» des Wurms, der mit dem Immunsystem interagiert, müsste isoliert und steril hergestellt werden können. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg, den Schmid-Grendelmeier trotzdem weiterverfolgt.

Aus wenig Mitteln das Optimale zu machen, lernte er in Afrika.

«Eigentlich wollte ich Tropenarzt werden», erinnert er sich, den andere Kulturen und Länder schon immer faszinierten. 1997 hatte er dann jedoch die Möglichkeit, als dermatologischer Konsiliararzt und Lehrbeauftragter ans Regional Dermatology Training Center in Tansania zu gehen. Sein Arbeitsplatz in Moshi war ein Spital mit rund 600 Betten am Fuss des Kilimandscharo. Da seine Frau als Laborantin im selben Spital arbeitete, lebten sie mit ihren beiden Kleinkindern zwei Jahre in Afrika.

Die weiten und schlecht erschlossenen Landstriche Tansanias brachten den inzwischen Kisuaheli sprechenden Schweizer Arzt auf die Idee, die medizinische Versorgung mithilfe der damals noch neuen Teledermatologie zu verbessern. Weil dabei Bilder von der Haut eines Patienten einfach via Internet in ein fernes Spital übermittelt werden, entfällt der Arztbesuch. «Das Internet stand damals erst rudimentär zur Verfügung», sagt Schmid-Grendelmeier, dessen Studie zur Teledermatologie als Pionierarbeit gilt. Heute pflegt er weiterhin regen Kontakt mit Fachkollegen in Tansania, wo Allergien genauso verbreitet sind. Einmal pro Jahr besucht er das Land. Mit seinem Afrika-Fieber vermochte er schon hiesige Berufskollegen anzustecken, die ihn mittlerweile auch regelmässig begleiten, auch auf seine beliebten Safaris.

Was fasziniert Peter Schmid-Grendelmeier eigentlich an der Allergologie? «Im Lauf der Zeit merkte ich immer mehr, wie sehr das Fachgebiet auf mich als vielseitig Interessierten zugeschnitten ist», sagt er. Allergologie sei das ideale Bindeglied zu Fächern wie Umwelt, Tiere, Essen oder anderen medizinischen Bereichen. Als begnadeter Kommunikator passt ihm auch die Leitungsaufgabe in der Allergiestation mit seinen rund 30 Mitarbeitenden, die er seit dreizehn Jahren innehat. Seine Erfahrungen in Afrika empfindet er heute als gute Vorbereitung für das Führen eines Betriebes - «aus wenig Mitteln das Optimale herauszuholen», konstatiert er. Auch die klinische Lehre, die Schulung von Patienten oder Hausärzten, liegt ihm sehr am Herzen.

Mehr Dreck statt Hygiene

Seit seinem Einstieg in die Allergologie hat sich in diesem Fachgebiet viel geändert. Allergien nehmen in allen Industriestaaten von Jahr zu Jahr zu. Einstige Gewissheiten sind obsolet geworden, wie zum Beispiel: Meiden, was man nicht verträgt. Heute gilt eher das Gegenteil. So lautet die Empfehlung, Babynahrung soll im ersten Lebensjahr möglichst vielfältig sein. Dies soll das Risiko senken, an einer Neurodermitis oder an Asthma zu erkranken. Moderne Prävention lautet heute: mehr Dreck statt Hygiene. Eine wirksame Behandlung steht mit der Desensibilisierung zur Verfügung. Gezielt werden dabei Allergene in sehr geringen Dosen unter die Haut gespritzt, um das Immunsystem zu trainieren, sodass eine Gewöhnung eintritt und eine allergische Reaktion unterbleibt. Weil diese Therapie sehr aufwendig ist, arbeitet man daran, sie zu optimieren, zum Beispiel mit der Gabe der Allergene unter die Zunge mittels Tabletten, was bei Heuschnupfen schon recht erfolgreich ist.

Zunehmend verbreitet sind aber auch Nahrungsmittelallergien oder -unverträglichkeiten. Die Lebensmittelindustrie hat den Wink verstanden und überschwemmt den Markt mit entsprechenden Produkten, die die Ängste der Menschen bedienen: «Frei von»-Lebensmittel boomen, ob ohne Allergene wie Nüsse oder ohne Gluten. «Das Geschäft blüht - die Verunsicherung der Patienten wächst», stellt Schmid-Grendelmeier fest.

Wenn Professor Sushi sich einmal nicht gerade den Würmern widmet, findet er gelegentlich auch Zeit, an einem Kurz-Triathlon teilzunehmen - «vom Ironman träume ich», gesteht er leise ein. Er ist sich indes bewusst, dass er dieses Ziel nie erreichen wird. Der Schnauf mag Peter Schmid-Grendelmeier beim Ironman ausgehen, nicht aber bei seiner Forschung, die er unablässig vorantreibt.

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