«Der Arzt ersetzt den Priester»

Intensivmediziner Renato Lenherr und Medizinethikerin Tanja Krones erklären, warum Ärzte in der Schweiz die Organspende nach Freitodbegleitung nicht praktizieren.

Soll aktive Sterbehilfe in der Schweiz legalisiert werden, um Organtransplantationen zu ermöglichen? Styroporbox für den Organtransport. Foto: Sean Gallup (Getty Images)

Soll aktive Sterbehilfe in der Schweiz legalisiert werden, um Organtransplantationen zu ermöglichen? Styroporbox für den Organtransport. Foto: Sean Gallup (Getty Images)

Immer wieder wird der Wunsch geäussert, eine Organspende nach einer Freitodbegleitung durchzuführen. In Belgien und Holland praktizieren dies Ärzte seit einigen Jahren. Wieso macht es in der Schweiz niemand?
Renato Lenherr: So wie heute die Freitodbegleitung durchgeführt wird, ist der Sterbeprozess zu langsam für eine Spende: Die Organe sind geschädigt, bis sie entnommen werden können. Die aktive Sterbehilfe wie in Holland und Belgien ist in der Schweiz nicht erlaubt. Dabei verabreicht ein Arzt den Sterbewilligen intravenös ein Betäubungsmittel und anschliessend ein Muskelrelaxans. Das geht bei der Freitodbegleitung nicht. Die Sterbewilligen können das nicht bei sich selber durchführen.

Begegnen Sie am Unispital diesem speziellen Organspendewunsch?
Tanja Krones: Wir haben tatsächlich immer wieder entsprechende Anfragen und nehmen das Thema deshalb sehr ernst. Es wurde weltweit jedoch noch nie ein Fall veröffentlicht, bei dem die Organspende nach assistiertem Suizid vorgenommen wurde. Ethisch wäre es aber in bestimmten Fällen nach sorgfältiger Überprüfung zulässig. Es scheitert letztlich an der medizinischen Umsetzungsmöglichkeit. Heute wird bei der Freitodbegleitung meist das Narkose­mittel Natrium-Pentobarbital verabreicht. Danach funktioniert der Kreislauf der Sterbewilligen meist noch relativ lange. Bis der Hirntod eintritt, sind die Organe zu sehr geschädigt.

Wäre ein anderes Verfahren denkbar, das eine Organspende ermöglichen würde? Ein Gerät etwa, das ein Sterbewilliger aktivieren kann und die Infusionen vornimmt?
Lenherr: Das ist nicht per se ausgeschlossen. Ein entsprechender Prozess müsste jedoch etabliert sein und schnell ablaufen. Dafür braucht es wissenschaftliche Untersuchungen im Spital, bei denen Parameter wie Blutdruck und Sauerstoffsättigung gemessen würden. Bei der Freitodbegleitung, wie sie heute praktiziert wird, wurden solche Dinge noch nie wissenschaftlich beschrieben.

In der Schweiz könnten auf diese Weise jährlich rund 70 potenzielle Organspender hinzukommen. Müsste das nicht jemand an die Hand nehmen und untersuchen?
Lenherr: Ja, aber das ist nicht unsere Aufgabe als Intensivmediziner, das müssen andere tun. Uns geht es nicht darum, um jeden Preis möglichst viele Organe zu transplantieren. Wir möchten einzig die Spende ermöglichen, wenn es machbar ist und die Einwilligung gegeben wurde.

Eigentlich wäre es auch unabhängig von einer Organspende wichtig, den Sterbeprozess im Rahmen einer Freitodbegleitung zu untersuchen.
Krones: Unbedingt. Was wirkt besser, was verursacht zusätzlichen Stress oder Leiden? Das wissen wir alles nicht. Da ist der Forschungsbedarf riesig. Das gilt übrigens für viele Behandlungen am Ende des Lebens.
Lenherr: Ich weiss nicht, inwieweit Sterbehilfeorganisationen das selber dokumentieren und untersuchen. Es wäre sicher im Interesse der Sterbewilligen, mehr über den Prozess zu wissen.

Es gibt auch Sterbewillige, die äussern den extremen Wunsch, durch eine Organentnahme zu sterben.
Krones: Diesem Wunsch begegne ich auch immer wieder. Es gibt Menschen, denen ist nichts wichtiger, als zu sterben und dabei altruistisch Organe zu spenden. Doch die Entnahme lebenswichtiger Organe vor dem Tod, um zu spenden, widerspricht aktuellen medizinisch-ethischen und juristischen Grundsätzen. Weltweit macht dies niemand.

Was steckt dahinter, wenn jemand unbedingt durch eine Operation sterben will?
Krones: Historisch betrachtet hat die moderne Medizin in gewisser Weise die Religion abgelöst. Der Operationstisch ersetzt den Altar und der Operationsarzt den Priester. Es ist nachvollziehbar, wenn Menschen diese Verbindung herstellen und sich auf diese Weise opfern wollen. Doch wir bringen heute keine Menschenopfer mehr, schon gar nicht als Ärzte. Lenherr: Vielleicht ist es auch die Angst vor dem Sterbeprozess, die diesen Wunsch aufkommen lassen. Die kontrollierte Situation einer Operation und die Narkose geben eine gewisse Sicherheit. Ich kenne allerdings keinen Chirurgen, der das machen würde.

Es gibt Menschen, denen ist nichts wichtiger, als zu sterben und dabei altruistisch Organe zu spenden.

