Patente auf Brustkrebsgene behindern den Fortschritt

Die US Firma Myriad ist wegen ihrer patentierten DNA-Tests für Brustkrebs umstritten – nun expandiert sie nach Europa und nimmt neue Gene ins Visier.

Erblich vorbelastet? Mutationen im Gen BRCA 2 erhöhen das Risiko für Brust- und Eierstockkrebs.

Erblich vorbelastet? Mutationen im Gen BRCA 2 erhöhen das Risiko für Brust- und Eierstockkrebs.

(Bild: PD)

Immer wieder sehen Frauen ihre Verwandten in jungen Jahren an Krebs sterben – Mütter, Schwestern, Tanten. Viele würden dann gerne wissen, ob die Mutationen dahinterstecken und ob ihnen eines Tages dasselbe Schicksal droht.

Die Firma Myriad Genetics hat sich den Krebs ins Portfolio geschrieben. Es sind nur einfache Gentests, für die sie die Patente besitzt, aber diese steigern die Gewissheit über die Veranlagung für Brust- und Eierstockkrebs auf ein hohes Mass. Weil Myriad Genetics trotz der Kritik an ihren Methoden in den USA auf ihrem Monopol für die Krebstests beharrt und so womöglich die Weiterentwicklung der Testverfahren blockiert, ist sie zum Feindbild der Bewegung «Kein Patent auf Leben» geworden.

Gravierende Konsequenzen

Mit ihrer Klage gegen Myriads Patente sind die Gegner in den USA inzwischen vor das Oberste Gericht gezogen, das den Fall an die vorherige Instanz zurückgab. Diese hatte im Sommer 2011 Myriads Ansprüche auf die Testverfahren der beiden wichtigsten Gene für Brust- und Eierstockkrebs, BRCA 1 und BRCA 2, für gültig erklärt. Die Richter sollten ihre Entscheidung noch einmal überdenken, empfahlen die Bundesrichter nun; sie waren einhellig der Meinung, «dass die Patentansprüche die zugrunde liegenden Gesetze der Natur selbst beanspruchen». Die Patente müssten deshalb ungültig sein, liessen sie die vorherige Instanz wissen.

Das Votum ist Wasser auf die Mühlen der Patentgegner von der American Civil Liberties Union (ACLU) und der Public Patent Foundation. Solche Patente seien nicht nur illegitim; sie hätten auch verheerende Folgen: Die Patente verhindern laut ACLU die Entwicklung neuer Gentests. Tatsächlich haben mehr als die Hälfte aller Diagnoselabors schon einmal die Entwicklung neuer, effektiverer Testverfahren eingestellt, weil ihre Arbeit durch Patente blockiert wurde.

Patente bremsen Fortschritt

Myriads Tests seien nicht mehr auf der Höhe der Zeit, sagt die Genetik-Professorin Mary-Claire King von der Universität Washington. Die Firma arbeite mit der Technologie der 90er-Jahre – das ist aus heutiger Sicht in der Genetik so etwas wie Steinzeit. Patientinnen und Ärzte bräuchten aber «Informationen, die möglichst vollständig und auf dem neuesten Stand der Technik sind». Das verbessere die Aussagekraft der Tests, die Leidtragenden seien sonst die Patientinnen.

Als ein solches Opfer sieht sich Kathleen Maxian: Hätten Myriads Patente nicht die Entwicklung besserer Tests verhindert, dann würde sie heute vielleicht nicht um ihr Leben kämpfen müssen, sagt die Amerikanerin. Maxians Schwester erkrankte mit 40 Jahren an Brustkrebs. Das war 2006. Damals testete Myriad die Gene der Kranken und kam zu dem Schluss, sie sei erblich nicht belastet. Der Krebs sei nur zufällig in so jungen Jahren aufgetreten.

Doch vor drei Jahren brach bei ihr Eierstockkrebs aus. Es stellte sich heraus, dass die Schwestern doch erblich belastet sind – durch Mutationen, die nur modernere BRCA-1- und BRCA-2-Tests erfassen können. «Wenn meine Schwester bei ihrem Gentest ein beunruhigendes Resultat erhalten hätte, hätte ich mich testen lassen», ist Kathleen Maxian überzeugt. Dann hätte sie sich die Eierstöcke entfernen lassen, der Krebs hätte keine Chance mehr gehabt. Jetzt hat sie keine Chance mehr. «Die Wahrscheinlichkeit, dass ich in fünf Jahren noch lebe, beträgt weniger als 20 Prozent», sagt Maxian. «Ich möchte nicht, dass etwas Ähnliches irgendjemand anderem passiert.» Deshalb kämpft sie gegen die Myriad-Patente und für freie Gentests.

