Wenn der Psychiater selber krank ist

Viele Psychiater, Psychologen und Pfleger leiden an psychischen Krankheiten. Die wenigsten können dazu stehen. Dabei sollten sie es wagen.

Pflegende in einer psychiatrischen Klinik, die keinen Zugang zum Patienten finden: Szene aus dem US-Film «One Flew Over the Cuckoo’s Nest». Foto: Ronald Grant Archive, Alamy

Pflegende in einer psychiatrischen Klinik, die keinen Zugang zum Patienten finden: Szene aus dem US-Film «One Flew Over the Cuckoo’s Nest». Foto: Ronald Grant Archive, Alamy

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Und dann würden Kollegen von ihr hereinkommen, sagt Kathrina Scior, die klinische Psychologin aus London. «Sie schliessen die Bürotür zu und senken ihre Stimme.» Und gestehen ihr, was sie allen anderen Kolleginnen und Kollegen auf der Station gegenüber verheimlichen: dass sie selber an den psychischen Krankheiten litten, die sie bei ihren Patienten behandelten: Süchte, Depressionen, Manien, Angstzustände. Diese Kolleginnen und Kollegen «denken nicht, dass sie sensibler sind als andere, sondern sie nehmen sich als schadhaft wahr. Und fürchten um ihren professionellen Ruf.»

Kathrina Scior ist Stigma-Forscherin, sie ist also spezialisiert auf Klischees, Stereotypen, Vorurteile und Diskriminierungen gegenüber Gruppen von ­Menschen. Deshalb ist sie auch nicht erstaunt, dass psychologische Profis selten von ihren eigenen psychischen Krankheiten berichten. Die Forscherin ist ans Sanatorium Kilchberg eingeladen worden, dieses heikle, geradezu tabuisierte Problem an einer Fachtagung zu behandeln: die hilflosen Helfer. Ärzte, Psychiaterinnen, Psychologen und Pfleger mit mehr oder weniger massiven psychischen Problemen.

Erschöpft und depressiv

Da ist der pflegerische Bereichsleiter Helmut Lerzer. Vor zweieinhalb Jahren arbeitete er sich in jenen Zustand, der gerne und managerkompatibel als «Burn-out» bezeichnet wird, das Lerzer bei sich als Erschöpfungsdepression wahrnahm. Er hatte seinem Team gegenüber eine Umstrukturierung vertreten müssen, die er nicht einsah und deshalb nicht glaubwürdig umsetzen konnte. Die Arbeit zermürbte ihn, er konnte nicht mehr schlafen, litt unter Stimmungsschwankungen, registrierte bei sich paranoide Vorstellungen, er fühlte sich beobachtet und komisch angeschaut, sein berufliches Selbstbewusstsein war weg. Trotzdem merkten die Kolleginnen und Kollegen nichts, bis er ihnen sein Leiden gestand. Er liess sich zwei Wochen krankschreiben, es wurden drei Monate daraus.

Schutz vor Forderungen

Die kollegialen Reaktionen auf seinen Zusammenbruch «machten zunächst alles schlimmer für mich», gesteht er, obwohl er heute froh ist, den Mut zum psychischen Coming-out gehabt zu haben. Damals zweifelte er an seinen Fähigkeiten, sorgte sich um seine weitere Karriere, fürchtete um seine Belastbarkeit. Aber sein Team unterstützte ihn, und Lerzer arbeitet wieder im Beruf. Er wisse natürlich nicht, sagt er, ob ihm ein Rückfall passieren könnte. Aber er habe gelernt, sich vor Forderungen zu schützen, die er nicht erfüllen könne oder müsse. Das Neinsagen als Therapieerfolg.

So gesund wie nötig und so krank wie möglich sollte ein Therapeut für C. G. Jung sein.

Oder da ist die deutsche Psychiaterin Margrit Osterfeld, der von einem Kollegen beiläufig mitgeteilt wurde, sie sei psychotisch – dabei habe sie nur ein vertragliches Problem ansprechen wollen. Osterfeld leidet unter einer bipolaren Störung, und sie trägt ihren Umgang mit ihrer Krankheit und ihrem Beruf konsequent an die Öffentlichkeit, um «den Vorhang des Schweigens» aufzuzeigen. Die Psychiaterin erzählt den Kollegen in Kilchberg ausführlich, wie es ihr als kranke Heilerin ergangen sei. Sie wurde zweimal gegen ihren Willen psychiatrisiert und weiss genau, wie sich diese Art von Freiheitsberaubung auswirkt.

