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Ärzte haben eine Liste von medizinischen Massnahmen veröffentlicht, die unnötig sind. Ihre Wirkung droht allerdings zu verpuffen.

Einer der Kritikpunkte: Die Zahl der Blutentnahmen könnte verringert werden. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Einer der Kritikpunkte: Die Zahl der Blutentnahmen könnte verringert werden. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Felix Straumann@fstraum

Weniger ist nicht selten mehr – auch in der Medizin. Diese Erkenntnis hat die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM) dazu bewogen, eine Liste von fünf medizinischen Massnahmen zu veröffentlichen, welche Ärzte im Spital nicht verordnen sollten. Aufgelistet werden unter anderem Blutentnahmen, Transfusionen, Röntgenuntersuchungen, die Verabreichung von Schlafmitteln und das Einlegen von Dauerkathetern. Die Empfehlungen sind Teil der Initiative «Smarter Medicine», welche die SGAIM vor zwei Jahren mit einer ersten schwarzen Liste für den ambulanten Bereich gestartet hat.

Die aktuelle Aufstellung leuchtet auch Aussenstehenden schnell ein. Etwa, dass ältere Menschen während des Krankenhausaufenthalts nicht zu lange im Bett liegen und möglichst rasch mobilisiert werden sollten. Dies beschleunigt die Erholungsphase und ermöglicht es den Patienten, das Spital früher zu verlassen. Und es senkt deren Sterblichkeit.

Die SGAIM findet auch nicht gut, dass ältere Menschen bei Schlaflosigkeit oder Unruhe mit Medikamenten ruhiggestellt werden, die Risiken haben und vor allem zu Abhängigkeit führen können – eine Empfehlung, die häufig mit Mehraufwand für die Pflege und damit Mehrkosten verbunden sein dürfte. Aus Sicht der Patienten ist sie zweifellos sinnvoll.

Ein weiterer Punkt auf der schwarzen Liste betrifft dauerhafte Blasenkatheter bei inkontinenten Patienten. Sie sind die wichtigste Quelle von Spitalinfektionen und sollten deshalb gemäss SGAIM nicht aus reiner Bequemlichkeit und ohne konkrete Indikation zum Einsatz kommen.

Doch auch wenn die Empfehlungen vernünftig scheinen, irritiert die Negativliste der SGAIM. Die Verfasser betonen, dass sie sich auf schon lange etablierte Erkenntnisse stützen und auch keine Widerstände bei den Ärzten erwarten. Tatsächlich ist seit vielen Jahren auch auf schwarzen Listen anderer Länder verankert, dass die nun aufgelisteten Massnahmen kritisch zu betrachten sind. Da steigt die Irritation zusätzlich, wenn man erfährt, dass sie heute trotzdem zu häufig verordnet werden. Offenbar wider besseres Wissen.

Vor diesem Hintergrund ist es fraglich, ob die schwarze Liste tatsächlich etwas bringt. Solche Zweifel werden genährt durch die Erfahrungen mit der ersten Negativliste, welche die SGAIM vor zwei Jahren lanciert hat. Die Initianten räumen selber ein, dass deren Wirkung bislang bestenfalls bescheiden gewesen ist. Zudem scheint der Glauben an den Nutzen von «Smarter Medicine» auch bei der Ärzteschaft selber limitiert. Trotz wiederholter Aufforderung hat sich ausser der SGAIM bis jetzt keine andere medizinische Gesellschaft zu solchen schwarzen Listen durchringen können.

Ohne Sanktionen und Ermahnungen

Ärzte betonen, dass es sich bei «Smarter Medicine» um eine Qualitätsinitiative handle, die von ihnen selbst komme und für einmal nicht von oben verordnet worden sei. Sonst sind es meist der Bund und die Kantone, die mit Vorschriften oder Kampagnen auf bessere Qualität drängen. Die Mediziner lassen sich halt nicht gerne von aussen dreinreden. Allerdings zeigt der geringe Effekt von «Smarter Medicine», dass ihnen die reine Selbstregulation zumindest Mühe bereitet.

Immerhin, es besteht die Aussicht, dass die aktuelle Top-5-Liste für den stationären Bereich mehr Wirkung entfaltet. Da sie für den Spitalbereich gilt, können einfache Massnahmen dazu beitragen, dass die Empfehlungen auch gelebt werden. So hat ein Versuch am Zürcher Stadtspital Triemli gezeigt, dass die Zahl der Blutentnahmen um ein Drittel zurückging, wenn deren Häufigkeit erfasst und nach verordnendem Arzt aufgeschlüsselt wurde. Nur schon die Tatsache, dass hingeschaut wird, sorgte also dafür, dass sich die Behandler nochmals überlegten, ob eine Blutentnahme wirklich nötig war. Ganz ohne Sanktionen oder Ermahnungen.

Wenn die Spitäler nun mitziehen und solche Monitorings auch bei der Verschreibung von Schlafmitteln oder bei Bluttransfusionen einführen, besteht Aussicht, dass die Anstrengungen der SGAIM nicht einfach verpuffen.

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