«Komplizierter als ein Brutkasten»

Ein Chefarzt erwartet, dass es lange dauert, bis die Gebärmuttertransplantation in der Schweiz angeboten wird. Das Interesse bei den betreffenden Frauen ist dennoch gross.

Bis Baby Vincent geboren wurde, arbeiteten die Ärzte in Göteborg zwölf Jahre lang an dem Verfahren. Foto: Ben Jary (AP, Keystone)

Bis Baby Vincent geboren wurde, arbeiteten die Ärzte in Göteborg zwölf Jahre lang an dem Verfahren. Foto: Ben Jary (AP, Keystone)

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Mit ihrem Vorhaben, in der Schweiz die Gebärmuttertransplantation einzuführen, sorgen Zürcher Ärzte derzeit für Gesprächsstoff – und für Skepsis bei Kollegen. Transplantationschirurg Pierre-Alain Clavien und Reproduktionsmediziner Bruno Imthurn haben gegenüber DerBund.ch/Newsnet publik gemacht, dass sie dabei sind, ein entsprechen- des Transplantationsprogramm aufzubauen. Die Mediziner schätzen, dass im günstigsten Fall in drei Jahren die Geburt eines Kindes gelingen könnte. Sie wären damit bei den weltweit Ersten, welche das Verfahren durchgeführt ­hätten. Bis jetzt sind erst fünf Kinder auf diese Weise geboren worden. Bei allen hatte ein Team von Ärzten im schwe­dischen Göteborg die Transplantation vorgenommen.

In Bern steht man dem Vorhaben der Zürcher zurückhaltend gegenüber. Michael Mueller, Chefarzt Gynäkologie und Co-Direktor der Klinik für Frauenheilkunde am Inselspital, sagt: «Wir haben uns selber überlegt, die Transplantation durchzuführen, und sind zum Schluss gekommen, dass es viel zu früh ist dafür.» Das Team in Göteborg hat zwölf Jahre gebraucht, bis ihm erstmals die Geburt eines Kindes gelang. Eine amerikanische Ärztegruppe in Cleveland ist schon seit zehn Jahren am Thema. Nach der ersten gross angekündigten Transplantation erlitten die US-Mediziner einen Rückschlag und mussten der ersten Patientin die Gebärmutter kurz nach der Operation wieder entfernen. «Es ist offensichtlich, dass die Technik viel Erfahrung und Zeit braucht», sagt Mueller. «Die Gebärmuttertransplantation ist komplizierter, als einfach einen Brut­kasten zu verpflanzen.»

Künstliche Vagina

Bei den betreffenden Frauen ist das Interesse an der neuen Möglichkeit allerdings jetzt schon gross. Die Transplantation soll Patientinnen angeboten werden, deren Gebärmutter unter anderem wegen schwerer Aborte nicht mehr funktionsfähig ist. Ebenfalls infrage kommen Frauen, die ohne das Organ geboren wurden. Die Klinik von Michael Mueller ist für diese Patientinnen das wichtigste Zentrum in der Schweiz. «Wir müssen den interessierten Frauen jeweils erklären, dass die Technik noch nicht ausgereift und risikoreich ist», sagt Mueller. Trotzdem ist klar, dass sich selbst in dieser frühen Phase Frauen für einen ersten Transplantationsversuch finden würden. «Der Kinderwunsch ist bei manchen Betroffenen sehr stark», sagt Mueller.

Die Frauen ohne Gebärmutter leiden unter dem sogenannten Mayer-Rokitanski-Küster-Hauser-Syndrom, kurz MRKH-Syndrom. In der Schweiz dürften jedes Jahr rund 15 Mädchen damit geboren werden. Sie sind genetisch und auch äusserlich normal und haben einzig eine angeborene Fehlbildung – nicht nur der Gebärmutter, sondern auch der Vagina. In Bern betreut ein Team um die Kinder- und Jugendgynäkologin Irène Dingel­dein über 50 Frauen mit diesem Syndrom. «In der Regel werden Betroffene erst diagnostiziert, wenn bei ihnen in der Pubertät die Menstruation ausbleibt», erklärt Mueller. Manchmal führen die Frauen auch Probleme beim ersten Geschlechtsverkehr zum Arzt.

«Für viele ein Schock»

Eigene Kinder können Frauen mit MRKH-Syndrom heute nicht austragen. «Die plötzliche Gewissheit, niemals eigene Kinder bekommen zu können, ist für viele ein Schock», sagt Mueller. Für die Betroffenen gibt es bislang einzig die Möglichkeit einer Adoption oder der Leihmutterschaft, die in der Schweiz ­jedoch verboten ist.

Bei einem MRKH-Syndrom werden Patientinnen bereits heute operiert, um eine Vagina zu konstruieren und ihnen so Geschlechtsverkehr zu ermöglichen. Die Patientinnen müssen dafür zwei bis drei Tage im Spital bleiben. Nach der Konstruktion der sogenannten Neovagina erhalten sie eine Prothese, die sie selber auswechseln können. Sie soll verhindern, dass die Neovagina mit der Zeit schrumpft. Narben gibt es je nach Operationsmethode keine oder nur kleine. «Häufig wissen die Sexualpartner am Anfang einer Beziehung nichts von der künstlichen Vagina», sagt Mueller.

Leihmutterschaft ist sicherer

Im Vergleich zur Konstruktion einer Neovagina ist die Gebärmuttertransplantation massiv invasiver. Und im Gegensatz zu den meisten Eingriffen in der Transplantationsmedizin ist die Gebärmutterverpflanzung nicht lebensnotwendig – und deshalb ein Wunscheingriff. Für Mueller ein weiterer Grund, um vorsichtig zu sein: «Die Frauen sind eigentlich gesund, weshalb alles doppelt und dreifach sorgfältig gemacht werden muss.»

Doch auch wenn die Gebärmutterverpflanzung einmal etabliert sein sollte, dürften deutlich weniger als die Hälfte der Frauen, die eine defekte oder gar keine Gebärmutter haben, darauf zurückgreifen. «Die Transplantation ist mit über 100'000 Franken sehr teuer und hat grosse Risiken», so Mueller. Zudem seien die Chancen, dass es mit einem Kind klappt, bis auf weiteres nicht sehr gross. In Schweden wurde bis jetzt nur bei jeder zweiten Transplantation ein Kind geboren, sagt der Berner Arzt. Im Gegensatz dazu sei die Leihmutterschaft weltweit erprobt, billiger und risikoärmer. Und die Frauen hätten am Ende fast immer ein Baby, das sie nach Hause nehmen könnten, sagt Mueller. Er würde es begrüssen, wenn die Leihmutterschaft in der Schweiz legalisiert würde. «Die heutige Situation ist eine Heuchelei», sagt er. «Die Frauen gehen einfach ins Ausland und machen es trotzdem.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2016, 19:32 Uhr

Michael Mueller

Der in Moutier aufgewachsene Professor ist seit 2007 Chefarzt Gynäkologie und Co-Direktor der Klinik für Frauenheilkunde am Berner Inselspital. Nebst verschiedenen wissenschaftlichen Ehrungen hat er im Jahr 2000 den Preis für die beste wissenschaftliche Arbeit der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe erhalten.

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