In der Folge hätten sie fast alle ihrer Kolleginnen und Kollegen gemieden, sagt sie. Trotzdem findet auch sie es gut, diese Erfahrungen gemacht zu haben. «Sonst wäre ich eine Durchschnittspsychiaterin geblieben.» Auch Osterfeld arbeitete bis zur Pensionierung wieder in ihrem Beruf. Obwohl sie ihren Patienten nichts über die eigene Krankheit erzählte, empfindet sie diese als «ungeheuren Erfahrungsgewinn». Sie wusste mehr über die Macht der Psychiatrie und die Ohnmacht des psychisch Kranken als alle anderen, die mit ihr arbeiteten. «Es ist schon eigenartig», sagt sie, «mit welcher Selbstverständlichkeit wir aufgrund einer Diagnose Gefährlichkeit oder Selbstgefährdung annehmen und einen Patienten ohne seine Zustimmung einweisen.» In Nordrhein-Westfalen, wo Osterfeld tätig war, sei das bei 20 Prozent der Patienten der Fall gewesen. Eine hohe Zahl.

Viele Betroffene

Dass Männer und Frauen in Heilberufen sensibler und damit auch labiler sind als andere, kann nicht überraschen, denn gerade das macht sie empathisch für das Leiden anderer. Ein guter Therapeut, hat der Schweizer Psychiater C. G. Jung einmal gesagt, müsse «so gesund wie nötig und so krank wie möglich» sein.

Wie viele Heilpersonen sind aber so krank, dass ihre Arbeit und sie selber darunter leiden? Kathrina Scior, die Forscherin aus London, zitiert aus englischen Studien, die in den letzten Jahren erstellt wurden. Eine landesweite Umfrage von 2015 bei 1300 psychologischen Profis hat ergeben, dass fast die Hälfte in den letzten Wochen unter depressiven Gefühlen gelitten hatte. 70 Prozent erlebten Stress bei ihrer Arbeit, die Hälfte hielten sich öfters für Versager.

Eine andere Umfrage, die bei fast 700 Psychologinnen und Psychologen durchgeführt wurde, kam sogar auf noch höhere Zahlen: 63 Prozent von ihnen haben persönliche Erfahrung mit psychischen Problemen, das sind über 20 Prozent mehr als bei der Normalbevölkerung. Immerhin suchten 84 Prozent der Betroffenen selber therapeutische Hilfe auf. Ein Viertel von ihnen erzählte dem Arbeitgeber von ihren Problemen, die anderen hatten Angst um den Fortlauf ihrer Karriere. Trotz diesen Zahlen oder gerade ihretwegen empfiehlt die Forscherin das psychische Coming-out.

Wenn Patienten anderen helfen

Dass psychisch besonders Sensible anderen trotzdem helfen können, gilt nicht nur für Psychiaterinnen und Psychologen. Seit einigen Jahren machen psychiatrische Kliniken gute Erfahrungen mit sogenannten Peers. Das seien ehemalige Patientinnen und Patienten, sagt Gianfranco Zuaboni vom Sanatorium Kilchberg, «die eine Ausbildung gemacht haben und jetzt selber Patienten mitbetreuen».

Sie arbeiten in der Gruppentherapie, führen therapeutische Einzelgespräche, leiten Seminare. Die klinische Erfahrung lehre, sagt Zuaboni, dass «Peers oft besser an die Patienten herankommen, weil sie nämlich glaubwürdig sind: Sie wissen ja selber, was ein Patient durchmacht.» C. G. Jung hätte dieser Befund gefallen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.09.2017, 17:16 Uhr

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stationäre Aufenthalte aufgrund einer psychiatrischen Hauptdiagnose wurden 2014 in Schweizer Spitälern gezählt. Das entspricht 13 Fällen pro 1000 Einwohner. Die Zahl der Psychiatriefälle in Spitälern nahm damit innert 12 Jahren um gut 16 Prozent zu.

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Prozent der psychiatrischen Hauptdiagnose bei stationärer Behandlung sind Depressionen. Diese werden bei Frauen am meisten festgestellt, gefolgt von neurotischen Belastungsstörungen sowie Psychosen. Bei den Männern stehen Störungen durch Alkohol an erster Stelle.

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