Ein Orthopäde mit Gefühl für den richtigen Ton

Josef E. Brandenberg ist Präsident des Chirurgen-Verbands FMCH. Er sorgt sich um das Image der operierenden Ärzte – und redet ihnen ins Gewissen.

Das Medizinstudium soll kürzer werden, findet Josef E. Brandenberg. Foto: Urs Jaudas

Das Medizinstudium soll kürzer werden, findet Josef E. Brandenberg. Foto: Urs Jaudas

Felix Straumann@fstraum

Das Operationsbesteck haben sie weggelegt. Ihre Fingerfertigkeit verwenden sie nicht mehr dafür, kaputte Gelenke zu reparieren, sondern um ihren Musik­instrumenten Töne zu entlocken: die drei Ärzte, die zusammen mit einem Profi-Geiger im ambitionierten Amateurprojekt «Swiss Orthopaedic Quartet» musizieren. Josef E. Brandenberg ist an der Bratsche, der etwas tiefer gestimmten zweiten Geige. Im Berufs­leben spielt er hingegen schon länger meist die ­erste Geige. Gefordert sind von ihm dann aber oft ähnliche Qualitäten wie beim Klavierquartett: Er muss den richtigen Ton treffen, die eigene Stimme in den Dienst eines übergeordneten Werks stellen und dank viel Disziplin das Handwerk beherrschen.

Der 69-jährige Orthopäde leitet seit 2016 als Präsident den Verband FMCH, der die Interessen von chirurgisch und invasiv tätigen Ärztinnen und Ärzten vertritt, und wird in diesem Jahr zurücktreten. Der Verband ist ausserhalb des Medizinbetriebs wenig bekannt, von der Grösse her aber bedeutend, vereint er doch Mitglieder aus 20 verschiedenen Fachgesellschaften und drei Berufsverbänden, darunter Chirurgen, ­Orthopäden, Pneumologen, Intensivmediziner und andere. FMCH steht dabei etwas altertümlich für «Foederatio Medicorum Chirurgicorum Helvetica».

Kodex für schwarze Schafe

Zuletzt für Aufsehen gesorgt hat Brandenberg mit einem Kodex, der seine Kollegen dazu anhält, sich korrekt zu verhalten. Es sind alles Punkte, die einen als potenziellen Patienten zusammenzucken lassen: Zum Beispiel sollen ­Ärzte nicht ohne vorgängige Untersuchung operieren, keine Berichte fälschen oder Fantasietitel verwenden. Zu unterlassen seien auch das Annehmen oder Zahlen von Geld für zugewiesene Patienten. Selbstverständlichkeiten, die aber offen­sichtlich genügend oft nicht beachtet werden, um einen solchen Kodex nötig zu machen. Wie häufig derartige Verstösse sind, ist unklar. Brandenberg spricht von seltenen Fällen und schwarzen Schafen, die dem Image der seriösen Ärzteschaft schaden würden.

Das Treffen mit Josef E. Brandenberg findet auf der Redaktion in Zürich statt. Er erscheint tadellos gekleidet mit roter Krawatte und Seidentuch in der Brusttasche. Seit der Orthopäde seine Praxis aufgegeben hat, arbeitet er oft ­zu Hause. An diesem Freitag im Dezember ein schlechter Ort für ein Interview: Wegen der beiden Enkel im Alter von anderthalb und vier Jahren, die «Radau machen». Brandenberg freut sich darüber. «Ein neues Erlebnis», sagt er. «Ich kann das nachholen, was ich als Vater verpasst habe, weil ich so viel gearbeitet habe.» Bei den eigenen beiden Söhnen hat ­seine Frau, ursprünglich Übersetzerin, die Betreuung übernommen. «Das war damals üblich, und meine Frau wollte das auch», sagt Brandenberg. «Ich bin ihr dafür dankbar.»

Brandenberg hält in seinem Kodex für Ärzte fest, dass Patienten vor jeder Operation ­untersucht werden müssen. Foto: iStock

Die Zeiten haben sich geändert. Heute gelten kürzere Arbeitszeiten, berufstätige Frauen sind die Normalität. Dass sie gerade in der Chirurgie immer noch benachteiligt sind, findet Brandenberg ein grosses Problem. «Wir müssen die Feminisierung der Medizin unbedingt angehen und Strukturen schaffen, die es Frauen ermög­lichen, Karriere zu machen», sagt der Orthopäde.

