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«Ich war irgendwie – puuahhh – erleichtert»

Der legendäre Anruf aus Stockholm hat den frischgebackenen Nobelpreisträger Jacques Dubochet (75) nicht sonderlich überrascht.

Mit Jacques Dubochet sprach Matthias Meili, Lausanne
«Ich bin sehr dankbar»: Der frisch gebackene Nobelpreisträger für Chemie Jacques Dubochet.

Sprechen Sie Deutsch?

Ein kleines bisschen.

Sie waren ja lange in Deutschland.

Ja, das stimmt, aber ich bin schlecht bei den Sprachen.

Sie schreiben in Ihrem Lebenslauf, dass Sie das erste Kind im Kanton Waadt waren, das mit Dyslexie diagnostiziert wurde. Ist das wahr?

Ja klar, ich war der erste anerkannte Fall von Leseschwäche im Kanton Waadt. Ich hatte vor allem ein sehr schlechtes Gedächtnis und enorme Schwierigkeiten, mir die ganzen Listen von Namen oder Wörtern zu merken. Aber ich musste lernen damit umzugehen.

Wie haben Sie das gemacht?

Ich musste kreativ sein. Zum Beispiel arbeitete ich mein ganzes Leben mit dem Erbmolekül DNA, dessen Struktur eine linkshändige Orientierung hat. Ich konnte mir das nur merken, wenn ich meine Hände konkret anschaute.

Was bedeutet Ihnen der Nobelpreis?

Man erwartet den Anruf aus Stockholm ja nicht, aber als er heute Morgen kam, war ich doch irgendwie – puuahhh – erleichtert.

Waren Sie überrascht?

Wir haben die Grundlagen für die Kryo-Elektronenmikroskopie schon vor 35 Jahren gelegt. Doch erst in den letzten Jahren ist das Gebiet regelrecht explodiert. Viele Gruppen haben dazu beigetragen. An allen Konferenzen und Tagungen sprach man mittlerweile von einer wissenschaftlichen Revolution.

Also waren Sie nicht überrascht?

Es war kein Geheimtipp mehr. Trotzdem gab es auch dieses Jahr wieder so unglaublich viele andere Kandidaten. Denken Sie an die Genschere Crispr. Oder die Leute, die das menschliche Genom entziffert haben. Die haben den Nobelpreis auch noch nicht erhalten, das ist doch nicht normal.

Was bedeutet der Preis für die Schweiz als Forschungsplatz?

Es gab schon viele andere Nobelpreise, gerade auch auf dem Gebiet der Strukturerforschung von Proteinen. Und jetzt kommt halt noch die Kryo-Elektronenmikroskopie dazu. Das ist grossartig.

Video: Wie die Schweiz vom Nobelpreis profitieren kann

Redaktion Tamedia-Wissen-Chef Niklaus Walter zur Bedeutung dieser Auszeichnung.

Grossartig für die Schweiz?

Klar, ich bin stolz, ich bin Schweizer, ich studierte und lehre hier. Trotzdem möchte ich betonen, dass wir und gerade die Forschung ein Teil von Europa sind. Mein Sohn arbeitet in Brüssel, meine Tochter in der ganzen Welt.

Als Nobelpreisträger stehen Sie ­plötzlich im Scheinwerferlicht und müssen zu allem etwas sagen.

Ja, das ist wirklich beeindruckend. Als ich heute meinen Computer aufstartete, hatte ich bereits 300 E-Mails seit 12 Uhr. Natürlich muss ich mich an die Situation gewöhnen. Ich hoffe, dass ich lerne, selektiv zu sein und nicht nervös zu werden.

Interdisziplinarität ist Ihnen wichtig.

Ja, sehr wichtig. Ich werde morgen schon wieder die Vorlesung «Biologie und Gesellschaft» geben. Wir haben dieses Fach bereits vor 25 Jahren in Lausanne eingeführt, denn wir möchten nicht nur die besten Biologen, sondern auch die besten Bürger.

Was meinen Sie damit?

Nehmen Sie den Nobelpreis für Medizin, da wurde am Montag die Entdeckung der inneren Uhr ausgezeichnet. Da stellen sich doch auch Fragen: Wenn wir die innere Uhr kontrollieren können, was machen wir damit? Wenn wir das Altern kontrollieren können, was machen wir mit dieser Erkenntnis? Die Frage, welche Folgen eine Entdeckung für die Gesellschaft hat, sollte jeder Wissenschaftler immer im Kopf haben.

Die Antwort könnte auch sein, dass man die Fortschritte der Wissenschaft begrenzen müsste . . .

(lacht) Mehr Wissen ist immer gut. Aber was wir damit machen, das muss die Gesellschaft beantworten. Sehen Sie, alles ist politisch, auch die Wissenschaft, das dürfen wir nie vergessen. Vielleicht braucht es ein Organ, etwa unter der UNO, das die Fortschritte der Wissenschaft weltweit verantwortungsvoll abschätzt und dessen Anwendung sozusagen zum Guten der Gesellschaft führt.

Sie sind politisch auch aktiv und positionieren sich eher links.

Was bedeutet links? Wenn ich heute im Gemeinderat von Morges in den Saal komme, sitzen die Linken rechts. Damit will ich sagen, dass dieser Begriff allein nichts bedeutet. Für mich sind Linke grosszügige Menschen, die sich auch um das Wohlergehen der ganzen Welt kümmern, das reicht mir als Definition.

Was waren die entscheidenden Momente in Ihrer Karriere?

Eines Tages haben wir etwas entdeckt, das für uns alle eine grosse Überraschung war. Wir beobachteten plötzlich eiskaltes Wasser, das aber nicht Eis war. Damit konnten wir im Elektronenmik­roskop arbeiten. Ich bin also sozusagen der Weltmeister des kalten Wassers. Der Erste, der das entdeckt hat, war mein Techniker, mit dem ich eben telefoniert habe. Von daher könnte man sich natürlich fragen, wieso nicht er den Nobelpreis erhalten hatte. Aber so ist es halt, ich war der Projektleiter damals.

Haben Sie Vorbilder?

Unbedingt. Vor allem Richard Henderson, der mit mir den Nobelpreis erhalten hat. Er ist derart vielseitig und vor allem geizt er nicht mit seinen Ideen, sondern teilt sie grosszügig mit allen. Das ist sehr bemerkenswert in der Forschung. Wir hatten sowieso damals eine unglaublich gute Atmosphäre zwischen verschiedenen Gruppen, in denen wir einander die Erfolge gönnten und einander so vorantreiben.

Was machen Sie mit dem Preisgeld?

O Gott, das weiss ich noch nicht. Eines ist sicher, ich muss nicht reicher ­werden.

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