Ein charmanter Provokateur

Der Bioethiker John Harris beschäftigt sich mit der Biomedizin und ist liberaler als die meisten seiner Kollegen. Die Natur habe nicht immer die besten Lösungen zu bieten, ist er überzeugt.

John Harris in der Uni Zürich: «Ich war ein Schulversager.» Foto: Dominique Meienberg

John Harris in der Uni Zürich: «Ich war ein Schulversager.» Foto: Dominique Meienberg

Alexandra Bröhm@sonntagszeitung

«Viele Bioethiker benehmen sich wie besorgte Mütter», sagt John Harris und lächelt verschmitzt. «Eine besorgte Mutter sagt zu ihrer Tochter, geh mal schauen, was dein kleiner Bruder so treibt, und sag ihm, er soll damit aufhören.» Genau so behandelten die meisten Bioethiker andere Forscher. «Ich schaue mir an, was die Wissenschaftler so machen, und finde meist, das ist grossartig, Jungs.» Harris sitzt im Restaurant eines Zürcher Hotels, für eine Tagung ist er in die Schweiz gereist und erzählt von seinem Berufsverständnis als Bioethiker. Der 73-jährige Brite blickt auf eine lange Karriere als Philosoph zurück, technische Neuerungen im Bereich der Biomedizin sind sein Hauptthema. Lange Jahre lehrte Harris an der Universität Manchester, eigentlich bereits emeritiert, ist er nun am King’s College London ­tätig.

Schlagzeilen macht er mit seinen provokanten Ansichten immer wieder. Die Haarfarbe eines Babys bestimmen. Warum nicht. Eingriffe in die Keimbahn des Menschen. Kein Problem. Viele Forscher sind skeptisch, ob man das Erbgut, das Menschen an ihre Nachkommen weitergeben, mit der Crispr-Technologie verändern darf. Selbst wenn das Verfahren einst noch zuverlässiger sein sollte. Wir dürfen nicht Dinge entscheiden, die das menschliche Leben für zukünftige Generationen grundlegend verändern könnten, ist einer der Kritikpunkte. «Wir treffen ständig Entscheide für kommende Generationen», sagt Harris. Jeder, der ein Kind habe, tue dies. Dass Crispr ein viel weitreichender Entscheid wäre, will er nicht akzeptieren.

«Verdammt gefährlicher» Geschlechtsverkehr

Die Natur ist für ihn nicht unantastbar oder immer die bessere Alternative. «Was wir im biomedizinischen Bereich entwickeln, müssen wir mit dem Goldstandard vergleichen», sagt Harris. Und dieser Goldstandard sei im Falle der Fortpflanzung der Geschlechtsverkehr, und der sei «verdammt gefährlich» und äusserst fehleranfällig. Die Natur habe uns ausserdem Dinge wie Pocken, Kinderlähmung, Hungersnöte und Moskitos gebracht. «Als ich ein Kind war, starben noch Hunderttausende an Pocken.» Heute dank des medizinischen Fortschritts niemand mehr.

Oberstes Gebot ist für Harris, das Leiden der Menschen zu lindern, aller Menschen. «Wenn ein Kind an einer schweren Erbkrankheit leidet, müssen wir nicht alles tun, um diesem Kind zu helfen?» Eine neue Therapie müsse man deshalb so schnell wie möglich einführen. Sicher sollte sie sein, aber alle Gefahren könne man nie ausschliessen. «Verstehen Sie mich nicht falsch», sagt er. «Ich finde auf jeden Fall, dass es rote Linien gibt, die man nicht überschreiten darf.» Doch in der heutigen Debatte falle es ihm schwer, Gründe für Linien zu finden. Und natürlich sei man im Nachhinein manchmal klüger. «Ich bin ein Autonarr, aber wir können uns fragen, ob es schlau war, dass wir den Verbrennungsmotor erfunden haben.»

Doch ist es nicht ein grosser Unterschied, eine schwere Erbkrankheit zu verhindern oder sich ein Kind mit braunen Haaren auszusuchen? «Was haben Sie gegen braune Haare?», erwidert Harris und schmunzelt. Nach einigem Hin und Her meint er: «Ja, es ist nicht besonders vernünftig, sich ein Kind mit braunen Haaren zu wünschen, aber muss man immer vernünftig sein?» Und auf den Einwurf, dass derartige Verfahren missbraucht werden könnten, meint er nur: «Ich bin Philosoph, die Details, wer was bestimmt, muss die Gesellschaft aushandeln.» Dafür lebten wir in einer Demokratie, übrigens frei nach Winston Churchill «die beste aller schlechten Regierungsformen».

