Der plötzliche Herztod kann in der Familie liegen

Mit einem Pilotprojekt wollen Forscher der Uni Zürich erstmals Angehörige warnen.

Während eines Premier-League-Spiels kollabierte der Bolton-Spieler Fabrice Muamba auf dem Feld. Foto: Popperfoto (Getty Images)

Während eines Premier-League-Spiels kollabierte der Bolton-Spieler Fabrice Muamba auf dem Feld. Foto: Popperfoto (Getty Images)

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Es waren dramatische Momente, als Fabrice Muamba auf dem Fussballfeld zusammenbrach. Dass es ernst stand um den Spieler des englischen Clubs Bolton Wanderers war allen Umstehenden schnell klar. Muambas Herz hatte aufgehört zu schlagen. Das medizinische Team versuchte ihn mit Herzmassagen am Leben zu halten. Erst 78 Minuten später, inzwischen im Spital, begann das Herz des Profifussballers wieder selbstständig zu arbeiten.

Erleidet ein trainierter, scheinbar gesunder, junger Mensch einen Herzstillstand, ist häufig eine genetisch bedingte Herzkrankheit die Ursache. So auch bei Fabrice Muamba, sein Herzmuskel ist angeschlagen, hypertrophe Kardiomyopathie heisst die Krankheit im Fachjargon. Unter Belastung kann sie zu gefährlichen Herzrhythmusstörungen führen. Der Fussballer ahnte nichts von seinem Leiden. Er hatte aber grosses Glück im Unglück, weil die Premier League sehr gut auf solche Situationen vorbereitet ist und ein zufällig im Stadion anwesender Kardiologe schnell bei der Erstversorgung mithalf.

Nicht immer nehmen diese Geschichten ein solch glückliches Ende. Auch in der Schweiz sterben Menschen unter 40 Jahren am plötzlichen Herztod. Genaue Zahlen gibt es nicht. Experten schätzen, dass es jährlich rund 80 Menschen sind. Die Dunkelziffer liegt vermutlich höher, weil auch Verkehrsunfälle oder der Tod durch Ertrinken einen solchen Hintergrund haben können. Dabei sind vererbte Herzkrankheiten oft die Ursache.

Angehörige sollten Test machen

Umso wichtiger wäre es für die Familien, die genaue Todesursache der plötzlich Verstorbenen zu erfahren, denn sie gehören meist selbst zur Risikogruppe und sollten sich von einem Spezialisten untersuchen lassen. In der Schweiz geschieht das bisher aber nicht systematisch. Ein Team des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Zürich (IRM) und des Universitätsspitals Zürich möchte dies mit einem Pilotprojekt nun ändern. Vor allem weil es immer mehr technische Möglichkeiten gibt, um derartige Gendefekte aufzuspüren.

«Lässt sich nicht genau feststellen, woran ein Mensch unter 40 Jahren gestorben ist, lohnt sich die Genanalyse auf jeden Fall», sagt Cordula Haas, Biologin am IRM und Mitinitiantin des Pilotprojekts. In rund 15 bis 35 Prozent der Fälle, je nach Studie, finden die Forscher Genvarianten, die möglicherweise tödliche Herzrhythmusstörungen auslösen. Vermutlich liegt die Anzahl potenzieller Gendefekte noch höher, es sind einfach noch nicht alle verantwortlichen Gene identifiziert. Wichtig sei es auch, mehr öffentliches Bewusstsein für diese Erkrankungen zu schaffen.

Stirbt ein jüngerer Mensch in Zürich unerwartet, entscheidet ein Staatsanwalt vor Ort nach Rücksprache mit dem Bezirksarzt oder einem Vertreter des IRM und der Polizei, ob es eine Obduktion gibt. «Wir müssen in erster Linie abklären, ob keine Dritteinwirkung vorliegt», sagt Daniel Kloiber, Leitender Staatsanwalt der Staatsanwaltschaft Zürich-Sihl. Auch die Staatsanwaltschaft Zürich unterstützt das Pilotprojekt.