Frust bei den Entdeckern

Die Firma betont, dass ein falsches Testergebnis wie bei Maxians Schwester höchstens ein Prozent aller Frauen betreffe. Ausserdem arbeite sie daran, ihre Tests zu erweitern. «Es ist Myriads Mission, Leben zu retten», betont Firmensprecherin Rebecca Chambers. Heute biete Myriad einen Extratest an, der bisher übersehene Mutationen findet. Der Test kostet allerdings 700 Dollar zusätzlich. Das hat Myriad in den USA viel Kritik eingebracht.

Mit Argwohn betrachten Patentgegner, dass Myriad verstärkt in Europa tätig werden will – die Firma hat vor kurzem eine Filiale in Martinsried bei München eröffnet. Denn selbst wenn die Patente in den USA für ungültig erklärt werden, behalten die europäischen Patente ihre Gültigkeit. Das Unternehmen wolle sein operatives Geschäft nach Europa ausdehnen, teilt Myriad-Sprecherin Chambers auf Anfrage mit, «damit wir auch europäischen Frauen helfen können, ihr genetisches Risiko zu verstehen».

«Unsägliche Situation»

Jüngst ist Myriads Macht noch gewachsen. Denn vor einigen Wochen hat die Firma die Rechte an einem dritten Brustkrebsgen erworben – einem, dessen Bedeutung in Deutschland entdeckt wurde. Forscher hatten im April 2010 im Fachblatt «Nature Genetics» berichtet, dass auch Mutationen in dem Gen RAD51C das Risiko für Brust- und Eierstockkrebs drastisch erhöhen.

Federführend beteiligt waren der Humangenetiker Alfons Meindl von der TU München und die Gynäkologin Rita Schmutzler von der Universität Köln. Meindl und Schmutzler setzen sich seit Jahren gegen Patente auf Krebsgene ein. Meindl ist sogar schon einmal als Sachverständiger gegen Myriad vor dem Europäischen Patentamt aufgetreten. Dass «ihr Gen» nun ausgerechnet an Myriad verkauft wurde, gefällt den beiden Forschern gar nicht. «Es ist für uns eine unsägliche Situation», sagt die Gynäkologin Schmutzler. In einem Atemzug würden sie jetzt mit einer Firma genannt, deren kommerzielle Interessen sie immer bekämpft haben.

Ökonomisches Potenzial

Doch Meindl und Schmutzler haben mit dem Verkauf nichts zu tun. Sie haben die Rechte an ihrer Entdeckung schon im Juli 2011 an die Universität Köln abgetreten, die ohnehin an allen Erfinderrechten ihrer Arbeitnehmer teilhat. Die beiden Forscher selbst wollten kein Patent besitzen: Niemand sollte ihnen nachsagen können, sie wollten sich an Krankheitsgenen bereichern. Die TU München als Meindls Arbeitgeber verzichtete ebenfalls auf ihre Rechte, weil sie die Mutationen in RAD51C für nicht vermarktungsfähig hielt.

Gleichwohl hat der Fund enormes ökonomisches Potenzial. Das erkannte der dritte federführende Autor, Helmut Hanenberg von der Universität Düsseldorf. Der Kinderarzt hat im Gegensatz zu seinen Kollegen nichts gegen die Vermarktung von Genen einzuwenden und meldete Patente auf die gemeinsame Entdeckung an – eines zusammen mit seinem Kollegen Dieter Niederacher, der später davon zurücktrat. Ein weiteres zusammen mit den Universitäten Köln und Düsseldorf. Im Dezember 2011 verkauften Hanenberg und die beiden Universitäten dann die Exklusivlizenz für RAD51C-Gentests an Myriad Genetics. Dafür zahlte Myriad nach TA-Informationen bereits 1,5 Millionen Dollar, weitere 2,2 Millionen sollen folgen.

«Es ist die Pflicht jedes Hochschulangehörigen, Erfindungen seinem Arbeitgeber zu melden», sagt Hanenberg, der inzwischen an der Indiana University arbeitet. Eine Monopolisierung müsse nicht automatisch nachteilig sein, meint Hanenberg: «Wichtig ist doch, dass die Tests schnell und zuverlässig an Fachzentren mit hoher Qualität zu günstigen Bedingungen durchgeführt werden.» Das sei bei Myriad der Fall.

Da sie ihre Rechte abgetreten haben, können Meindl und Schmutzler gegen den Handel mit Myriad nun nichts mehr ausrichten. «Es geht mir nicht darum, dass mir so vielleicht eine Million entgangen ist», betont Alfons Meindl. «Ich bin absolut gegen solche Patente.»

Tages-Anzeiger

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