Auch ohne Organspende findet in der Schweiz die Freitodbegleitung an Spitälern kaum statt. Warum ist das so?
Krones: Es gibt einen Röstigraben. In der Westschweiz wird die Freitodbegleitung an Spitälern durchgeführt. Insbesondere an den Unispitälern Lausanne und Genf, allerdings äusserst selten. In der Deutschschweiz diskutieren wir das. Am Unispital Zürich verhindern wir derzeit den assistierten Suizid nicht, wir fördern ihn aber auch nicht. Dadurch soll beim Personal ein Rollenkonflikt verhindert werden. Das ist auch an anderen Spitälern so. Den Besuch von Sterbehilfeorganisationen wie Exit erlauben wir. Eine Freitodbegleitung muss jedoch ausserhalb des Spitals geschehen. Grundsätzlich finde ich jedoch, dass das Thema Freitodbegleitung in seiner Problematik stark überschätzt wird.

Inwiefern überschätzt? Im Jahr 2014 starben 740 Personen auf diese Weise – das sind fast gleich viele wie durch Suizid.
Krones: An Spitälern geht es bei der Freitodbegleitung um ganz wenige Fälle, bei uns sind es vielleicht zwei oder drei im Jahr. Dabei bestehen oft Missverständnisse. Zum Beispiel bei Dialyse­patienten, welche die Hilfe von Exit beanspruchen möchten. Das ist unsinnig. Denn eigentlich kann die Dialyse einfach eingestellt werden. Doch diese Möglichkeit wird in der Regel kaum ärztlich diskutiert. Auch die Sterbehilfeorganisationen thematisieren dies oft nicht.

Das Einstellen der Dialyse wäre als passive Sterbehilfe erlaubt.
Krones: Genau. Es ist ein absehbarer Prozess, den man gut palliativ begleiten kann. Die Patienten trüben ein und sterben innerhalb weniger Tage einen meist friedlichen Tod.

Sehen Sie letztlich also gar keine Notwendigkeit, Freitodbegleitungen am Spital anzubieten?
Krones: Es sind einfach sehr wenige. Die meisten können durch passive Sterbehilfe sterben. Manche sind zudem bereits urteilsunfähig – auch darauf wird bei Exit zu wenig hingewiesen. In einem solchen Fall ist in der Schweiz der assistierte Suizid ebenfalls nicht erlaubt. Offensichtlich ist dies den Leuten nicht bekannt. Letzte Woche erzählte mir eine Krebspatientin, sie sei bei Exit. Doch das hilft nicht. Weil sie Metastasen im Gehirn hat, kann ihr die Urteilsfähigkeit nicht bescheinigt werden.

Zurück zur Organspende. Eine Möglichkeit wäre, die aktive Sterbehilfe zu legalisieren. Würden Sie dies begrüssen?
Lenherr:
In Bezug zur Organspende halte ich mich aus dieser Diskussion heraus. Ich finde es nicht richtig, die aktive Sterbehilfe einzuführen, nur damit nachher mehr Organe zur Verfügung stehen. Trotzdem verfolge ich natürlich die Diskussionen. Mit der passiven und indirekt aktiven Sterbehilfe sind wir auf der Intensivstation sehr nahe am Thema. Es gibt zwar eine klare Grenze, aber diese ist sehr dünn. 2011 beendete das Parlament die Debatte um eine gesetzliche Regelung. Man wollte die aktive Sterbehilfe bewusst nicht regeln. Möglich, dass es in Zukunft einen neuen Anlauf dafür geben wird. Aber dann muss man das Thema wieder von Grund auf neu diskutieren. Dabei kann der Aspekt der Organspende dann durchaus hinzugezogen werden. Krones: Grundsätzlich bin ich persönlich ohnehin der Ansicht, dass bei der Organspende der Fokus auf Spenderzahlen kontraproduktiv ist.

Weshalb?
Krones: Von Kollegen aus Grossbritannien weiss ich, dass dort die Spenderzahlen gestiegen sind, nachdem die Diskussion vom Organmangel wegrückte. Heute dreht sich dort die öffentliche Debatte um den Spendewillen der Verstorbenen, der möglichst umgesetzt werden soll. Das finde ich auch angemessener. Denn wir haben heute nicht einfach wegen zu geringer Spendefreudigkeit zu wenig Organe. Es gibt auch nicht mehr so viele Unfalltote und eine bessere Prävention, etwa mit der Gurtetragepflicht. Wir wollen ja nicht auf die Strasse gehen und den Leuten auf den Kopf hauen oder sie Waldarbeiter werden lassen, nur damit wir mehr Organe bekommen. Zudem haben wir auch längere Wartelisten, weil wir die Indikationen erweitert haben. Es kommen heute Menschen für eine Organtransplantation infrage, die früher dafür zu krank gewesen wären.

Sie legen Wert darauf, Organspende und Sterbebegleitung inhaltlich zu trennen. Doch eigentlich gibt es keine klarere Situation, wie wenn der Spendewillige kurz vor dem Tod explizit eine Organspende wünscht.
Lenherr: Der Aspekt der Einwilligung ist tatsächlich ideal aus Sicht der Organspende. Doch die medizinischen und rechtlichen Gesichtspunkte sind ebenso wichtig. Abgesehen davon gibt es auch bei der aktuellen Regelung viele Situationen, bei denen sich Verstorbene zuvor klar für eine Spende ausgesprochen haben. Ich arbeite viel lieber daran, dass dies noch häufiger der Fall sein wird.

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