Gibt es Liebe auf den ersten Blick?

Nein, sagen Psychologen. Aber es gibt Anziehung, Begierde oder Sehnsucht nach dem ersten Blick.

Wie viele von ihnen wohl glauben, sich auf den ersten Blick verliebt zu haben? Paare bei einer Massentrauung in Südkorea. Foto: Kim Hong-Ji (Reuters)

Wie viele von ihnen wohl glauben, sich auf den ersten Blick verliebt zu haben? Paare bei einer Massentrauung in Südkorea. Foto: Kim Hong-Ji (Reuters)

Sebastian Herrmann@SZ

Und plötzlich scheint es, als halte die Welt den Atem an, als warte sie nur darauf, dass sich die Lippen der Liebenden berühren. Gerade sind sie sich begegnet - doch sofort ist es um sie geschehen.

Klingt kitschig? Mag sein. Die Szene entspricht dem romantischen Ideal, das in Literatur, Filmen und Musik verbreitet wird. Schon die Griechen in der Antike glaubten an Liebe auf den ersten Blick, Shakespeare schrieb darüber, die Beatles und andere sangen davon. In Befragungen sagen etwa 30 Prozent der Teilnehmer, sie hätten das selbst erlebt, ja zehrten noch heute davon. Nun nimmt es die Liebe generell mit der Wahrheit nicht so genau, und Wissenschaftler, die sich mit dem Phänomen beschäftigt haben, kommen nun zu einem eher unromantischen Schluss: Liebe auf den ersten Blick ist vor allem eines - eine Illusion.

Die Psychologen um Florian Zsok liessen etwa 400 Frauen und Männer Bilder potenzieller Partner bewerten und organisierten Speed-Dating-Sitzungen, bei denen die Teilnehmer Unbekannte trafen. Immer wieder mussten alle ihre Gefühle schildern. Quer durch die Versuche gaben 32 Teilnehmer an, sie hätten bei mindestens einer der Begegnungen Liebe auf den ersten Blick empfunden, berichten die Forscher im Fachblatt Personal Relationships. «Aber Liebe ist ein viel zu grosses Wort für das, was die Probanden erlebt haben», sagt Zsok.

Die Verzückten erlebten keine Liebe

Liebe besteht aus Vertrauen, Intimität, Fürsorge, Zuneigung; dass der Gefühlshaushalt nach nur einem Blick von derart tiefen Empfindungen überwältigt werden könnte, ist vielleicht etwas vermessen. Geborgenheit und Nähe entstehen im Lauf einer gemeinsamen Geschichte. Der erste Blick verschafft nur Gewissheit, dass vom anderen Anziehung ausgeht. Das immerhin passiert in einem Wimpernschlag: 100 Millisekunden reichen, um zu einem Eindruck zu gelangen, der kaum je revidiert wird.

Die Verzückten in Zsoks Versuchen erlebten also keine Liebe - sondern Anziehung, Begierde oder Sehnsucht nach dem ersten Blick, die sich ausschliesslich an physischer Attraktivität entzündete. Und es waren fast nur männliche Teilnehmer, die auf diese Weise entflammten. «Das passt zu den gängigen Vorstellungen, dass Männer besonders auf das Äussere achten», sagt Zsok. Für Frauen seien Bindungsbereitschaft und Status wichtiger, doch diese Qualitäten offenbaren sich eben nicht augenblicklich.

Der Blitz im Nachhinein

Überhaupt stellt sich Liebe auf den ersten Blick erst in der Rückschau ein. «Es ist ein Blitz, der im Nachhinein einschlägt», sagt Zsok. Auch insofern handelt es sich um eine Illusion: Es ist eine konstruierte, gemeinsame Erinnerung, die einer Beziehung Bedeutung und Einzigartigkeit verleiht. Wir sind uns heute, nach vielen gemeinsamen Jahren, noch nahe und miteinander glücklich? Kein Wunder - das war von Anfang an vorbestimmt!

Generell neigen Menschen dazu, ihre Vergangenheit durch den Filter der Gegenwart zu betrachten: So wie es jetzt ist, muss es immer gewesen sein. Innige Paare projizieren ihr Glück rückwirkend in die Vergangenheit und erschaffen so einen Schöpfungsmythos ihrer Liebe. Das mag eine Illusion sein - aber eine, die selbst einer alten Liebe frischen Zauber verleiht.

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