Ein wichtiger Punkt sei dabei ein kürzeres Medizinstudium, wie dies ­unlängst der Zürcher Medizinprofessor Johann Steurer im «Tages-Anzeiger» gefordert hatte. Das sei das «Gebot der Stunde» und würde helfen, Kinderkriegen und berufliche Laufbahn zu vereinbaren, sagt Brandenberg.

In erster Linie sorgt sich der FMCH-Präsident aber um das Image der operie­renden Ärztinnen und Ärzte. Die Spezial­ärzte würden heute fälschlicherweise hauptverantwortlich gemacht für die steigenden Gesundheitskosten. «Dage­gen müs­sen wir uns wehren.» Der Verhaltenskodex soll helfen, das zu verbessern. Ins gleiche Kapitel gehört die neue Transparenz, wenn es um Zahlungen von Medtech-Firmen an Ärzte geht. Vor einem Jahr wurde in der Schweiz damit gestartet – wobei, gleich wie bei ähnlichen Bestrebungen der Pharmaindustrie, viele Schlupflöcher bleiben.

Eigenes Kreuzband nicht operiert

Dass es nicht nur um das Image geht, sondern auch manche Fehlentwicklung gibt, ist Brandenberg natürlich klar. Obwohl der FMCH-Präsident in erster ­Linie die Interessen seiner Zunft vertreten muss, lässt er sich auf Nachhaken durchaus auch auf klare Aussagen festlegen. Zum Beispiel, dass von Meniskus über Arthroskopie bis Hüftprothese zu häufig operiert wird: «Beim FMCH sind sich Vorstand und Delegierte einig, dass jegliche Form von Überbehandlung abzulehnen ist.» Im Falle eines Kreuzbandrisses findet er etwa, dass «nicht akut operiert werden muss». Er habe sein kaputtes Kreuzband jedenfalls nicht operieren lassen.

Brandenberg kritisiert auch die «Zehnkämpfer» unter den Ärzten: «Es gibt leider Gottes immer noch Kollegen, die das Gefühl haben, dass sie alles können.» Und bei den Mindestfallzahlen für Eingriffe bemängelt er, dass sie meist zu tief angesetzt seien: «Ich würde ­meine Hüfte niemals bei jemandem operieren lassen, der den Eingriff nur 15-mal jährlich durchführt.» Auch das ist eine Fähigkeit des ambitionierten Ensemble-Musikers: Wenn eine Solopassage angezeigt ist, spielt er beherzt auf.

Branden­berg kann schlecht Geiger oder ­Dirigent sein. Er sieht das Ganze eher als Knobelaufgabe.

Geboren 1950 in Baar, deutete anfangs wenig auf Brandenbergs ­Karriere. In der Mittelschule war er schlecht, und nachdem er die Matur nur knapp geschafft hatte, langweilte er sich während des Medizinstudiums. «Ich fand dieses ewige Auswendiglernen sinnlos», erinnert er sich. Erst im zweitletzten Studien­jahr kam die Wende. Er durfte während eines Praktikums – als «Unterhund», wie es damals hiess – bei einer Operation eines Orthopäden dabei sein. «Als ich aus dem OP kam, wusste ich, ­warum ich Medizin studierte.» Das Dreidimensionale, die Mechanik, das habe ihn gepackt. «Es war ein Aha-Erlebnis», erinnert sich Brandenberg.

Nach Stationen bei Spitälern in Zug, Locarno, Lugano und der Zürcher Universitätsklinik Balgrist hatte er ab ­Mitte der 80er-Jahre eine eigene Praxis in Luzern und operierte an der Privatklinik St. Anna. Hüft- und Knieprothesen wurden mit der Zeit sein Spezialgebiet. Mit 62 Jahren verliess er 2012 den Operationssaal. «Ich wollte nicht erst ­aufhören, wenn es Probleme gibt», sagt er. Heute verfasst er Gutachten für Patientenorganisationen, medizinische Abklärungsstellen und Versicherungen.

Standespolitik betreibt Brandenberg seit seiner Assistenzzeit im Tessin. «Es braucht ein Engagement für den Beruf», ist er überzeugt. Als FMCH-Präsident funktioniert die Analogie zum Musizieren dabei nur noch beschränkt. Er muss oft zwischen den verschiedenen, teilweise widersprechenden Interessen der Fachgesellschaften vermitteln. Branden­berg kann dann schlecht Geiger oder ­Dirigent sein. Er sieht das Ganze eher als Knobelaufgabe: «Es ist wie Mengenlehre mit Schnittmengen und Differenzmengen, die man irgendwie zusammenbringen muss.»

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