Der freudvolle Dogmenbrecher

Kein anderer Arzt hat das Feld der Bluthochdruck-Medizin so geprägt wie der Kardiologe Franz Messerli. In seiner Karriere hat er immer wieder Lehrmeinungen auf den Kopf gestellt. 

Hat seinen eigenen Blutdruck meist gut im Griff: Franz Messerli. Foto: Beat Mathys

Hat seinen eigenen Blutdruck meist gut im Griff: Franz Messerli. Foto: Beat Mathys

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Nun also das Salz. «Seit hundert Jahren sagt man, dass Salz schädlich fürs Herz sei, das ist die Lehrmeinung, ein Dogma», erzählt Franz Messerli bei unserem Treffen im Inselspital Bern. Auch er selber habe jahrzehntelang darauf geachtet, ja nicht zu viel Salz zu essen, davon könnten seine drei mittlerweile längst erwachsenen Kinder ein Lied singen. Doch das Salz-Dogma geriet vor zwei Wochen so richtig ins Wanken, und Messerli, ein renommierter Berner Kardiologe mit Weltruf, half dabei kräftig mit. Er kommentierte im Ärzteblatt «The Lancet» eine kanadische Studie, die das Salz praktisch komplett rehabilitierte. Die Erkenntnisse der Studie, dass Salz möglicherweise sogar das Herz schütze, anstatt ihm zu schaden, sei «äusserst provokativ», schrieb Messerli.

Als der 76-Jährige diese Geschichte erzählt, funkeln seine Augen, und man merkt: Er hat nach wie vor grossen Spass daran, alte Lehrmeinungen über den Haufen zu werfen. Denn das Salz-Dogma ist nur das letzte in einer langen Reihe, für deren Demontage Messerli mit- oder gar hauptverantwortlich war. Vor allem hat der Bluthochdruck-Experte in den letzten gut zehn Jahren ein blutdrucksenkendes Medikament nach dem anderen für untauglich erklärt und dafür gesorgt, dass einige ehemalige Blockbuster heute kaum noch zum Einsatz kommen.

Betablocker schützen das Herz nicht

Zum Beispiel die Betablocker. Noch vor 20 bis 25 Jahren habe man geglaubt, diese Medikamente würden das Herz schützen, sagt Messerli. Damit war Schluss, als sein Team 1998 zeigen konnte, dass Betablocker bei normalen Bluthochdruck-Patienten ohne weitere Herz-Kreislauf-Erkrankungen zwar den Blutdruck effektiv senken, dem Herz aber potenziell mehr schaden als nützen. Die Karriere der Betablocker zur Herzinfarkt-Prophylaxe war damit beendet. Bei Patienten, die an einer Herzschwäche oder an Herzrasen leiden oder die schon einen Herzinfarkt hatten, seien diese Mittel aber nach wie vor angezeigt, sagt Messerli.

Gut zehn Jahre später, 2009, war Hydrochlorothiazid (HCT) an der Reihe, der damals in den USA am meisten verschriebene Blutdrucksenker. HCT senke den Blutdruck schlechter als andere Mittel, und es gebe keine Hinweise darauf, dass HCT das Risiko für Hirnschlag und Herzinfarkt reduziere, lautete Messerlis vernichtendes Urteil. Und erst vor wenigen Monaten konnte er zeigen, dass die bei Bluthochdruck häufig eingesetzten ACE-Hemmer nicht besser wirken als die ebenfalls gängigen Sartane, aber deutlich mehr Nebenwirkungen haben, vor allem lästigen Husten.

Nicht nur wegen solch wegweisender Studien gilt Messerli als absolute Koryphäe auf dem Gebiet der Hypertonie (Bluthochdruck). Den grössten Teil seiner beruflichen Karriere, rund 40 Jahre, verbrachte er in den USA, zuerst 28 Jahre an der Ochsner Clinic und der Tulane University in New Orleans, danach11 Jahre an der Mount Sinai Icahn School of Medicine in New York. Fast tausend Publikationen hat er in der Zeit (mit)verfasst. Besonders stolz ist er auf seine vielen Schüler, deren «erste Schritte im Irrgarten der medizinischen Wissenschaft» er überwachen durfte und die dann auf der ganzen Welt an medizinischen Hochschulen Karriere gemacht haben.

