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Der Kinderarzt und sein Vermächtnis

Remo Largo spannt in seinem neuen Buch den Bogen von den Kindern zu den Erwachsenen. Und beschreibt die Voraussetzungen für ein glückliches Leben.

Sein neues Buch handelt von den Erwachsenen: Buchautor Remo Largo. Foto: Daniel Ammann
Sein neues Buch handelt von den Erwachsenen: Buchautor Remo Largo. Foto: Daniel Ammann

Familienmagazine haben diese Aussicht schon in vielen Homestorys beschrieben – und sie ist tatsäch­lich wunderbar. Hier am Ricken, hoch über dem Obersee, wohnt Remo Largo, langjähriger Kinderarzt, einer der meistgelesenen Buchautoren für ­Erziehungsfragen («Babyjahre», «Kinderjahre», «Jugendjahre») und Lichtfigur mindestens zweier Elterngenerationen in der Schweiz («Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht»).

Largo (73) freut sich selber jeden Tag an seiner Aussicht. Bei unserem Besuch ist es zwar ­regnerisch und wolkenverhangen. Schnell zückt er aber sein Smartphone – und zeigt einen Streifzug über sein Balkonpanorama bei strahlendem Sonnenschein vom Bachtel bis zu den höchsten Glarner Alpen. Wow! Den Gedanken, dass ihn diese Weitsicht für sein neuestes Buch «Das passende Leben» inspiriert hat, weist selbst Remo Largo nicht zurück.

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Das Buch ist so etwas wie das Vermächtnis seiner gesamten Erfahrungen aus 50 Jahren Forschung und Beratertätigkeit. Er beschreibt darin das Grundprinzip eines glücklichen Lebens, wonach jeder Mensch in einer Umwelt lebt, in der er seine Fähigkeiten gemäss seinen Möglichkeiten entfalten kann. Das neue Buch, in dem er die Erfahrungen mit Kindern auf Erwachsene überträgt, ist eine Art Weiterführung seiner früheren Bücher. «Ich hätte das Buch nie schreiben können, wenn ich mich nicht ein Leben lang mit Kindern beschäftigt hätte», sagt Largo.

Lernen von den grossen Russen

Ausgehend von der grundlegenden Naturgeschichte des Menschen, spannt Largo den Bogen von der Evolution des Homo sapiens bis zu den Widrigkeiten, mit denen sich der heutige Homo oeconomicus herumschlagen muss. Ihm schwebt nichts weniger als ein ganzheitliches Bild des Lebens vor, das er in seinem unaufdringlichen, verständlichen Stil skizziert. Das Buch mündet in einer Gesellschaftskritik an unserer konsumorientierten Massengesellschaft, die trotz ihrer Sucht nach Individualität die Menschen gerade am Ausleben ihrer Einzigartigkeit hindert und uns immer mehr überfordert. Beweis genug dafür sei die steigende Burn-out-Rate, die bei den Erwachsenen begonnen habe, dann epidemieartig die Jugendlichen erfasst habe und heute nun bereits Kinder betreffe, die den Anforderungen der Schule nicht mehr genügten.

Largo stellt dieser kalten Anonymität das Ideal einer vielleicht 300-köpfigen Lebensgemeinschaft vertrauter Menschen entgegen, die eine Umwelt biete, in der die Grundbedürfnisse – dazu gehörten nicht nur Nahrung und Gesundheit, sondern auch Geborgenheit und soziale Anerkennung – eines ­jeden befriedigt werden könnten. Das ist die erste Voraussetzung für ein «passendes Leben». Die zweite ist, dass der Mensch seine Kompetenzen und Fähigkeiten, die er von der Natur vorgegeben erhalte, frei und in seinem Tempo entfalten könne.

Hier schöpft Largo aus seiner Arbeit mit Kindern, deren Entwicklung ebenfalls sehr unterschiedlich und oft nicht nach dem Fahrplan verläuft, den die Schule vorgibt. Er zitiert das Beispiel des neun­jährigen Luca, der notorisch unkonzentriert und unruhig war. Er fühlte sich als Versager, weil er mit neun Jahren noch immer nicht lesen konnte. Für Largo war Luca ein klassischer Fall eines Kindes, das nicht sich selbst sein konnte. «Als es uns gelang», so schreibt Largo, «die Eltern auf die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten des Kindes einzustellen, verbesserten sich sein körperlicher und sein psychischer Zustand, und seine Lern­bereitschaft wuchs.»

