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Ein Kämpfer wider den Diagnosewahn

Allen Frances war einst einer der einflussreichsten Psychiater der Welt. Heute kritisiert er, seine Kollegen würden immer mehr normale Verhaltensweisen zu psychischen Störungen erklären.

Felix Straumann, Balsthal
«Wir erreichen den Punkt, an dem Normalsein eine Krankheit ist», sagt der Psychiater Allen Frances.
«Wir erreichen den Punkt, an dem Normalsein eine Krankheit ist», sagt der Psychiater Allen Frances.

Er bewegt sich auf einem schmalen Grat, das weiss Allen Frances. Seine Kritik an der Psychiatrie lässt sich leicht missverstehen. Doch er ist keineswegs ein Scharfmacher, der das Fach am liebsten abschaffen würde. Im Gegenteil, mit seinen pointiert geäusserten Einwänden versucht er die Psychiatrie zu verbessern. «Wir erreichen den Punkt, an dem Normalsein eine Krankheit ist», sagte er unlängst an einer Tagung des Schweizer Klubs für Wissenschaftsjournalismus in Balsthal SO. Braun gebrannt und für seine 70 Jahre bemerkenswert vital führt er den Zuhörern mit markigen Worten die aus seiner Sicht gefährliche Entwicklung vor Augen. Es drohe eine «Hyperinflation» psychiatrischer Störungen wegen immer neuer Diagnosen und zunehmend weicherer Krankheitskriterien. Als Folge würden psychische Leiden «enorm überdiagnostiziert», während gleichzeitig wirklich psychisch Kranke keine Therapie erhielten. «Eine fürchterliche Fehlverteilung von Ressourcen», sagt der Psychiater.

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