Menschliches Herz: im Zentrum von Messerlis ärztlicher Tätigkeit. Bild: Getty Images/Vetta

Mit einer Publikation, vielleicht seiner berühmtesten, narrte er vor sechs Jahren die halbe Fachwelt. Im renommierten Ärzteblatt «New England Journal of Medicine» berichtete Messerli, es gebe einen klaren Zusammenhang zwischen dem Schokoladenkonsum und der Nobelpreisträgerdichte eines Landes. Logisch, dass die Schweiz dabei besonders gut abschnitt.

Die Schokoladenstudie lösteheftige Diskussionen aus

Und kein Wunder, löste die Studie heftige Diskussionen aus. Das sei keine seriöse Wissenschaft, kritisierten ihn Kollegen lautstark. Nur, Messerlis Studie war gar nicht todernst gemeint: «Ich wollte einfach zeigen, dass selbst eine sehr gute Korrelation zweier Parameter noch lange nicht bedeutet, dass auch ein kausaler Zusammenhang besteht.»

Auch wenn Messerli immer noch viel und gerne um den Globus reist, Vorträge hält und Fortbildungen gibt, ist sein Lebensmittelpunkt heute wieder die Schweiz. Am Inselspital in Bern, wo er vor über 50 Jahren seine medizinische Karriere lancierte, behandelt er an drei Tagen pro Woche Patienten. Meist seien es komplizierte Fälle, die er zusammen mit einem Assistenz- oder Oberarzt begutachte; so gebe er sein Wissen weiter, sagt Messerli. Sein Credo: «Wenn man Vorträge gibt und andere Ärzte lehrt, wie man behandeln soll, dann sollte man selber auch noch Patienten behandeln.»

Noch besser ist es, wenn man zudem das, was man den Leuten rät, auch selber vorlebt. Er habe seinen eigenen Blutdruck meistens gut im Griff, sagt Messerli. «Ich war sportlich immer sehr aktiv.» Auch heute noch joggt der Schlankgebliebene zwei-, dreimal die Woche von seinem Wohnort Oberhofen am Thunersee hoch nach Heiligenschwendi. 500 Höhenmeter notabene.

«Ich durfte manchmal meinem Vater assistieren, mitten in der Nacht beim Kalbern oder bei einem Kaiserschnitt.»

Aufgewachsen ist Messerli nicht weit vom Thunersee entfernt, in Schwarzenburg, als Sohn eines Tierarztes und einer Hausfrau, zusammen mit zwei jüngeren Geschwistern. «Ich durfte manchmal meinem Vater assistieren, mitten in der Nacht beim Kalbern oder bei einem Kaiserschnitt.» Das habe ihm sehr gut gefallen, sagt Messerli, doch sein Bruder habe von Anfang an gesagt, er wolle dann auch mal Tierarzt werden. Daher habe er, Franz, sich für das Studium der Humanmedizin entschieden.

Neben der väterlichen Veterinärmedizin hätten ihn in seiner Kindheit vor allem die Berge geprägt, erzählt Messerli. «Ich bin viel geklettert und auf Gipfel gestiegen.» Selbst im Militär, das er sehr schätzte und wo er es bis zum Rang des Hauptmanns brachte, war er als Gebirgsarzt oft im Hochgebirge unterwegs. Einmal sei er für einen Kurs im Bergell sogar extra von New Orleans eingeflogen.

Einer seiner Söhne ist ebenfalls Kardiologe

Eigentlich wäre Messerli gerne in New York geblieben, die Stadt hatte es ihm angetan. Zudem leben auch zwei seiner drei Kinder aus erster Ehe in den USA. Sein älterer Sohn ist ebenfalls Kardiologe, in Lexington, Kentucky. «Wir haben engen Kontakt und kommunizieren ein-, zweimal pro Tag per Whatsapp.» Dass er nun trotzdem wieder in der Schweiz lebt, hat damit zu tun, dass seine zweite Frau genug von New York hatte. Ein Versuch, halb in Louisiana, halb im Berner Oberland zu leben, funktionierte nicht. Es kam zur Trennung.

Trotzdem, mit dem Kapitel USA hat Messerli noch nicht ganz abgeschlossen. «Ich möchte den amerikanischen Pass gerne abgeben», sagt er. Nur, ganz so einfach ist das Vorhaben, die US-Staatsbürgerschaft loszuwerden, nicht. «Das ist leider ein langwieriger, komplizierter Prozess.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.08.2018, 17:38 Uhr

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