Dass dies nicht bedeutet, dass allen jegliche Hürden aus dem Weg geräumt werden müssen, zeigt die Biografie des Professors selber. Largo hat seine Karriere trotz einiger Widerstände und Schicksalsschläge gemacht. Als Sohn eines Mechanikermeisters in Winterthur geboren, war er eigentlich dazu vorgesehen, dessen Werkstätte später zu übernehmen. So durfte der clevere Junge erst mal nicht ins Langzeitgymnasium gehen. Dann zeigte sich jedoch, dass sein jüngerer Bruder Interesse am Mechanikerberuf hatte. «Somit war ich frei, konnte über das Kurzzeitgymnasium den akademischen Weg einschlagen.» Im Alter von 13 Jahren wurde er schwer krank und musste acht Wochen das Bett hüten. Largo nutzte die Zeit und verschlang die grossen russischen Literaten wie Tolstoi und Dostojewski, deren präzise Darstellung der Menschen in ihrer ganzen Unperfektion und mit ihren sozialen Nöten ihn tief beeindruckte.

Schicksalsschlag in jungen Jahren

Nach dem Studium der Medizin wollte Largo Kinderchirurg werden, doch ein weiterer Schicksalsschlag warf ihn zurück. Er hatte das Gehör auf dem rechten Ohr verloren und litt an starkem Schwindel, was es ihm verunmöglichte, als Chirurg zu arbeiten. Das hinderte ihn nicht daran, seine glanzvolle Karriere als Pädiater zu lancieren. Nach Forschungsaufenthalten in den USA kam er 1978 zurück an die Universität Zürich, wo er die ­legendären Zürcher Longitudinalstudien übernahm und weiterführte. Darin haben Forscher seit 1954 die Entwicklung von mehr als 900 Kindern von der Geburt bis ins frühe Erwachsenenalter minutiös aufgezeichnet und so das Verständnis für die Gesetzmässigkeiten und die Vielfalt der kindlichen Entwicklung erheblich erweitert. Von den Lebensbedingun­gen über die Schlafgewohnheiten bis zu den geistigen Entwicklungsschritten der Kinder wurden dabei alle möglichen Daten erfasst und ausgewertet.

Remo Largo ist ohne Zweifel ein Getriebener für die Sache des Kindes, ein Kämpfer für kinder­gerechte Schulen, ein überzeugter Gesellschafts­kritiker auch. Was er dagegen nicht sein will, ist ein Alt-68er, wie ihn die «Weltwoche» vor einigen Jahren einmal darstellte. «Ich bin in vieler Hinsicht kein 68er», sagt Largo. «Unter anderem habe ich nie den Sinn der Armee angezweifelt.» Im Militär war Largo bei den Gebirgsgrenadieren, so kam er auch auf die Dufourspitze, worauf er heute noch stolz ist. Trotzdem ist er nicht blind vor Begeisterung. «Was wir dort manchmal machen mussten, war haarsträubend. Einmal war ich so aufgebracht und protestierte derart heftig, dass ich danach drei Tage Arrest einzog, so sinnlos schien mir das.»

Genauso wenig hält Largo noch heute mit Kritik zurück, doch sie basiert auf wissenschaftlichen ­Argumenten. So hat er sich gegen den Lehrplan 21 ausgesprochen, weil dieser zu wenig Rücksicht auf die Entwicklung der Kinder nehme, gegen die Weiterbildungseuphorie, weil das Geschäftemacherei sei, und neustens kritisierte er auch die Durch­setzung des Frühfranzösisch, weil die Art, wie es in der Primarschule gelehrt werde, nicht kinder­gerecht und gar kontraproduktiv sei. Sein neues Buch soll jedoch sein letztes gewesen sein. «Ich habe sechs Jahre daran gearbeitet, und es war ein Chnorz am Schluss», sagt Largo. Dass man das nicht merkt, ist wohl das Verdienst des unermüdlichen Pädagogen, der in dem Kinderarzt Largo steckt.

Remo H. Largo: Das passende Leben. Fischer, 2017. 480 S., ca. 29 Fr.

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