In der künstlichen Befruchtung sieht John Harris Vorteile. Foto: Getty Images

Zur Frage, ob man in die Zukunft seiner Kinder eingreifen darf, hat Harris auch eine persönliche Geschichte zu erzählen. Seine Eltern hätten seine Geburt beispielsweise zeitlich genau geplant. Schon bald nach seiner 1937 geborenen Schwester wünschten sie sich ein zweites Kind. Trotzdem hätten sie als Juden mit der Zeugung bis Januar 1945 gewartet. Dann habe sich abgezeichnet, dass es kein Europa unter Hitler geben werde. Harris liebt es, seine Gesprächs­partner mit Zitaten, Gegenfragen oder unterhaltsamen Anekdoten ins argumentative Abseits laufen zu lassen. Darauf angesprochen, sagt er: «Natürlich bin ich gut darin, Diskussionen zu gewinnen. Ich bin gut in allem», sagt er mit einer guten Portion Selbstironie. «Ach, und verzeihen Sie mir, dass ich ein solches Monster bin», wirft er dann irgendwann noch in der Diskussion um die genveränderten Kinder ein.

«Ohne Männer ist die Welt ein besserer Ort»

Regeln möchte Harris möglichst auf ein Minimum beschränken. «Ich bin ein Anhänger des britischen Denkers John Stuart Mill», sagt er. Jeder Mensch solle so viele Freiheiten wie möglich besitzen. «Aber meine Freiheit, den Arm zu strecken, endet kurz vor Ihrer Nase. Denn es würde Ihre Freiheit beschränken, wenn ich Sie boxe.» Und er glaube, trotz seines libertären Gedankengutes, übrigens auch daran, dass alle Steuern zahlen sollten und es eine Umverteilung des Reichtums brauche.

Harris liebt Gedankenexperimente, immer unter der Prämisse, dass am Schluss das Leben aller Menschen ein besseres sein sollte. Vor längerer Zeit habe er eine Versuchsanlage entworfen, in der die Männer, ohne irgendwelche Gewalt, langsam ausstürben, weil die Frauen sich weigerten, männlichen Nachwuchs auszutragen. «Nachdem ich alles durchdacht hatte, musste ich zugeben, ohne Männer ist die Welt ein besserer Ort.» Frauen seien nicht so aggressiv, das Testosteron sorge nur für Probleme. Dann fügt er noch an: «Natürlich ist es um mich schade, ich bin ein flotter Typ, aber», er zuckt mit den Achseln, «ich konnte kein gutes Argument finden, das dagegenspricht.»

«Eigentlich bin ich überhaupt nicht ehrgeizig, ich hatte einfach viel Glück.»

Aufgewachsen ist Harris in Cheltenham im Südwesten Englands. Schon als Zwölfjähriger verlor er seine Eltern und musste eine Zeit lang bei einem «seltsamen Onkel» wohnen, bis ihn seine ältere Schwester aufnehmen konnte. Zur Philosophie fand er auf Umwegen. «Ich war ein Schulversager.» Er jobbte auf einer Anwaltskanzlei, bis er einen Philosophieprofessor überzeugte, ihn auch ohne Abschluss an der Universität Kent aufzunehmen. Dort stellte sich Harris so geschickt an, dass er ein Stipendium für die Oxford University bekam. «Eigentlich bin ich überhaupt nicht ehrgeizig, ich hatte einfach viel Glück», kommentiert er diese Episode. Heute lebt er mit seiner Frau, einer erfolgreichen Regisseurin, in London. Der dreissigjährige Sohn ist kürzlich ausgezogen.

Sein neustes Buch heisst «How to Be Good». Sollen wir unser Gehirn einst so verändern, dass die Menschen sich besser verhalten?, fragt er sich. Er gibt eine für ihn vorsichtige Antwort: Zu lieb und harmlos sollten wir nicht werden. «Es gibt Formen von Gewalt, die ich befürworte. Sonst wären wir Hitler nicht losgeworden.» Am Ende des Gesprächs, er läuft schon weg, ruft Harris: «Ich weiss nicht, ob wir alle Fragen beantwortet haben. Sonst erfinden Sie einfach was. Das macht mir nichts.»

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