«Das erstmalige Auftreten von Symptomen kann tödlich sein.»Ardan Saguner

Ist die Todesursache nicht offensichtlich, kommt der Tote ins Institut für Rechtsmedizin. Vor der Obduktion machen die Rechtsmediziner eine Ganzkörper-Computertomografie des Toten, bevor sie Kopf, Brust- und Bauchraum öffnen und die Organe untersuchen. Besteht der Verdacht auf eine Herzerkrankung, gibt es noch eine feingewebliche Untersuchung des Herzens. Auch die chemisch-toxikologische Untersuchung der Körperflüssigkeiten gehört zur Obduktion, um allfällige Spuren von Medikamenten oder Drogen nachzuweisen.

«Gewisse Herzerkrankungen erfasst man bei der Standardobduktion jedoch nicht», sagt Daniela Barbon-Jermini, Fachärztin für Rechtsmedizin am IRM. Identifizieren lassen sie sich, wenn man beim Verstorbenen einen Gentest durchführt. Anschliessend bekommen die Angehörigen einen Brief, der sie über die Resultate informiert und den Gang zum Spezialisten empfiehlt. Die Gentests an den Verstorbenen kosten momentan noch rund 5000 Franken pro Fall. Für das Pilotprojekt arbeitet das Labor zum Selbstkostenpreis, und die beteiligten Institute und die Staatsanwaltschaft teilen sich die Ausgaben. Die Forscher hoffen, dass weitere Kantone dem Zürcher Beispiel folgen werden.

Kardiologen raten zum Gentest

Am Universitätsspital übernehmen die Kardiologen Christine Kissel und Ardan Saguner die Betreuung der Familienangehörigen. «Wir bieten den Verwandten ersten Grades eine umfassende Beratung und anschliessende Untersuchung», sagt Kissel, die auf Sportkardiologie spezialisiert ist. Ob jemand wissen möchte, ob er das belastende Gen in sich trägt, ist dann eine persönliche Entscheidung. Die Kardiologen raten allerdings dazu, weil sie in rund 30 bis 50 Prozent der Fälle helfen können.

Es gibt verschiedene vererbte Herzerkrankungen, die tödliche Rhythmusstörungen auslösen können. Auch wenn die Betroffenen zuvor völlig gesund wirkten. Einerseits ist dann wie bei Fussballer Fabrice Muamba der Herzmuskel betroffen, oder es handelt sich um sogenannte Ionenkanalerkrankungen, bei denen die Blut-Salz-Ströme auf molekularer Ebene gestört sind. «Leider kann schon das erstmalige Auftreten von Symptomen tödlich enden», sagt Saguner, dessen Spezialgebiet die Herzrhythmusstörungen sind. Gerade Ionenkanalerkrankungen sieht man bei einer Obduktion nicht, am lebenden Patienten kann ein geschulter Kardiologe sie im Elektrokardiogramm (EKG) jedoch häufig erkennen.

Der Tod kommt auch im Schlaf

Nicht alle Betroffenen sterben bei Höchstbelastungen im Sport, beinahe so viele erwischt es im Schlaf. Rund ein halbes Prozent der Bevölkerung ist von diesen Krankheiten betroffen. Eine gefährliche, genetisch bedingte Herzkrankheit ist beispielsweise das Brugada-Syndrom, das zu Herzrhythmusstörungen und Kammerflimmern führen kann. Selbst plötzliche akustische Reize können für die Herzen dieser Menschen zu viel sein. «Patienten mit einer besonderen Form einer Ionenkanalerkrankung, dem sogenannten Long-QT-Syndrom Typ 2, dürfen zum Beispiel keinen Wecker benutzen», sagt Kissel. In schweren Fällen implantieren die Spezialisten einen Defibrillator, um die gefährlichen Störungen zu verhindern.

Die Ärzte können zwar nicht allen Betroffenen medikamentös oder mit chirurgischen Eingriffen helfen, doch auch Änderungen des Lebensstils zeigen Wirkung oder ergänzen die medikamentöse Behandlung. Das musste auch Fabrice Muamba hinnehmen. Der talentierte Mittelfeldspieler überlebte den Herzstillstand zum Erstaunen vieler ohne irgendwelche Folgeschäden, musste aber schweren Herzens seinen geliebten Leistungssport aufgeben. Inzwischen hat sich der Engländer aber zum Sportjournalisten ausbilden lassen und ist seit dem Vorfall zum zweiten Mal Vater geworden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.06.2018, 18:41 Uhr

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